Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1902)
- Date
- 1902-03-06
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Wochenabschnitt als Beispiel ausgesucht. Es ist klar, daß dabei nur an eine kurze Durchbrechung gedacht werden kann, um die Inhaltsübersicht zu gewinnen. Ist dies geschehen, so hat die „ausfichrlichere Behandlung" des einen oder anderen Thüles stattzufinden. Nur durch Vertiefung in die Materie, durch liebevolles Sichhingeben an eine Sache kann Herz und Gemüth angeregt, also erzieherisch gewirkt werden, nicht im flüchtigen Dahineilen oder durch Oberflächlichkeit. Die ausführlichere Besprechung kann und muß wiederum dem persönlichen Ermessen, der subjektiven Auffassung der Verhältnisse durch den Lehrer überlasten bleiben. Je nachdem wird der eine oder andere Punkt genauer betrachtet, weiter ausgeführt. Es laßt sich schon beim bloßen Vorübersetzen eine kurze Erläuterung des sachlichen Inhaltes mit einflechten. Personen und Handlungen werden nun eingehender betrachtet und beleuchtet. Wer auch nur einen einzigen Kommentar dazu gesehen, wer in seiner Schule bei den Kleinen die geschichtlichen Charaktere aus ihren Handlungen scharf herauszumeißeln sich bemüht, dem fällt dieses auch für Erwachsene interessante Verfahren nicht schwer. Hier wie dort spielt der Vergleich, die Vergleichung mit Aehnlichem eine große Rolle. „Durch Vergleichung zur Klarheit und zur Wahrheit." In dem hier gewählten Beispiele läßt sich der Haß. des nacheilenden, rachedurchglühten Laban mit der Strenge Pharaos in Egypten vergleichen, wie dies die Hagadah vom Peßachfeste thut. Man kann an den neidischen Kajin erinnern, an Sauls Neid auf David, an Absaloms Empörung und zeigen, wie Neid und Haß zusammengehören, wie beide die natürlichen Liebesbande der Familie sprengen. Hier muß natürlich auch die Agada in ihre Rechte treten. Sie hebt und belebt den ganzen Inhalt. Wie ganz anders erscheint doch der gottlose Esau im Lichte des Midrasch und der Agada, als wenn man seinen Charakter nach dem nackten Wortlaute des Bibeltextes beurtheilen wollte. Welch' herrliche Gedanken werden dem Stammvater ' Abraham abgelauscht, wenn er seinen Sohn Gott zum Opfer weiht. Wer Hort nicht gerne die Erläuterungen des Midrasch und der Agaha bei der Geschichte unseres Stammvaters Jakob, bei den Erzählungen von der Knechtschaft und vom Auszuge aus Egypten? Der praktische Lehrer wird nicht versäumen. bei solchen Vorträgen geschichtlichen Inhalts auch das dem Volksgemüth schmeichelnde Moment zu berücksichtigen. Es belebt das Ganze, schafft ein farbenprächtiges Bild, veredelt Herz und Gemüth und — wer wollte es widerstreiten — der Lehrer tarnt und wird gerade auf diese Weise an Achtung und Ansehen beim Zuhörerkreis gewinnen. Fasten wir nun diejenigen Theile unserer heiligen Thora in's Auge, welche nicht geschichtlichen Inhalts sind, sondern Gebote oder Verbote enthalten. Daß die Behandlung dieser Theile etwas heikler ist, leuchtet ein. Sie wendet sich ja vielfach ausnehmend an den Verstand, an das Erkenntnißvermögen. Trotzdem wird der mit dem jüdischen Schristihum vertraute Lehrer auch hier leicht finden, daß „die Lehre des Herrn vollkommen und seelenerquickend ist." Wer die Mischnah zu seinem geistigen Eigenthum zu machen bestrebt ist. der wird auch beim Besprechen der gesetzlichen Theile genug des Interessanten vorzubringen wissen. Will Jemand beispielsweise den Wochenabschnitt Wajikra dem Hauptinhalte nach bekannt machen, so muß die spröde Materie entsprechend behandelt werden. Vielleicht wird man dabei die Stistshütte, den Tempel nach ihren Abiheilungen, Hallen und Opferstätten kurz berühren, den Altar und das Priesteramt, den Sinn und die Bedeutung der Opfer überhaupt besprechen, um dann nach dieser grundlegenden Vorbereitung auf den eigentlichen Wochenabschnitt überzugehen. Das freie Wort muß hier in seine Rechte treten. Kein Hilfsbuch für Schiurlernen wird hier Ersatz bieten können. Die Sveisegesetze, die Vorschriften über die Bodenabgaben, die sozialen Gesetze, das jüdische Kriminalrecht: alles läßt sich nach der Erläuterung der Tradition nicht nur gemeinverständlich, sondern sogar sehr interessant ausführen. „Wir sehen darin den Juden, wir erblicken ihn als Glied des jüdischen Gemeinwesens, wir gehen mit ihm auf das Feld, beobachten ihn beim Pflügen, Säen und Ernten, wir betrachten die verschiedenen Fruchtgattungen, verfolgen ihre Entwickelung, ihr Reifen und Gedeihen, wir sehen die Thiere in unserem Dienst und inbezug auf die Speisegesetze. Wir erfahren von der heute noch unerreichten Art, wie man die soziale Frage im jüdischen Staate behandelt, wie man Wittwen und Waisen stützen und Armen aufhelfen soll. Wir lernen die Fest- und Feiertage kennen, ihre verschiedenen Namen und Bedeutungen, die Festesvorschriften für die einzelnen Gedenktage." Für all' diese gesetzlichen Abhandlungen läßt, sich unschwer eine Fülle des Interessanten und für das religiöse Leben Belehrenden finden. Wer in der Mischnah einigermaßen bewandert, wer das Studium der biblischen Kommentare nicht vernachlässigt, wer beim Schulunterricht die G e - und Verbote den Kleinen in kindlicher Weise erläutert, der wird auch die rein gesetzlichen Theile des Pentateuch mit gutem Erfolg Vorträgen, auch einem Laienpublikum in des Wortes eigenstem Sinne. Wiederum darf der Lehrer nur an die Durcharbeitung des Stoffes, wie er sie in seiner Schule gewissenhaft vornimmt, sich anlehnen. In den meisten Fallen braucht er nicht zu fürchten, etwa zu „ki n d - l i ch" zu sein. Lernen wir doch selbst bei einer solch kindlichen Behandlung des Stoffes noch gar manches hinzu durch die unwillkürlich damit verbundene gründliche. Vertiefung in die Sache, meint doch ein jüdischer