Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1902)
- Date
- 1902-03-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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hierdurch in sein Herz und Gemüth tief einpragen, daß er sein Geschick ausschließlich Gottes fürsorgender Obhut unterstelle und sein Glück und sein Heil nur von Gottes Hand erwarte und erwarten könne. Diese Erkenntniß ist unser mächtigster und wirksamster Fürsprecher bei Gott, und da wir durch dieselbe in Wahrheit besser geworden sind — gründen sich doch alle guten, uneigennützigen, selbstverleugnenden Thaten auf diese Erkenntniß — so können wir auch die Erfüllung unserer Wünsche und die Gewährung unserer Bitte erhoffen, insofern sie uns selbst und anderen wirklich zum Vortheile dienen, was wir aber mit unserem beschränkten Erkenntnißvermögen nicht bestimmen können, und so muffen wir die Entscheidung vertrauensvoll dem Allwissenden anheimstellen; — und eben darin offenbart sich die Wunderkraft des Gebetes. Nach dieser Erwägung erhalten wir auch die Antwort auf jene bekannte und vielfach aufgeworfene Frage: Indem Gott unsere Gesinnungen und Gedanken kennt, wozu sollen wir sie noch aussprechen? Das Gebet ist aber auch nicht da — wie schon angedeutet — um unsere Gedanken vor Gott zu erschließen sn ymfo iibn *o wni /i. . „Denn noch ist das, Wort nicht auf meiner Zunge und Du, o Gott, kennst es ganz* (Psalm 139, 4), sondern hat die Bestimmung: Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Wünsche in uns zu wecken und die bereits vorhandenen, in die richtige Bahn zu lenken, zu verklären und zu veredeln. Diese Auffassung über das Gebet und seine Würdigung, die echt jüdisch, oder sagen wir, echt orthodox ist, zeigt auch, wie unsinnig der sog. Fortschritt im Rahmen des Judenthums ist, noch mehr aber die Motivirung desselben, die, wenn auch sehr oft unausgesprochen, aber doch der einzige Beweggrund, die alleinige Triebfeder Unserer Neologen ist zu allen ihren reformistischen Bestrebungen, nämlich: die krankhafte Sucht, auch im Kultus die anderen Konfessionen nachzuahmen. Aus lauter Hast und Ueberstürzung hat man beim „Reformiren" übersehen, daß der Geist des Judenthums selbst dort, wo er scheinbar mit dem Geiste der übrigen Bekenntnisse gemeinschaftlich ist, in Wahrheit durchaus selbstständig ist, daher man nur ein erbärmliches Monstrum konstruirt, wenn man die Synagoge der Kirche auch nur im Geringsten gleichmachen will. „Seit wann ist denn der jüdische Geist ein nachahmender? Ursprünglich in seinem Glauben an Gott, originell in seiner Legende und Geschichte, originell in seinen heiligen und tveltlichen Dichtungen, warum . sollte er plötzlich zum Nachahmer der Kirche werden? .Wollen Sie, geneigte Leser und Leserinnen, wissen, wer so.spricht? Ludwig August Frankl in seiner be- 7, reitserwähnten Abhandlung über die Orgelfrage. Es ist wahrlich nicht unsere.Schuld, daß, so oft r wir , von echtjüdischer Gesinnung und Auffassung sprechen, . wir immer dazu das Epitheton „orthodoxdenken und gebrauchen muffen. Gott, der die Herzen s und Nieren prüft, der die leiseste Regung unserer Seele» ' kennt, vor dem Nichts verborgen bleibt. Er weiß es. wie unendlich tief betrübt wir und?llle sind, die da- Judenthum ernst nehmen, über den Bruch in Israel, wie ein unsagbares Weh unser Inneres erfüllt bei dem Gedanken, daß Israels Söhne während eines Zeitraumes von mehreren tausend Jahren, von Korach bis zur Gegenwart, kein einheitliches Volk von gleichgesinnten Brüdern sein konnte. Wir beklagen tief diesen Bruch, aber wir können und dürfen nicht, ohne unser theuerstes Erbgut, unsere heilige Religion, aufs Spiel zu setzen. Jenen leichtsinnig folgen, die den Bruch unseres Volkes auf eine leichte Art zu heilen vermeinen, indem sie im Herzen ganz anders denken und die allmähliche Aufklärung des Judenthums im Schilde führen, aber doch sprechen: Friede, Friede, denn es ist doch kein Friede! (Jes. 6, 14.) Liegt es doch gar nicht im Bereiche der Möglichkeit, daß solche heterogene Elemente, wie nun einmal die Orthodoxen und Neologen sind, eine religiöse Gemeinschaft bilden sollen. Wir stimmen in dieser Beziehung, was wir mit befriedigender Genugthuung konstatiren, mit dem größten deutschen und mit dem größten ungarischen Reformer, mit A. Geiger und L. Löw überein. Wir würden schon eine gewisse Freude empfinden,. wenn wir unseren neologen Brüdern wenigstens so viel sagen könnten: Unsere Rabbinen, unsere Lehrer, unsere Gemeinden, unsere Synagogen sind wohl verschieden von den eurigen, so verschieden, wie eine Konfession von der anderen; aber doch gibt es noch im Reiche des Judenthums ein Feld, das von den Fluthen der Reform verschont geblieben und wir uns dort, wenn auch nur im Geiste, als jüdische Brüder zusammenfinden können; allein ' die schnöde Anklage gegen unsere Gebete von Seiten der Reform beweist schon zur Genüge, daß ein solches Feld nicht vorhanden ist und daß die divergirenden Punkte zwischen Orthodoxie und Neologie durchaus keine kleinliche Äußerlichkeiten betreffen, sondern tief in das Innere des JudenthumS hinringreifen. „In den alten Gebeten — so etwa sprechen sich unsere Neologen 'bei jeder Gelegenheit in Zeitschriften, Predigten etc. aus — stimmen wir Klagen an über Leiden, die wir nicht fühlen und drücken Hoffnungen aus, die wir nicht hegen. Wir gedenken mit geheuchelter Wehmuth längst entschwundener Zeiten und verlieren allmählich den Boden für die Gegenwart. Entspricht ein solches Gebet der Aufrichtigkeit, der Wahrheit?* Beinahe so haben auch die Begründer des Berliner. Reformvereins — eine Brücke zwischen Judenthum und Taufe — in ihrem am 2. April 1845 veröffentlichten Aufrufe gesprochen:......... „Wir können nicht mehr beten mit wahrhaftem Munde um ein irdisches Meffiasreich, das uns aus dem Vaterland,.dem^wir mit allen Bänden der Liebe anhangen, wie aus einer'Fremde