Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1902)
- Date
- 1902-03-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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634 über unser jüdisches GotteSgesetz hat. Er kennt leine Gesetze, sondern nur Gebräuche, ihm sind alle unsere Mizwaus nicht Gesetze, die vom Sinai her dem Volke Israel als ureigene Lebensbedingung anbefohlen, sondern Gebräuche, die nach und nach entstanden und die das Volk ebenso nach und nach angenommen; und gnädig gibt er zu: „Die Gebräuche' werden nicht vernachlässigt." Aber selbst diese Gebräuche werden den Kindern nicht eingeimpst, es wird nicht geschehen, daß sie ihnen in Fleisch und Blut übergehen, sondern gütig darauf geachtet, daß sie nicht vernachlässigt werden. Die Liebe wird „gelehrt," das Pflichtgefühl wird „eingeschärft", nur das Gottesgesetz muß zufrieden sein, wenn es geduldet wird. Was nützt da der beste Wille der Allianceleitung! Wir sind überzeugt, daß sie es ihren Lehrern einschärft, nichts in den Schulen zu dulden, was gegen das überlieferte Judenthum ist. Wie aber — es ist dies der Kernpunkt der Frage — können Lehrer wirken, die selbst nicht auf dem Boden stehen, den sie schaffen sollen! DaS Auge des Kindes blickt scharf und noch schärfer ist sein Fühlen. Sieht oder fühlt es, daß der Lehrer, zu dem es emporblickt,'sich über das hinwegsetzt, was ihm von Hause als heilig eingepflanzt ist, eS muß wankelmüthig werden und auch die strengste Ermahnung des. Lehrers ist nicht im Stande, seinem Herzen Treue zu seinem Gottesgesetze einzupflanzen. Es muß Begeisterung bei fernem Lehrer sehen und es. fühlen, daß das, was er spricht, ihm tief aus dem Herzen kommt. Das fehlt den Alliancelehrern vom Schlage des Herrn A., und ihre Thätigkeit muß daher schädlich auf das religiöse Fühlen und Handeln der ihnen anvertrauten Kinder wirken. Wir müssen dort Lehrer haben, die es wohl bis zur äußersten Orthodoxie treiben, d. h. die vollständig auf dem Boden unserer «tto nn stehen. Wir betonen noch einmal, daß wir das ehrliche Streben der Allianceleitung anerkennen, daß aber unserer Meinung nach der Fehler darin liegt, daß die „Alliance" glaubt, daß sie unter allen Umständen in Frankreich ausgebildete Lehrer in ihre Schulen schicken müsse und genug gethan zu haben glaubt, wenn sie diesen Lehrern einschärft, nichts gegen die Religion den Kindern beizubringen. Das ist aber keinen Pfifferling werth. Die „Alliance", die eine Gesammtvertretung des Judenihums ist, muß sich dazu aufraffen, geeignete Lehrer, wenn nicht in Frankreich, so in Deutschland oder anderen Ländern auszuwählen, und von ihnen neben einer gründlichen Fachausbildung vor allem streng-fromme Gesinnung und Thätigkeit zu verlangen; denn das werden selbst die größten Neologen zugeben, daß es unsere heiligste Pflicht ist,, den Juden in Rußland sowohl, wie im Orient, den theuren Schatz des Thorawiffens und der tiefinnerlichen Religiosität, den sie besitzen, zu erhalten. Dies ist aber nur dann möglich, wenn dort Lehrer und Erzieher wirken, die' außer ihrer gründlichen Ausbildung, voll und ganz auf dem Boden der Thora stehen. ..... ZettmrgsrrachriHLerr rmd Eorresporrderrze«. n Deutschlan d. /: Berlin, 16. Marz. (Die Bilanz der zionistischen Kolonialbank.) Die seit der Erklärung der „Aktionsfähigkeit" der Kolonialbank zum ersten Male in der dieswöchentlichen Nummer der „Welt" veröffentlichte Bilanz per 28. Febr. hat den Freunden der zionistischen Bewegung wiederum, eine ischwere Enttäuschung bereitet. Es klärt sich zunächst aüf, was allen Nichteingeweihten bis jetzt ein Rathsel war: warum der Trust, trotz der mit einem Achtel des autorisirten Kapitals statutarisch erlangten Aktionsfähigkeit noch immer nicht seine eigentliche Eröffnung feiern konnte. Die Bilanz zeigt allerdings die Ge^ sammt-Aktion in einer Höhe von 268,912 Pf. St. Davon sind jedoch zunächst die „Gründungs- und Saldospesen bei Geschäftseröffnung^ mit Lstr. 17,152, lausende Ausgaben mit Lstr. 981, Stempel für Jnhaber- Certifikate mit Lstr. 1072, also ca. Lstr. 26,000 (400,000 Mk.) als nicht mehr vorhanden zu. streichen:-' Die Kredit-Seite zeigt ferner folgende zum Nachdenken stimmende Posten: " Diskontirte Wechsel Pfd. St. 48,762,18,7, Lombard.-Vorschüsse Pfd. St. 5,391* 12,2, also zu- * sammen ca. 54,000 Pfd. St. (1,080,000 Mk.), welche aus den so sorgsam zu behütenden Kassen der Bank spazieren gegangen sind. Da unter den Eingängen keinerlei entsprechende Zinsen und Einnahmen von Escomptirungen gegenüberstehen, da die Bank überhaupt noch keine Geschäfte macht, so liegt die Bermüthung nahe, daß hinter den erwähnten, eine Million Mark übersteigenden ausstehenden Posten, sich ganz oder zum großen Theil „Geschenke" L fond perdu an türkische Ceremonienmeister und andere Funktionäre verstehen, durch welche die bekannten momentanen Effekte in Konstantinopel zu Reklame-Zwecken erhascht werden konnten* die für eine solide Entwickelung des Zionismus absolut nutzlos sind. - Ferner sind unter den Aktiven: Korrespondenten Nostro Pfd. St. 37,294.13, Loro 2933.14, zusammen L. 40,228 (804,600 Mk.), welche effektiv der Bank gar nicht'zugeflossen zu sein scheinen;'ebenso muß man annehmen, daß die Aktiv-Post „Eigene Effekten L. 25,661 (513,220 Mk.) sich auf nicht verkaufte eigene Aktien, und die „Depots ohne fixe Termine" 29,578 L. auf Beträge beziehen, die von zionistischen Gruppen unbezahlt geblieben sind. Dieser Argwohn muß zur Gewißheit werden, wenn man sieht, daß unter den Einnahmen- .