Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1902)
- Date
- 1902-03-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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43» 3fl§ffaHg. SULLgS zu Die LchttNiil Von Dr H. In Nummer 28 des „Israelit" waren in einem Artikel über die Allianceschulen in Jerusalem heftig die in jenen Schulen wirkenden Lehrer angegriffen worden. Wir freuten uns, als Herr Leven, der verdiente Vorsitzende der „Alliance" in einer Erwiederung die Beschuldigungen als falsch und nichtssagend bezeichnete. Wie enttäuscht aber waren wir, als wir in dem Monatsbericht Nr. 12 die Vertheidigungsschreiben der in den palästinensischen Allianceschulen wirkenden Rektoren lasen; wir erkannten, daß nicht nur die Beschuldigungen im „Israelit" auf Wahrheit beruhten, sondern daß die Angriffe noch nicht das Uebel in seiner ganzen Tragweite aufdeckten. Wir mußten es leider zugeben, daß die Alliance-Lehrer in Jerusalem nicht nur in Einzelheiten, sondern auch in der Gesammtauffaffung des einzig-wahren Judenthums irregehen und darum als Kindererzieher irreführen muffen. Da es aber nicht unsere Sache ist, ohne Beweise solch' schwerwiegende Anschuldigungen der Welt preiszugeben, wollen wir die Lehrer selbst sprechen lasten, und wir stad sicher, daß jeder vorurtheilslos Denkende unserer Ansicht voll und ganz beipflichten wird. Herr Niego, der Direktor der Ackerbauschule in Jaffa schreibt: „In Mekweh Israel beobachten wir alles, was beobachtet werden muß. Wir treiben es nicht bis zur äußersten Orthodoxie, aber wir gestatten keinen Mangel an den wesentlichen Grundsätzen der Religion." Das is5 ein Programm, wie es in Deutschland jede neologe Anstalt für sich in Anspruch nimmt. Was heißt das, „wie treiben es nicht bis zur äußersten Orthodoxie," oder „wir gestatten keinen Mangel an den wesentlichen Grundsätzen der Religion!" Was darunter zu verstehen sei, das verräih uns Herr Antebider Direktor der Gewerbeschule in Jerusalem; offen bekennt er: „Wir glauben nicht diese unveränderlichen Grundsätze der Moral zu vergessen, wenn wir uns durch den Erew nicht ganz einschließen lassen, oder wenn wir es mit dem Verbote, einen Regenschirm am Sabbat zu tragen, nicht so genau nehmen ..." Was weiter steht, kennen wir nicht, denn der veröffentlichte Brief trägt nun die u. s. w.-Zeichen. Mir brauchen es aber nicht zu kennen, denn das Enthüllte sagt uns auch genug. Man bedenke. In Jerusalem und überhaupt im Orient, wo Alles noch mit allen Fasern des Herzens am einzig-wahren überlieferten Judenthum hängt, wirken Lehrer, welche sich über Gebote der Thora hinwegsetzen. Trägen am Sabbat ist ein göttliches Verbot und eine sehr große Anzahl von MischnaS behandelt die einzelnen Phasen dieses feststehenden Verbotes so- , wohl in Bezug auf D’m in als auch auf n^oia Erkennt aber Herr A. die Erleichterung, die der Erew schafft, nicht an, so dürfte er eben auch dort nicht tragen, wo sich ein Erew befindet, statt dessen trägt er seinen Regenschirm selbst dort, wo kein Erew vorhanden ist. Das ist keine Konsequenz, sondern ein Kon-' zession der Bequemlichkeit auf Kosten der Religion; Wir können uns denken, welchen Eindruck es auf Kinder und Erwachsene in Jerusalem macht, wenn ihr Lehrer ''vnnvn jov bbna ist.; Aber Herr A. behauptet, „daß er die unveränderlichen Grundsätze der Moral nicht zu vergessen glaube,-, wenn er sich durch den Erew nicht ganz einschließen lasse . . Die Grundsätze der Moral vergißt er nicht, wenn er keine Tefilin legt, nicht in der Sukka sitzt oder seine Kinder nicht beschneiden läßt. Allein es offenbart sich uns gerade darin die ganze Auffassung, welche jene Lehrer vom Judenthume haben. Sie sehen nur die Moral, welche das Judenthum lehrt, nicht aber all', die anderen Gebote, welche in den .'mrao rnn ausgedrückt sind und die alle zusammengenommen allein/ das.Wesen des Judenthums enthalten. Wir *• haben nicht das Recht, unter, den Gottesgeboten eine Auswahl nach unserem Belieben zu treffen und nur das zu erfüllen, was uns gerade paßt oder bequem ist, wir jin raras rbp ML» Uebrigens glauben wir, daß eS; endlich an der Zeit ist, mit jenen , alten Schlagworten von der Moral des Judenthums, als dem einzigen Inhalte seines Wesens, aufzuhören. Eine jüdische Moral ohne jüdisches Leben gibt es nicht. Jüdisches Leben zeitigt und erhält jüdische Moral; aber nimmer kann' jüdische Moral allein jüdisches Leben Hervorbringen. Wir haben es in Europa gesehen, wohin diese Schlagworte, mit denen die Reform aufgetreten ist, geführt haben, zum Abfall vom Judenthum, so daß. heutzutage selbst unsere Neologen nach Mitteln suchen, diesem Abfalle entgegenzuireten. - - Herr A. bemerkt ferner: „ES mag sein, daß wir durch unsere Zöglinge gewisse agadische oder kabbalistische Werke nicht bewundern lassen." Wir wissen nicht, wohm der Herr Direktor mit diesen Worten zielt; denn es ist uns unbekannt, welche Werke er meint. Für alle Fälle aber ist das Vorgehen verwerflich; denn sind es die Midraschim und die talmudische Agada, welche von den Zöglingen nicht bewundert werden sollen, so ist eine solche Lehrmethode empörend; sind es. aber andere agadische Werke, wie kommen Verhandlungen Lber^ derartige Werke in eine Schule, in der zu- ' meist sich Kinder jugendlichen. Alters befinden! Allein es paßt dies zu der ganzen Auffassung, die Herr E