Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 55 (10.7.1902)
- Date
- 1902-07-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1169 zu Tische geladen und Frau Blume hatte deßhalb ein weißes Tischtuch aufgelegt. Mein böser Stern fugte es, daß ich neben dem Knaben zu sitzen kanr und dieser, dessen Hände nie ruhig bleiben, stieß an meine Hand, die gerade einen Löffel Suppe zum Munde führen wollte, so daß einige Tropfen auf die weiße Decke fielen. .«Sie Chasir (Schrvein), was Sie sind!" fuhr mich der böse Drache an. „Können Sie nicht achtgeben!?" Als mir. aber zwei Minuten später mein böser Nachbar einen ganzen Löffel auf meine schwarze Hose goß, und noch dazu ganz absichtlich, da wollte sie die Sache vorerst ganz ignoriren und erst als ich auffland und mit dem Tafcheniuche zu wischen anfing und sie nicht mehr anders konnte, sagte sie: „Das macht nix. Mit e bisl Wasser geht's schon wieder heraus." Damit hatte sie ganz recht; denn die Suppe war so mager, daß sie kaum einen Fettflecken hinterlasien konnte. Aber wenn sie das auch wußte, kann ich es nicht verstehen, warum sie mich so zornig anfuhr, als ich, nicht durch eigne Schuld, einige Tropfen auf die Decke v-rgoß.. Aber was wundere ich mich? Dafür ist sie - ia eine Gift-Blume! Ich bin stets froh, wenn ich diesen Tag hinter mir habe und erst wenn ich das Haus verlasse, athme ich wieder frei auf. 1. Oktober 18..'. Mein Chaser-Bocher hat sich schon mehreremal darüber aufaehalten, daß ich zuviel Zeit mit meinen Schreibereien verbringe, und mir gestern sogar gedroht, mein Tagebuch zu verstecken. Ich will daher von einer genaueren Beschreibung nieiner anderen Kosttage ablehen. und hier nur blos bemerken, daß es. besonders was den Sabbath anbelangi, gute Leute sind, bei welchen ich esse. Gott sei Lob und Dank dafür, daß Weiber. wie Frau Blume, nur selten sind. Mein Bocher ruft und ich muß abbrechen. 8. Oktober 18 .. Außer dem Nebenschiur'-Berhör, welches mir wieder viel zu schaffen gab, ist nichts vorgefallen und ich konnte daher meinem Chaser-Bocher den Gefallen thun und die Schreiberei ruhen lassen. Heute wurden zum ersten Male in diesem Semester „M'saunaus-Zettel"*) ausgetheilt. Man theilt immer nur für den Gebrauch einer Woche aus. Ich bekomme auf besondere Befürwortung des Rabbi, der es meinem Bater versprochen bat, dreißig Kreuzer pro Woche. Auf den Zetteln steht die Aufschrift:..CHewrah M'iaunaus d'bachurim, d'kk M. . ." sUnterstütznngsverein der Bachurim in der Gemeinde M . . .) und der Werth, den ein solcher revräsentirt. Es gibt solche zu 2. 4. 8, 10, 20, 25 und 50 Kreuzer. Ich erhielt zwei zehner, einen achter und einen zweier und kaufte mir für den achter ein Brod. *) Anweisungen, die der Unterstützungsverein^auZtheilt. 16. Oktober 18 .. Ich hätte gar nicht geglaubt, daß mein Chaser- Bocher, der sonst sehr ernst ist, auch zu losen Streichen zu gebrauchen ist. Heute habe ich mich davon überzeugt. . Vorgestern Abend tvaren einige Bachuriin bei-uns und wir unterhielten uns bis tief in die Nacht hinein. Unter anderem kam auch das Gespräch auf die dummen Menschen, bei welcher Gelegenheit mein Chaser- Bocher die Bemerkung machte, daß inan einem dummen Menschen auch den größten Blödsinn aufschwatzen und glaubhaft machen könne. Die Meinungen hierüber waren verschieden. Da erbot sich Tannenbaum, so heißt, mein Chaser-Bocher, für die Richtigkeit seiner These den Beweis ^zu erbringen. - . •' Als Objekt seiner Beweisführung wählte er einen? Bachur Namens Lippman Zollmesser. Dieser ist, ein gutmüthiger Mensch, nur hat er den Fehler, beständig und über Alles zu lachen und mit seiner Leichtgläubigkeit hat er den Bachurim schon manche Kurzweil geboten. Obwohl er in seinem ganzen Leben vielleicht noch keine zwei Geldanweisungen bekommen hat, kann, man ihn dennoch zehnmal des Tages zur Post hinlocken' und ihm glauben machen, er habe eine Geldanweisung bekommen. Die Bachurim, die sich gerne über Andere lustig machen, nützen diese seine Schwäche gehörig aus. indem sie ihn fast jeden Tag zur Post laufen lassen,, wo er sich dann überzeugt, daß man ihn zum Besten gehabt haite. „Mich werd' keiner mehr foppen," pflegt er dann stets zu sagen, welche Vornahme er aber bald wieder vergißt. Es wurde sogleich ein Plan entworfen, in welchem die ganze Jeschiwah — Zollmesser natürlich ausgenommen — gestern eingeweiht wurde und der heute zur Ausführung gelangte. Es war nämlich verabrede! worden, Zollmesser, wenn er heute Vormittags zum Schiur-Vortrag gehen wird, den Glauben beizubringcn, er gehe barfuß. Zu diesem Behufe stellten, sich längs der Judengaffe, durch welche Zollmesser kommen mußte, vor jedem Hausthor einige Bachurim auf. Als nun der arme Kerl an der ersten Gruppe vorüberging^ wurde er gefragt:- . „Warum gehst 'e barfissig, Zollmesser?" „Was fallt Eich ein?-. Ich Hab' doch, meine Schuh' an," antwortete jener, auf seine Schuhe deutend. „Nein, Du gehst barfissig!". beharrten die Bachürim. Kaum war er einige Schritte weiter gegangen, da wurde er schon wieder gefragk: ‘ „Zollmesser, bist 'e meschiigge, daß du barfissig Herumläufst?"- -< „Was wollt Ihr, ich Hab' iwch meine Schuhsän," sagte dieser wieder.'- - ^* „Nein, Du gehst barfüßig," sagten die Bachurim und Zollmesser ging mit der festen Üeberzeugung, mit Schuhen bekleidet zu sein, seines Weges. t- - t -■ l '