Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1902)
- Date
- 1902-03-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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vorangegangenen Jahr. Wir erzielten freilich hierdurch den Erfolg, daß die lästige Hausbettelei von unseren Mitgliedern zum größten Theil abgewendet wurde. In vorgenannten Titel fallen auch die Ausgaben für russische und galizische Auswanderer, die bei ihren Reisen nach dem Auslände, mehr aber noch bei ihrer Rückkehr in die Heimath unsere Stadt berühren. Die Rückwanderung war im letzten Jahre besonders groß; wir unterstützten von rückkehrenden Familien und Einzelpersonen solche aus England 143, Amerika 4L, Frankreich 12 und Schweiz 4. . Wir glauben hoffen zu dürfen, daß die angestrebte Auswanderungs-Organisation in dieser Beziehung einige Erleichterung verschaffen wird. Die wachsende Inanspruchnahme unserer Mittel läßt uns an die Mitglieder die dringende Bitte wiederholen, durch reichliche Zuwendungen uns die Erfüllung der Vereinsziele zu ermöglichen und durch Zuführung neuer Mitglieder zur Hebung des Vereins beizutragen. Sayn b. Cobl, im März. (Vom Rhein.) Es ist eine feststehende Thatsache, daß in unserem, an das Nervensystem jedes Einzelnen ganz besondere Anforderungen stellende Zeitalter, die Zahl der Nerven- und Gemüthsleidenden ganz bedeutend zugenommen hat, und die Statistik lehrt, daß bei uns Israeliten diese Zunahme am größten ist. Der Hauptgrund dafür ist wohl darin zu suchen, daß wir.Israeliten besonders hervorragenden Antheil an den geistigen Fortschritten, an der Hebung von Handel und Industrie genommen, daß wir im Kampfe ums Dasein ganz besondere Schwierigkeiten zu überwinden haben. Glücklicherweise hat sich nun auch in Laienkreisen die Erkenntniß immer mehr Bahn gebrochen, daß es im Interesse der Kranken liegt, wenn sie möglichst frühzeitig einer geeigneten Heilanstalt überwiesen werden. Bei der Wahl dieser Heilstätte wird aber von uns Israeliten leider noch sehr viel gesündigt, indem zu wenig Gewicht auf das religiöse Moment und auf gewisse Faktoren, die bei der Heilung eine große Rolle spielen, gelegt wird. Patienten, dir aus einem streng-religiösen Hause stammen, werden nur mit Widerwillen in christlichen Anstalten nicht rituell zubereitete Kost genießen oder häufig den Genuß dieser Speisen gänzlich verweigern. Aber nicht nur hierdurch wird der Krankheitsverlauf ungünstig beeinflußt, es sind noch andere Faktoren vorhanden, die die ungünstigen Einflüsse erheblich vermehren. Wir leben in einer Zeit, wo leider der Antisemitismus immer noch mehr oder weniger alle Schichten der Bevölkerung-in Mitleidenschaft zieht, und sicherlich wird es häufig Vorkommen, daß jüdische Patienten in - christlichen Anstalten durch die Mitkranken, durch das - untere Pflegepersonal etc., manche Zurücksetzung und > 5kränkung antisemitischer Natur erfahren müssen. Es liegt auf der Hand, daß derartige ungünstige Einflüsse auf die Seelen- und Gemüthsruhe der Kranken in nachtheiligster Weise einwirken, und daß es deßhalb unve-l dingt im Interesse aller israelitischen Nerven- und Gemüthsleidenden liegt, wenn sie in eine jüdische Heilstätte ausgenommen werden. Es ist dies nicht nur eine For- ' derung der Humanität, sondern ein wichtiger Theil des Heilverfahrens. Ist es doch eigentlich selbstverständlich, daß einerseits die Fernhaltung aller ungünstigen Einflüsse in der angedeuteten Art, andererseits die Ge- -■ legenheit in einer jüdischen Anstalt rituell leben, im 1 Anschluß an Gesinnungs- und Glaubensgenossen Sammlung und Beruhigung finden, dem jüdischen Gottesdienste an Sabbat und Festtagen beiwohnen zu können, das von Haus aus gewöhnte innige Familienleben nicht entbehren zu müssen, für die Kranken von unschätzbarer Heilwirkung sind. Man bedenke doch, wie gerade bei Gemüthskranken das religiöse Bedürfnis gesteigert ist, wie beruhigend die religiöse Erbauung ein- . zuwirken vermag, wie bei nervös Aufgeregten die Fernhaltüng jedes unbehaglichen Gefühls die erste Bedingung ist. Gott sei Dank haben wir nun auch unter den vielen vortrefflichen Anstalten für Nerven- und Gemüthsleidende in Deutschland eine jüdische Heilstätte, die nicht nur allen religiösen Anforderungen und Bedürfnissen entspricht, sondern in ihren sanitären Einrichtungen, in ihrer vortrefflichen ärztlichen und ökonomischen Leitung sich ebenbürtig den besten christlichen Anstalten zur Seite stellen kann, ja geradezu als Musteranstalt bezeichnet werden darf. Es ist die israelitische Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemüthskranke zu Sayn bei Coblenz,'und gestatte ich mir, in Folgendem eine kurze Beschreibung derselben zu geben: ' ■; . In einem der anmuthigsten Seitenthäler des Rheins, ungefähr in der Mitte zwischen Coblenz und Neuwied, liegt in idyllischer Schönheit und Ruhe Sayn, und einer der besten Kenner des Mittelrheins pries es schon vor fünfzig Jahren als einen der lieblichsten Orte an unserem Strome. Hier, wo die Natur beruhigend und erhebend auf das Gemüth, die ozonreiche Lust kräftigend auf die Nerven wirkt, liegt die mit allem Comfort und allen hygienischen Einrichtungen der Neuzeit ausgestattete Anstalt inmitten eines aus Garten und Parkanlagen bestehenden Terrains von 20 Morgen.. Die Anstalt besteht aus einer Reihe von getrennt. liegenden Villen und Gebäuden, die eine allseitige Rücksichtnahme auf die verschiedenen Krankheitsformen gestatten und im Ganzen Raum für 160 Patienten bieten. Eine wesentliche Erweiterung erfuhr die Anstalt im Jahre 1898 durch den Neubau eines separaten Kurhauses für Nervöse^ Erholungsbedürftige, Leichtverstimmte, Morfiumkranke. In dieses Kurhaus können auch Angehörige von Kurgästen mit ausgenommen - werden. - .v:'-L