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Der Israelit · 1902-07-10 · Heft 55 (10.7.1902) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 55 (10.7.1902)
Date
1902-07-10
Page
– (sequence 18)
Language
German
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von gesprochen, daß es vornehmlich Juden seien, die Mädchenhandel treiben, und daß hauptsächlich jüdische Mädchen diesem Handel zum Opfer fallen. Leider ist Vieles davon wahr.: Dieser organisirte Handel erstreckt sich über die ganze Welt. Der Redner charakterisirte unter Anführung vieler meist bekannter Thatsachen das Treiben der „verworfensten und gewissenlosesten aller Menschen." Diesen Seelenverkäufern ist nur sehr schwer beizukommen. Sie haben ihren eigenen Geheimkode. Manche von ihnen haben sich selbst dazu angeboten, bei der Bekämpfung des Mädchenhandels mitzuwirken! Polen und Rußland stellen das größte Kontingent, sowohl was Mädchen, als auch Besitzer der Freudenhäuser und Agenten anlangt. Der Mädchenhandel erstreckt sich jetzt sogar bis China und Japan. Zwei jüdische Vereinigungen haben in der Bekämpfung dieses Handels schon manchen Erfolg erzielt: in London und in Hamburg. Die „Jewish Association" ging bald von lokalen zu allgemeinen. Aufgaben über; sie besoldet mehrere Hafenagenten. Das Hamburger Komitee wurde 1897 gegründet; zwei Jahre arbeitete es in der Stille, dann trat es vor die Oeffentlichkeit. Die Photographien der berüchtigsten jüdischen Mädchenhändler sind in Händen des Hamburger Komitee's; hervorragende Verdienste hat . sich der Vorsitzende Gustav Tuch erworben. Das jüdische Komitee wird auf dem Frankfurter Kongreß durch Tuch und Sanitäisrath Maretzky -Berlin vertreten sein. Man erließ einen Aufruf, warnend und mahnend, an die jüdischen Glaubensgenossen in Galizien, der von 509 galizischen Rabbinern und Gemeinden unterzeichnet ist. Man beschäftigt sich in Hamburg auch mit der Frage, ob man nicht Sendbotinnen zur' Aufklärung der Jugend nach Galizien schicken soll. Der Referent schlägt endlich folgende Leitsätze vor: 1. Der Nabbinerverband würdigt die Bestrebungen zur Bekämpfung des Mädchenhandels und spricht namentlich seine Befriedigung darüber ans. daß die Komitee's in London und Hamburg mit Ernst und Energie Alles aufbieten, um dem Mädchenhandel wirksam entgegenzutreten. 2. Der Nabbinerverband unterstützt diese Bestrebungen zunächst dadurch, daß seine Mitglieder die freundschaftlichen Warnungen an allein reisende Frauen und Mädchen zahlreich unterschreiben. 3. Der Rabbinerverband beschließt, ein dringliches Schreiben zunächst an die galizischen und russischen Rabbiner zu richten, worin sie nochmals, wie in einem ähnlichen, bereits früher ergangenen Aufruf, auf die große Gefahr aufmerksam gemacht und zur wirksamen Bekämpfung derselben aufgefordert werden. Eventuell sollen zunächst die galizischen Rabbiner in diesem Schreiben aufgefordert werden, zu diesem Zwecke eine Rabbinerkonferenz in Galizien einzuberufen, die dann unsererseits beschickt werden soll. ‘ Ehe die Diskussion beginnt, tritt' eine Mittägspaufe ein. i\ ** " w -Rach der Mittagspause trat die Generalversammlung des Rabbinerverbandes in die Diskussion über das Referat Rosenack-Bremen: „Die Bekämpfung des Mädchenhandels", ein. Dr. Freund-Ostrowo regte an, daß der Verband auf dem. zu Frankfurt im Oktober stattfindenden internationalen Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels vertreten sein möge. Dr. Werner-München empfiehlt verfügbare Geldmittel zur Verfolgung der Händler zu benutzen. Der Redner plaidirte für den Anschluß an alle Vereine, welche die gleichen Bestrebungen, verfolgen. F i n k e l - Pasewalk bezeichnete als Quelle der Nnsittlichkeit die Noth.die Armuth. Für die Mädchen müßte Beschäftigung gesucht werden. Dr. Rülf- Bonn schilderte die Zustände an der russischen Grenze, wo das Treiben der Mädchenhändler selbst durch russisch-polnische Beamte begünstigt werde. Im Uebrigen ist der Redner ein Freund der von Rosenack, aufgestellten Leitsätze, die von der Versammlung gutgeheißen werden. Ein Antrag Dr. Goldschmidt, auf die Verbesserung der Wohnungsverhaltnisse der jüdischen Bevölkerung in Polen und Galizien hinzuwirken. sowie ein Antrag Dr. Freund auf Bereitstellung von Mitteln zur sozialen und politischen Hebung der Verhältnisse jener Israeliten, sollen als Material dem „Hilfsverein für deutsche Juden" überwiesen werden. Goirein- Burgkunstadt wünschte Wahl einer Kommission, die sich aus Grenzrabbinern zusammensetzt und sich mit der Frage speziell beschäftigt. Dr. H o r o v i tz - Frankfurt erklärte, er werde an dem internationalen Kongreß als Vertreter des Rabbinerverbandes theilnehmen. Rach einem Schlußwort des Referenten wurde der Gegenstand verlassen. - Es folgte ein Referat von Dr. Werner- München über „Die Bethätigung des Rabbiners an der Lösung sozialer Aufgaben in der Gegenwart." Das Judenthum habe sich von Utopien in der Beurtheilung der sozialen Frage stets ferngehalten; es werde immer Arme geben. Aber Aufgabe bleib: die Linderung der Roth, in. welcher Gestalt sie uns auch entgegentrete. Das Recht auf Leben, Arbeit und Existenz dürfe nicht verkümmert tverden. Auch der Rabbinerverband muffe seinen Antheil an der Lösung der sozialen Frage haben. Das könne geschehen: durch berathende Mitwirkung bei der Berufswahl, durch Schaffung jüdischer Jünglingsvereine. die geeignet seien, der schulentlassenen Jugend die Wege zu ebnen, durch Förderung der jüdischen Studentenverbindungen, durch - bessernde Einwirkung auf gefallene Personen beiderlei Geschlechts, durch Mitarbeit in den Gefängnißvereinen. Ein zweiter Theil der sozialen Arbeit gehöre der Wiederaufrichtung schwacher Existenzen durch Darlehenskassen und Ar-

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