Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1902)
- Date
- 1902-03-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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zugegeben werden, daß der weitaus überwiegende TheN der jüdischen Gelehrten, eine überwältigende Majorität der minder wohlhabenden Klasse angehörten, und strenggläubige reiche Juden tot immer nur eine Ausnahme, obschon es recht viele Ausnahmen gab. Wohlstand und Orthodoxie vereinigen sich selten recht gut, denn ersterer bringt einem leicht in Versuchung, ein üppiges und uneingeschränktes Dasein zu führen, während die letztere jedem zügellosen Leben ein gebietendes Halt zurust. Der aufmerksame Lehrer konnte auch beobachten, daß Kinder reicher Eltern durch ihr unartiges Benehmen, durch ihr vorlautes Wesen, viel zu schassen gaben, während die Kinder armer Eltern durch ihre Aufmerksamkeit, durch ihre Gelassenheit, durch Fleiß und Ausdauer die Freude ihrer Erzieher waren. Bei uns speziell in Mähren hat sich die Sache ganz geändert. Es sei in der Schule, es fei im öffentlichen Leben, überall ist die Rohheit der der ärmeren Klasse angehörenden Jugend auffallend, wie es nicht minder Erstaunen Hervorrust, daß auch die Religiosität die Häuser der Armen fast ganz verlassen hat. Dem aufmerksamen Lehrer kann es nicht entgehen, daß leider gerade die Kinder armer Eltern durch Unlust zum Lernen, durch Trägheit, durch Ungezogenheit dem Lehrer so manche Stunden verbittern. Die erwachsenen Armen Mllen die Gasthäuser, woselbst sie oft bis in die späten Nachtstunden zechen und lärmen; bei Assentierungen sind es gerade Jünglinge armer Eltern, welche ein verabscheuungswürdiges Benehmen an den Tag legen; trinken, raufen und erregen dadurch den gerechten Unwillen der Bevölkerung. Was ist der Grund dieser bedauerUchen Erscheinung? Nichts anderes als die vollständige Abnahme der Religiosität unter den Armen. Diese hat auf die Erziehung der Kinder und Erwachsenen veredelnd gewirkt, sie war der, mächtigste Faktor, welcher Ausschreitungen eine unübersteigbare Schranke entgegengesetzt hat, und lvenn der Dürftige sich außer dem religiösen Wissen auch gar keine profanen Kenntnisse angeeignet hat, so war ersteres doch vollkommen hinreichend, um ihn zu einem gesitteten Menschen zu erziehen. Sie war dem Unbemittelten die Triebfeder zu allem Guten, das Bollwerk gegen alles Böse, und nun da jüdische Sitten und religiöses Willen abhanden kommt und profane Disziplinen auch nicht angeeignet werden, so ist die Entartung der ärmeren Juden erklärlich. Die Gefahr, welche ein solch' beranwachsendes jüdisches Proletariat mit stch bringen kann, ist unübersehbar und sie wird zunächst das, was die Eilige Thora mit zwei Worten so kräftig ausdrückt, nämlich errapa nxavb. Gut wäre es daher, wenn Lehrer und Rabbiner Elternabende veranstalten würden, an welchen in populären Vorträgen den Eltern nahe zu legen ist, daß diese die Erziehung der Kinder in religiöse Bahnen lenken sollen, daß es ihr Bestreben sein soll, die in der Schule erworbenen religiösen Kenntnisse zu kräftigen, vor allem aber, daß die Eltern durch ihr Beispiel mustergiltig seien und nicht durch ihr Thun und Lassen die wohlgemeinten Plane der Schule, zu durchqueren. Z. 11 n g a r n. Mezöberiny (Ungarn). Am 7. Ädar veranstal-: tete die hiesige Chewra-Kadischa das Fest ihres fünfzigjährigen Bestehens. Bei dieser Gelegenheit hielt der hier weilende Rabbiner Dr. L. Roth eine gediegene^ Festrede, die den größten Beifall fand. Es war dies ' eine an die Persönlichkeit Moses anknüpfende Charakteristik der Ideen, die das Judenthum im Laufe der Jahrtausende siegreich durch die Geschichte trug. Der höchst interessante Gedankengang der in ungarischer. Sprache gehaltenen Rede kulminirte in der Erklärung einer Midraschstelle.. Als Moses die Zeit seines Ster-' bens nahen fühlte, segnete er Israel um 2v^. Hierzu bemerkt der Midrasch, der Genius des Todes wollte auch Mosche niederringen, doch dieser wehrte eS energisch ab. tts vivo' rür» rrspn- »Jnnart 122; doch der Engel des Todes berief sich auf die unverbrüchlich» Geltung der Naturgesetze, worauf Mosche sprach: r n'aprck vbpm amu pwa 2«. In einer nach jeder Weise interestanten Darlegung wußte der hervorragende Redner, die Mission Israels zu beleuchten, die als Sittengesetz allen Naturgesetzen zu trotzen scheint.;.; •. .. >.;;: Am Schluffe der Rede erwähnte Dr. Roth der „großen Tobten" des Judenthums, und würdigte in ge-' buhrendkr Weise das Andenken des Halöerstädter Rabbiner Dr. Auerbach s. A. <• P. Tokaj, 17. März. Gestern feierte die hiesige Chewra Kadischa das Fest ihres hundertjährigen Gründangsjubiläums, das sehr imposant verlief. Dem Samstagsgottesdienst, den der Kantor aus Mifchkolz leitete, wohnten der Stuhlrichter, Bezirksrichter, Ober-' notar etc. an. Nachmittags hielt der Herr Oberrabb. Akiwa S t r a ß e r in der Synagoge eine mit großem Beisalle aufgenommene Rede. Es waren fast alle Mitglieder der Gemeinde zugegen, aber auch aus den Nächstliegenden Ortschaften kamen viele Gäste, um diese Drösche aus dem Munde des vorzüglichen Redners mitanzuhören. . / \\ Der Herr Oberrabbiner schilderte ist kürzen Zügen die Thätigkeit der seit hundert Jahren Lestehestdest Chewra Kadischa/ indem er hervorhob, daß dieser Verein nebst im die Lebenden ausübt/ da sie Wohlthatigkeit stiftet und fördert. Zuletzs mahnte der Redner die Anwesenden, den Pfaden, den die Gründer des Vereins gewählt, haben, wie biS züm heutigen Tage, auch fernerhin unentwegtzu folgest.^\ . ' Abends fand in den Lokalitäten der Jsr. Ge-. meinde eine Mahlzeit statt. Auch hier ergriff der Herr Oberrabbiner das Wort zu längerer Rede. ES sprachen^ noch die beiden B2«n die Herren Abr. I. Klein, und