Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1902)
- Date
- 1902-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449819--55616-2518267- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
48» Jahrgang. Anlage zu M 24 des Denkmäler jüdischen Idealismus Vor mir liegen vergilbte Blatter, Berichte aus vergangenen Zeiten; sie enthalten Namen von Männern und Frauen, von denen zum Theil sonst keine Kunde zu uns gelangt ist, deren irdische Reste langst zu Staub geworden, und von denen nur diese Aufzeichnungen uns sagen, daß sie einmal gewesen sind. Bei genauerer Be-' trachtung erkennen wir in diesen Blättern die Ueberbleibsel eines Memorialbuches, eine Buches, gewidmet ' der Erinnerung an die Heimgegangenen. In früheren Zeiten besaß jede jüdische Gemeinde ein solches Buch, aus denen an bestimmten Sabbaten und Feiertagen die Namen der Verstorbenen verlesen und von der Gemeinde für deren Seelenheil Gebete verrichtet werden. Von dem hervorragenden wiffenschaftlichen Werthe dieses Buches als Quelle für die jüdische Geschichte und Litteratur — ich erinnere nur an das „Wormser Memorialbuch" — haben diese Sammlungen von Namen und Jahreszahlen mit ihren meist kurzen Berichten eine außerordentliche Bedeutung als Zeichen und Zeugniß für den Idealismus des jüdischen Volkes. In ganz eigenartiger Form nämlich sind diese Bücher angelegt: Nekrologe, wenn auch an Umfang kurz, so doch durch das, was sie uns sagen, unschätzbar. Sie zeigen uns in der Art, wie man einen Abgeschiedenen ehrt, einen bedeutenden Unterschied von heutzutage. Lesen wir beispielsweise in unserer Zeit einen Nachruf für einen eben Heimgegangenen Großkaufmann, für einen großen Kapitalisten, so erfahren wir vielleicht — neben der Mittheilung von seinen Vorzügen als Mensch und seinen etwaigen hohen Charaktereigenschaften, daß er seinen Untergebenen ein wohlwollender Vorgesetzter gewesen ist u. s. f. Für solche und ähnliche Mittheilung wäre in einem Buche, wie das jüdische Memorialbuch, wohl auch Raum gewesen; ein Buch, das der Erinnerung der Gemeindeangehörigen gewidmet ist, hätte auch solche persönliche Vorzüge nicht unberührt lassen müssen; es wäre die geeignetste Stelle gewesen, sie zu verzeichnen, wenn man ein Interesse der Nachwelt dafür vorausgesetzt hätte, wenn man dergleichen eine besondere Bedeutung hätte beimessen wollen. Doch von alledem wird uns da nichts erzählt. Wohl erfahren wir indirekt von reichbegüterten Persönlichkeiten, aber dem . Aufzeichner ist es an sich belanglos, daß sie reichbegütert waren, von Interesse ist ihm nur, daß sie für ideale Zwecke fortwährend spendeten, oder daß sie jährlich . oder letztwillig eine außergewöhnlich große Summe ‘ einem Liebeswerke. zuwendeten, daß sie ein Gottes- oder -- ' Gemeindehaus aus ihren eigenen Mitteln errichten ließen. Derartiges erscheint ihm erwähnenswerth; eine ideale That verdient erwähnt zu werden, wird erwähnt. damit der, welcher es liest oder hört, erinnert werde an das Ideale, an das Edle, dem er nachstreben soll.- Erwähnt wird auch in diesen Aufzeichnungen die wissenschaftliche Bethätigung, sei es das Studium selbst — das Lehren oder das Lernen — sei es die Unterstützung der Wissenschaft durch die Unterstützung deren Junger. In diesem Sinne werden auch gewissermaßen als Einleitung in jedem Memorialbuch die hervorragenden jüdischen Geistesgrößen seit Beginn des jüdischen Exils ausgeführt, die Männer, denen die Mische Wissenschaft die hervorragendsten Schätze ihrer' Litteratur verdankt. Die sog. Memorialbücher sind somit ei» außerordentliches Zeugniß für die idealistische Auffassung des jüdischen Volkes; sie rufen aus den Gräbern der Abgeschiedenen uns zu: Das Judenthum hat allezeit seine»' Idealismus sich bewahrt, trotz aller gegentheiligen Behauptungen; lasset Euch durch uns dies bezeugt sein! zettrmgsrrachrrchterr rmd Sssrespsrrdrrrzerr. Deutschlan d. ^- Posen. Dem Bericht des „Jsr. Armen-Hilssvereins" zu Posen (Jahr 1901) entnehmen wir: Die laufenden Beiträge verminderten sich uni 148 Mark, trotzdem die Mitgliederzahl etwas gestiegen ist. Die einmaligen Einnahmen aus Zuwendungen und Spenden blieben gegen das Vorjahr um rund 2600 Mark zurück, obwohl uns eine größere Spende zugefloffen ist. Herr Moritz Viktor hat gelegentlich eines Jubiläums in hochherziger Weise dem Verein , eine Spende von 1500 Mk. zugewendet, wofür wir an dieser Stelle nochmals unfern Dank aussprechen. . Die Ausgaben des Vereins sind im fortschreitenden Steigen begriffen. Die Roth der Zeit macht sich in unserer Gemeinde sehr fühlbar; in wachsendem Maße traten Anforderungen an uns heran und wir wärest in mehreren Fällen gezwungen, größere Aufwendungen zu machen, um Familien vor Erwerbslosigkeit zu schützen. Wir betrachten es als eine unserer vornehmsten Pflicht, Existenzen nach Möglichkeit zu erhalten, beziehungsweise durch Zuwendung der erforderlichen Mittel Erwerbszweige zu schaffen. Dieser Theil unserer Thätigkeit hat im abgelaüfenen Berichtsjahr große Ansprüche an unsere Kasse gestellt. '; : Ein weiter stets wachsender Titel unserer Ausgaben ist die Unterstützung der Durchreisenden. Wiewohl wir diese Ausgaben auf das Unäbweisliche. öeschranken. indem wir die Passanten nur insoweit unterstützen, sie vor Hunger zu bewähren und ihnen, die Möglichkeit zur Weiterreise zu geben, erforderte dieset Titel an 'Ausgaben Mk. 2962,40, -somit Mk. 1117.10 mehr.' al, tm