Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1902)
- Date
- 1902-03-27
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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zogen, trotz des Frostes, in den Hof hinunterging, um mich an den Eisschollen zu laben. Endlich erreichte ich doch das Ziel meiner Wanderung. Es war im Jahre 1840. Mainz war damals noch Bundesfestung des deutschen Bundes, eine noch echt mittelalterliche Stadt, deren Garnison schon die Zerfahrenheit des ehemaligen deutschen Landes kundthat. Lagen doch in der alten kurfürstlichen Metropole nicht weniger als drei verschiedene Contingente, die sich kaum mit einander verständigen konnten. Da waren zunächst die Oesterreicher in den weißen Röcken, welchen man alle möglichen dummen Streiche nachrühmte, so beschränkt soll die damalige österreichische Soldateska gewesen sein, dann die Hessen, die richtigen Darmstädter, dann noch echte Preußen aus dem Norden, große, hagere Gestalten. Daß es da auch manche Reibereien setzte, war unvermeidlich. Bei alledem galt Mainz für meinen Standpunkt als eine richtige Großstadt und habe ich da ein ganz schönes Jahr verlebt, von dem mir die besten Erinnerungen-zurückgeblieben sind. Der Winter 40—41 muß ein recht harter gewesen sein, da der alte Vater Rhein so fest zufror, daß, wie ich mi* eigenen Augen gesehen habe, die beladenen Lastwagen iiber's Eis wie über die festeste Landstraße nach Kastel hinüberfuhren. Ich litt aber keine Noth, denn bei meiner guten Tante traf ich immer wohlgedeckten Tisch und warme Stube. Natürlich schämten sich meine als wohlhabend geltenden Verwandten des schäbig gekleideten Jungen und hatten nichts Eiligeres zu thun, als meine Lumpen mit anständigen und warmen Kleidern zu vertauschen. Auch schenkte mir mein Vetter einen Mantel, mit dem ich denn auch in seiner Gesellschaft mich in den Straßen von Mainz sehen lassen durfte. Er zeigte mir all die Herrlichkeiten der altehrwürdigen Residenzstadt, und ich ward der.Bewunderung voll. Meine Tante führte, wie gesagt, ein kleines Hotel in der mittleren Bleiche, genannt zum D.... g. Wer in Mainz rituell und gut sich verköstigen wollte, mußte bei ihr einkehren und so sah ich denn dort Leute aus der Nähe und aus der Ferne ein- und ausgehen. . Ein weltbewegendes Ereigniß, die Judenverfolgung von Damaskus, brachte den damals noch jungen Advokaten Eremieux, auf der Rückreise, nach Mainz. Ich entsinne mich lebhaft des Aufsehens, welches dessen Anwesenheit hervorrief und der Ovationen, welche ihm dargebracbt wurden. Er logirte in dem Hotel meiner Verwandten, so daß ich reichlich Gelegenheit hatte, dessen untersetzte Figur mit der etwas abgeplatteten Nase zu betrachten. . Von einen» Reformtempel und einer orthodoxen Religioasgesellschaft war noch keine Rede; ich ging in die Allen gemeinsame kleine Synagoge in der Judengasse, in welcher noch keine Orgelklänge'ertönten. Von meinen Verwandten wurde ich bei einem der ersten Schlossermeister als Geselle eingestellt, Da gab es denn auch harte und oft auch nicht ungefährliche Ar- ' beit. Es erfaßt mich jetzt noch ein gelindes Gruseln, wenn ich bedenke, wie ich zur Jnstallirung des Blitzableiters auf den Dachbalken eines schwindelnd hohen Kasernenbaues in der Gaugasse, dessen Schlosserarbeiten mein Meister unternommen hatte, einherschritt, der Gefahr, bei meiner Jugend, kaum bewußt. Nicht minder bestand Lebensgefahr, als wir von einem Ende zum anderen der durch den starken Eisgang in der Mitte entzweigerissenen Schiffbrücke mit Kähnen übersetzen, mußten, um die dringenden, unternommenen Schlofferarbeiten an den Festungswerken in Kastel fertig zu stellen.. Aber ich war der Letzte, der murren oder irgend eine Handleistung verweigern durfte, denn'wenn man die Vergünstigung des Freiseins an . Schabboth und Festtagen seitens eines christlichen Meisters genießt,„ heißt es fein zufrieden sein. Aber auch an angenehmen Zerstreuungen fehlte es mir nicht. War es mir doch vergönnt an den ersten Aufführungen von Lortzing's Oper „Czar und Zimmermann" und der von „Johann von Paris" im Stadt- . theater beizuwohnen. Die einschmeichelnden Melodien dieser beiden Musikstücke sind mir noch jetzt geläufig und neben anderen damaligen Volksmelodien z. B. aus dem „Verschwender" meine Lieblingslieder geblieben. Ich war dazumal auch ganz gut bei Geld, verdiente ich doch über einen Kronenthaler per Woche, Nicht nur konnte ich die nothwendigsten Ausgaben damit bestreiten, sondern auch meinen armen Eltern unter die ' Arme greifen, wenn ein Brief anlangte, des Inhalts, daß der alte Gaul das Zeitliche gesegnet und ein neuer eingestellt werden mußte. , > .. Briefe aus der Heimath mit Versprechen lohnender Arbeit riefen mich bald wieder nach W.. . . zurück. ' Ich kam jetzt aber als gelernter Handwerksmann und sprach richtiges Hochdeutsch, was nicht wenig den jargonsprechenden Heimathsaenossen imponirte, manchmal v aber auch zum Spott reizte. Ich harrte jedoch nicht - lange bei den Meinigen aus, sondern sehnte mich nach einer auskömmlicheren Lebensstellung, als sie mir mein ' Heimathsort bieten konnte. Ich zog nach dem industriereichen oberelsässischen Städtchen. G ..... Hier gelang es mir, als Maschinenschlosser in einer größeren Werkstätte einzutreten, wo ich das Gluck hatte, wiederum die Beobachtung unserer religiösen Vorschriften, d. h. hauptsächlich dir Sabbat- und Festtagsruhe gewährleistet zu erhalten. Die Stellung erwies sich auch als eine dauernde, insofern ich 33 Jahre ununterbrochen' dort in demselben Atelier als Maschinenschlosser thatig war, heirathen und meine Familie begründen konnte.... . Daß es nicht immer in diesen 33 ^hren mit dem - - * starren Festhalten an unfern Religionsgesehen so glatt abging, kann sich Heber vernünftigerweise denken. Von den vielen Neckereien meiner nicht gerade immer der feinsten und gebildetsten Menfchenklasse angehörenden