Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 55 (10.7.1902)
- Date
- 1902-07-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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er nun sofort nach der letzten Bestrafung neuerdings dasselbe Verbrechen beging, wurde Zelinger zur Ueberpriifung seines Geisteszustandes in die Irrenanstalt nach Sternberg geführt. Dieser Tage wurde nun die Untersuchung abgeschlossen, welche ergab, daß Zelinger geistig nicht normal und nicht zurechnungsfähig ist. Derselbe wird in der Sternberger Irrenanstalt internirt bleiben. Rußland.. Petersburg. Jüdische Händwerkerschulen in Rußland.) Durch einen Mas des Czaren stnd in Rußland mit einem einzigen Federstrich sammtliche Zünfte aufgehoben worden. Fortan darf Jedermann, der das entsprechende Gewerbe zahlt, nach Belieben Lehrlinge beschäftigen und alle Arbeiten ausführen, welche bis dahin ein ausschließliches Privilegium der mit einem Meisterdiplom versehenen Handwerker war. Diese Meisterdiplome selbst stnd vollständig überflüssig geworden, da fie von keinem Menschen mehr verlangt werden und auch Niemand mehr da ist, der fie ausstellen könnte. Nur die unglück- .seligen Juden, welche in Rußland von der Wiege bis zum Grabe unter Ausnahmegesetzen stehen, werden nach wie vor ein solches Diplom vorweisen müssen. Will nämlich ein jüdischer Handwerker das Ansiedelungsrayon verlassen und stch etwa in der dicht benachbarten Stadt Kiew niederlassen, so wird natürlich von der dortigen Polizei nach wie vor der dokumentarische Beweis von ihm verlangt werden, daß er ein Handwerker ist. Wer soll aber solches Dokument ausstellen, da die Zünfte, die bisher allein dazu berechtigt und verpflichtet waren, nicht mehr bestehen? Hier ist nun den Polizeibehörden ein weites Feld für willkürliche Behandlung der jüdischen Handwerker eröffnet und die Stellung dieser Categorie von im Schweiße ihres Angesichts sich ernährenden Juden ist dadurch noch weit unsicherer und womöglich noch unhaltbarer als bisher geworden. Die Kiewer Polizei hat auch bereits erklärt, daß sie fortan nur solche Juden als Handwerker anerkennen will, die entweder eine Handwerkerschule beendet oder einige Jahre in einer großen Fabrik gearbeitet haben. Nun werden aber Juden in großen Fabriken nur ganz ausnahmsweise beschäftigt und die Zahl der jüdischen Handwerkerschulen, die von der Regierung als solche voll anerkannt werden, ist noch viel zu gering, um alle jüdischen Handwerker ausbilden und mit Zeugnissen versehen zu können. Zwar wird von den russischen Juden auf den Gewerbeunterricht jetzt sehr großes Gewicht gelegt, so daß fast jede Mädchenschule den Schülerinnen Unterricht in Handarbeit erthcilt, allein solcher geht selten über die lAegenstände fiir den Haushaltungsgebrauch, wie Nähen, Stricken etc., hinaus.- Ferner gibt es in Rußland 22 Anstalten, in denen junge jüdische Mädchen einige weibliche Handwerke, wie Wäschenähen, Handschuhmachen, Blumenfabrikation gelehrt und Modistinnen ausgebildet werden. Für den Unter- . richt von männlichen Handwerkern sorgen 22Elementarschulen und 14 Talmud-Thoraschulen, in denen neben dem Elementarunterricht noch einige Handwerke sehr oberflächlich gelehrt werden. Dieselben .sind aber - nicht berechtigt, Meister- oder Gesellendiplome auszustellen. Dasselbe läßt sich von der an der kleinen Jeschiboh von Odessa bestehenden Abtheilung, für den Handwerksunterricht sagen. Richtige, von den Behörden anerkannte Unterrichtsanstalten zur Erziehung jüdischer Handwerker gibt es in ganz Rußland nur 12, von denen zwei, nämlich die von Warschau und Odessa, nur einfache Lehrwerkstätten sind, in denen den Zöglingen ein Handwerk, aber nicht die mindeste Elementarbildung beigebracht wird. Die Lehrwerkstätten in Warschau werden von der jüdischen Gemeinde unterhalten. Die jüdischen Zöglinge, deren Zahl im vorigen Jahre sich auf 162 belaufen hat, erhalten Unterricht, Nahrung und Kleidung gratis, wobei jeder Zögling bei einem zehnstündigen Arbeitstag jährlich. 147 Mk. verdient, aber 464 Mk. kosttet. In den 14 Jahren ihres Bestehens haben die Werkstätten 106 Handwerker ausgebildet, von denen 82 noch jetzt ihr Handwerk wirklich betreiben. Handwerkcrschulen im engsten Sinne, in denen - nebst einem Elementarunterricht eine größere. Anzahl Handwerke theoretisch und praktisch gründlich gelehrt werden sollen, gibt es in Rußland nur zehn, von denen die von dem kürzlich in Armut verstorbenen Philantropen Meier Friedland in Dwinsk gegründete eine Mufleranstalt genannt werden kann. Nächst ihr wird die 1864 von der Gesellschaft „Trud" in Odessa begründete Handwerlerschule sehr gelobt. Die in Wilna bestehende Schule gibt ihren Zöglingen eine ausgezeichnete Elementarbildung; ihre Leistungen als Handwerkerschule lassen dagegen, nach den Aussagen des Herrn Jllin, welcher in einem russischen Fachblatte über die jüdischen Handwerkerschulen in Rußland einen umfangreichen Artikel veröffentlicht hat, fast alles zu wünschen übrig. Dasselbe läßt sich auch von der mit Hilfe der ,,J. C. A." begründeten Handwerlerschule in Petersburg sagen, wo auch die fünfklassige Vorbereitungsschule sehr viel zu wünschen übrig läßt. Noch weniger taugt die eigentliche Handwerkerschule selbst. Schreiber dieser Zeilen hat von' Freunden und Gegner der „I. C. A." schon sehr viel Ungünstiges über diese mit allem Comfort ausgestattete, mit den kostspieligsten Maschinen und überaus theuren (christlichen) Lehrern versehene Schule gehört. Herr Jllin bestätigt nun diese Angaben vollauf. Von den 40 Zöglingen der Schule hat er bei einem zweimaligen Besuche derselben einmal 17, das zweitemal gar 8 angetroffen. Ein Lehrer war beide Male in der Schule nicht anzutrcffen. Wir machen den Aufsichtsrath der „I. C. A." auf diese mit