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Der Israelit · 1902-07-10 · Heft 55 (10.7.1902) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 55 (10.7.1902)
Date
1902-07-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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sehr großen Geldopfern von der Gesellschaft gegründete Schule ausdrücklich hiermjt aufmerksam. Die übrigen sechs jüdischen Handwerkerschulen in Rußland stehen ebenfalls nicht auf der Höhe der Zeit. Es geht ihnen hiermit genau so, wie den rustischen Handwerkerschulen, die den Ansprüchen, die im Westen Europas an eine solche Anstalt gestellt werden, ebenfalls bei weitem nicht genügen. Nun dürfen aber die Russen sich schon den Luxus, schlechte Handwerker zu besitzen, wohl gestatten, nicht aber die armen, überall verfolgten und bedrängten Juden. Diese , müssen schon Vorzügliches leisten, wenn sie überhaupt irgendwie in Betracht kommen wollen. Amerika.» Newyork, im Juli. («sai dt6 vnv" npai >wtn q-6). Eine Welt für sich ist das ' Judenviertel in Newyork. Die Zahl der dort in Miethskasernen zusammengepfercht lebenden orthodoxen, meist aus Rußland gekommenen Juden wird auf 260,000 geschätzt. Nach anderer Berechnung sind es über 400,000, wenn man die Bewohner anliegender Straßen mitzählt. Nicht weniger als fünf verschiedene in „Mdisch" mit hebräischen Schriftzeichen gedruckte Zeitungen erscheinen im Judenviertel. Es sind sehr radi- . kale Blätter, deren Aufhetzung zum großen Theil die ..Fleischkrawalle" zuzuschreiben sind, die im östlichen Newyork auf der Tagesordnung stehen. Die hohen Fleischvreise, die gegenwärtig im ganzen Lande herrschen und vom „Fleisch-Trust" künstlich hervorgerufen sind, machen sich in der armen jüdischen Bevölkerung um so mehr fühlbar, als diese nur koscheres Fleisch essen will, letzteres aber in Folge der Kosten des Schächtens und wegen seiner besonderen Art ohnehin schon theurer ist, als das gewöhnliche Fleisch. Die Händler mit koscherem Fleisch, von denen die meisten gar keinen Laden haben, sondern ihre Maare auf Karren feilbieten, wurden von den jüdischen Hausfrauen in erster Linie für die hohen Preise verantwortlich gemacht. Biele von diesen arwen Händlern, deren es über 600 gibt, griffen in ihrer Noth zum Betrug, indem sie ..christ-, liches" Fleisch als koscheres zu „christlichen", d. h. niedrigeren Preisen verkauften. Die Entdeckung des Schwindels erregte einen wahren Aufruhr. Es kam zu riesigen Judenfrauen - Versammlungen, welche die Fleischhändler mit allen Strafen des mosaischen Gesetzes bedrohten. Die Fleischhändler, die einen Verband bilden, versprachen, bis zu einer gewissen Zeit echt koscheres Fleisch zu „christlichen" Preisen beschaffen zu wollen. Als die Zeit verstrichen war, konnten sie ihr Wort nicht halten. Die Frauen beschuldigten sie nun.' daß sie mit dem Fleischtrust unter einer Decke stecken. Die Aufregung steigerte sich zum Aufruhr. Die Fleischerbuden wurden gestürmt und das Fleisch besudelt. Wer. sich, beikommen ließ, Fleisch zu. kaufen, wurde mißhandelt« Die Weiber drangen sogar in die Häuser und zerstörten alles Fleisch, das sie fanden. Die Polizei schritt ein und nahm hunderte von Verhaftungen vor. Weiber und Kinder, die Widerstand leisteten oder mit Steinen und Unrath warfen, wurden von den erzürnten Polizisten oft schlimm zugerichtet. Massenversammlungen gab es mehrere Tage hindurch und schließlich bildete sich ein Verein mit dem Namen „Ladies Anti- Meat-Association," der allgemeine Fleischenthaltsamkeit verkündete und die Drohung hinzufügte, im Judenviertel Niemandem den Fleischgenuß zu gestatten. Tie Bewegung zeigt indessen, wie tief das Volk durch den Glauben, daß das Fleisch künstlich vertheuert werde, ausgeregt ist. Inzwischen sind die Fleischpreise neuerdings gestiegen. , F e H.t.f lei o n. As kl Tagebuche eines Wur's. Von P. Jacob-Kohn. u 30. September 18 . . Eigentlich wollte ich den heutigen Tag dazu benützen, in der Schilderung meiner Kosttage fortzufahren; aber bevor ich dies thue, muß ich rasch wieder etwas vom heutigen Tag notiren. Heute ist Dienstag und ich habe zum zweiten Male bei Frau Blume gegessen. Da ich mich des Morgens pünktlich eingestellt hatte und es von dieser Seite nichts auszusetzen gab, suchte sich Frau Blume einen anderen Stein des Anstoßes, um mit mir schreien zu können. Während ich eine schon mehrere Tage alte, wahrscheinlich im Geschäfte übrig gebliebene Semmel und 'den gallbitteren Kaffee — Zucker bekam ich keinen dazu — hinunterwürgte, kam Frau Blume auf mich zu, und nachdem mich ihr Dämonenblick gestreift hatte, fragte sie ganz barsch: „Sag'n Sie, Bocher, warüm grüßen Sie nicht?" Ich war ganz erschrocken über diese Frage und im Bewußtsein meiner Schuldlosigkeit wagte ich zaghaft einzuwenden: ..Ich grüße Sie ja stets, wenn ich Sie sehe." „Das ist nicht wahr," sagte sie erregt. „Am verflossenen Schabbes sein Sie mit e Haufen Bockerim beisamm' gestanden, und als ich vorbeiging, hab'n Sie mich nix gegrüßt!" „Da habe ich Sie wahrscheinlich nicht gesehen," war meine Antwort. „Warum aber hab'n Sie nix gesehen?" fragte sie zornig. „E Bocher muß immer sehen, wenn sein ^Tag-Baalboß" oder die „Baalboßte" vorbeigeht. Merken Sie sich das!" Beim Mittagsmahl bekam ich's wieder gut ausgemacht. Es war ein Geschäftsfreund ihres Mannes

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