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Der Israelit · 1902-03-27 · Heft 25-26 (27.3.1902) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 25-26 (27.3.1902)
Date
1902-03-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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570 tig genug, um einen Staatsanwalt zum Einschreiten zu veranlassen, da doch immerhin der „Dolus" fehlt. (Anmerkung der Redaktion! Der Vorschlag des Herrn Korrespondenten ist ja sehr gut gemeint und würde, wenn zur Ausführung gelangend, sicher großen Segen stiften, indessen war mit der ursprünglichen Anregung der Errichtung eines jüdischen Kreditinstitutes, ein ganz anderer Plan in'S Auge gefaßt. Da war von WohlthLtigkeit irgend welcher Art nicht die Rede, es sollten vielmehr Gesellschaften gleichberechtigter Genossen auf Gegenseitigkeit begründet werden.) Zetturrgsrrachvichterr und Corresponderrzerr. Deuts ch l and. Berlin, 24. März. In hiesigen Universiiätskreisen — und wohl auch weit über sie hinaus — wird ein Vorkommniß sehr lebhaft besprochen, das auf unsere Verwaltung des höheren Unterrichts ein ganz eigenthümliches Licht fallen läßt. Der seit sechszehn Jahren als Privatdozent für Nervenkrankenheiten hier habilitirte Dr. Hermann Oppenheim(der Sohn des ehemaligen jüdischen Lehrers zu Marburg), ein Forscher, dessen Arbeiten sich einer allgemeinen Anerkennung erfreuen, hat den. Entschluß gefaßt und sehr rasch ausgeführt, freiwillig auf seine Dozentur zu verzichten. Den bloßen Profeffortitel — dieses seit Jahren in Anwendung gebrachte Heil- und Beruhigungsmittel für ungeduldig gewordene Privatdozenten — hatte Herr Dr. Oppenheim wohl längst schon seiner» Namen als schmückendes Beiwort voransetzen dürfen. Allein, er wollte nicht bloß Professor heißen, sondern auch Professor sein, das will sagen, er wollte einen Lehrauftrag haben, und er hielt sich dazu um so eher für berechtigt, als er schon vor geraumer Zeit den Professor Westphal, den Vorgänger des jetzigen Lehrers für Gehirn- und.Nervenkrankheiten, Herrn Jolly, während dessen Erkrankung längere Zeit in der Leitung der Klinik vertreten durfte. Endlich schlug die medizinische Fakultät schon im vergangenen Sommer, und wie man allgemein behauptet, einstimmig, die Ernennung des Dr. Hermann Oppenheim zum außerordentlichen Professor vor. Allein die ministerielle Bestätigung hat bis jetzt auf sich warten lassen, und so zog es denn der auf diese Weise zurückgesetzte Titularprofessor vor, den Universitätsstaub von seinen Füßen abzuschütteln. Herr Althoff soll von diesem Entschluß des genannten Herrn Privatdozenten ebenso überrascht gewesen sein wie der jetzige Dezernent für Universitätsangelegenheiten, Herr Dr. Elster. Ersterer soll bei dem Bekanntwerden dieser Nachricht in die Worte ausgebrochen sein: „Wenn er tatsächlich die Privatdozentür niedergelegt hat, dann freilich ist ihm! i nicht zu helfen!" Ueber die so lange ausgebliebene Be- -j stätigung laufen die verschiedensten Vermuthungen und * Gerüchte umher, die Herr Althoff alk für unbegründet i erklärt. Es sei eben zur Zeit keine etatsmaßige Stelle " in der Fakultät offen — sagt Herr Althoff, indem er den Schritt des Privatdozenten Herrn Dr. Hermann Oppenheim, wie nicht noch ausdrücklich hervorgehoben zu werden braucht, so recht von Herzen bedauert. Schade nur, daß dies Bedauern nichts helfen kann! Frankfurt a. M., 26. Marz. Nach zwanzig Vereinsabenden ernster Arbeit versammelte gestern der Verein 'sx nbro seine Freunde zu einer Purimfeier, die imvonirend und würdig inscenirt war und die, der Eigen- . art des Vereins entsprechend, ein echtjüdisches Gepräge *< trug; Feurige Propagandareden für den Verein, Ge- 1 sang- und Musikvortrage, und als die hervorragendste und glänzendste Nummer, die Aufführung eines „Ueberbrettel" füllten den Abend aus. Aber nicht nur geistig, sondern auch leiblich waren die Theilnehmer Gaste des Vereins. Auch bier würde Hervorragendes geleistet. Es war eine echte Purimfeier voll sprudelnder Heiterkeit und geistreichem, sittlichem Humoraber frei von jenen faden, unjüdischen Couplets, mit denen manche andere jüdische Vereine leider zu prunken pflegen. Xt u g a i n. Budapest, 23. März. <K o l o m a n T i s z a.) Nach überaus schwerem Todeskampf hat heute Koloman Tisza, der ein Menschenalter hindurch die Geschicke llngarns geleitet hat, seine müden Augen für immer geschlossen. Mit ihm ist ein auch im internationalen, europäischen Sinne bedeutender Staatsmann aus dem Leben geschieden. Bei dem angeborenen Hange des ungarischen Volkes zur Uebertreibung bewegten sich dessen Gefühle und Empfindungen auch für Koloman Tisza stets zwischen todtlichem Haß und schwärmerischer Liebe. Was wir öffentliches Urtheil nennen, bedarf gewöhnlich einer strengen Revision. Auch bei Koloman Tisza ist dies der Fall. Nicht immer und Alles war liebens- oder hassenswerth, was an ihm geliebt oder gehaßt wurde. Diejenigen, die auf öffentlicher Laufbahn, im Dienste ihrer Nation und des Staates Großes geleistet und wirkliche Bedeutung erworben haben, sind überall seltene Gewächse; bei uns, wo die Pose die innere Haltung ersetzt und Schwatzhaftigkeit sich als Beredsamkeit gibt, sind sie sogar exotische Bliithen. Eine solch exotische Blüthe war Koloman Tisza für Ungarn. Seine öffentliche politische Thätigkeit von fast vier Jahrzehnten hat die tiefsten Spuren in der Geschichte Ungarns zuriickgelassen. In seine Regierungszeit fällt auch der sensationelle Ritualprozetz in Tisza Eszlar. Vielfach wurde die Anschuldigung laut, er habe damals der antisemitischen Bewegung, welche gewaltthatig mü Mord und Brand austrat, nicht genügende Energie entgegengesetzt. Das ist nicht richtig, denn Tisza war frei

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