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Der Israelit · 1902-03-27 · Heft 25-26 (27.3.1902) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 25-26 (27.3.1902)
Date
1902-03-27
Page
– (sequence 26)
Language
German
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586 die Fuhren verdiente, mußte die recht zahlreiche Familie übel oder wohl leben. Wenn ich daher oben von Stallungsgenossen gesprochen habe, so war das wieder ganz buchstäblich gemeint. Denn ich glaube kaum, daß unsere damalige sogenannte Wohnung in einer Stadt als Pferdestall gut genug gewesen wäre. Und in einem solchen dunkeln Raum wuchsen wir alle doch fröhlich und gesund heran, ohne Schaden zu nehmen. Dank dem guten Blute, welches die Mäßigkeit, Genügsamkeit und der fromme Wandel unserer Eltern als Erbstück uns auf den Lebensweg mitgegeben hatte. Denn so traurig wahr es ist, daß es uns oft im Elternhause am Allernöthigsten mangelte, sosicher ist es, daß bei ihrem tiefen religiösen Sinn unsere Eltern trotz alledem mit ihrem Loos im Allgemeinen zufrieden waren, daß insbesondere der Schabboth mit seinem Segen auch jede etwaige Sorge verscheuchte. Wie glücklich und freudestahlend sah der arme Mann aus im Glanz der neugepützten, glitzernden Schabboslampe; da war er der Freiesten und Neichesten einer. Diese Armuth war eben nicht von jeher in seinem Geschlechte einheimisch. Zwar war sein Vater auch nur Schammes der Gemeinde gewesen, als „Schule Klopfer" wohlbekannt; dagegen wußte er viel Wunderbares vom Reichthum des Großvaters zu erzählen, der gar mit goldenen Knöpfen am Rock und silbernen Schnallen an den Schuhen einherstolzirt sei, jedenfalls also auf dem .Wege des Glücksrades am Gipfel angelangt schien, worauf das Rad in seinem der Tiefe zustrebendem Lauf nicht mehr aufzuhalten war. Hatte nun unser armer Vater gar keine reichen Verwandten, die ihm in der höchsten Roth hätten unter die Arme greifen können? Freilich hatte er einen Bruder im Orte, welcher, besser begabt, sich eine ganz schöne Lebensstellung und zwar als Schlossermeister erworben hatte. Derselbe galt auch für ziemlich wohlhabend, für die damalige Zeit. Er war auch ein ganz guter, verständiger Mann, aber sein Herz war durch schwere Arbeit hart geworden, wie die Schwielen seiner Hände. Er half wohl ab und zu, wurde aber bald müde und der vielen Inanspruchnahme überdrüssig. Um schließlich doch etwas für die Meinigen' zu thun, nahm er mich in die Lehre als Schlosserlehrling. _ Ich war damals etwa 13 Jahre alt, hatte nothdürftig deutsch schreiben und lesen, auch etwas hebräisch lesen und übersetzen gelernt, war aber sonst vollständig ungebildet. Wenn man das klägliche Schulgeld von 20 Pfennig, ivelches wir wöchentlich unserem talmudgelehrten Lehrer entrichten mußten, bedenkt, dann wird man über die Menge des Gelernten noch staunen. In wenigen Jahren hatte ich die Scklosserei ut ihren Anfangsgrunden im Atelier meines Onkels erlernt. Ich wurde nun zum Gesellen gestempelt und sollte die übliche Wanderung zwecks gründlicheren Ausbildung antreten. So nahm ich denn mit 17 Jahren von - 4 ■ '■ü .1 meinen Eltern Abschied, auf dem Rücken den klassischen ~ stanzen — ich glaube es war, ach, nur ein dünnes Bundelchen — den Stock in der Hand. Mein letztes Reiseziel sollte Mainz sein. Dort hatte mein Vater einen Bruder gehabt, welcher als Bachur dahin verschlagen worden war, sich eine Familie gegründet und etwas Vermögen erworben hatte. Er war Besitzer eines kleinen Gasthofes geworden, welcher von seiner Wittwe weitergeführt wurde. Nun ging der Weg zu Fuß von Etappe zu Etappe zunächst bis Weißenburg. Ich erinnere mich noch lebhaft dort am Thor, das nach der Pfälzer Grenze führt, einer alten Obstfrau eine Portion Aepfel abgekaust zu haben, welche ich mit Heißhunger einen nach dem anderen verzehrte. Hinter Weißenburg hatte ich die damalige deutsche Grenze zu passiren, was aber nicht so glatt abgehen sollte. Als dem militärischen Alter nahestehend, wurde ich vom Polizeikommissär zurückgehalten, welcher mein Wanderbuch absolut. nicht visiren wollte. Was thun? Ich fing an, bitterlich zu weinen. Durch die ihr im Amtszimmer ihres Gemahls gewiß ungewohnten Töne aufmerksam gemacht, trat dessen Frau herein, welche doch Mitleid mit dem verzweifelten Bürschchen empfand, und deren Fürbitte es endlich gelang, den strengen Herrn Kommissar zu erweichen. In der Pfalz hielt ich schon längere Rasten. Denn dort gab es Arbeit. In Jngenheim wurde ich von einem christlichen Schlossermeister eingestellt. Es gefiel mir sehr gut bei dem biederen Manne, so daß ich nahezu dreiviertel Jahre dort, aushielt. An Sabbat und Feiertagen wurde natürlich nicht gearbeitet. Daß ich es damals noch nicht sehr hoch im Kopf hatte, geht daraus hervor, daß ich in meinen Musestunden z. B. am Sabbat mit Vorliebe, mir die Zeit mit Nüssespielen in Gesellschaft von kleinen Jungen vertrieb. Doch erinnere ich mich noch, daß das Töchterchen des Meisters mir große Thränen beim Abschied nachweinte. Ich aß damals „Tag'" bei den jüdischen Bewohnern des Ortes, da mein Lohn für eigene Verköstigung nicht reichte. Es überkommt mich ein eigenthümliches Gefühl, wenn ich des Sabbattagrs bei einem braven Jehudi. genannt „Schmulche" von Jngenheim gedenke, welcher mich mit ausgezeichneter Schabbeskugel und „Taatscher" traktirte und überhaupt mich in gastfreundlicher Weise bewirthete. Es strahlte förmlich Alles an ihm und um ihn an so einem Freitagabend. Nicht überall ging's mir auf meiner weiteren Wanderschaft so gut, wie im wonnigen Jngenheim. In Landau. Germersheim, Speyer, Grünstadt, Gnntersblum, Worms, Oppenheim mußte ich mich theilweife durch „Fechten" durchschlagen. Lebhaft ist mir noch in der Erinnerung, wie ich einst in Grünstadt in bitterkalter Nacht in der Herberge lag und in Folge meines nur aus Heringen bestehenden Ahendbrodes in der. Nacht einen so gewaltigen Durst bekam; daß. ich halbange-

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