Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1902)
- Date
- 1902-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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fteuillcittu Nach vierhundert fahren. 42j Von Friedrich Rott. „Herr Doktor! Sie hat der Himmel hergesandt. Helfen Sie! retten Sie!" und wie in Todesangst umklammerte sie seinen Arm. „Fassen Sie sich, Fräulein," bat er, indem er sie mit sanfter Gewalt in einen Sessel niederdrückte. „Sie wissen, daß ich jedem Hilfsbedürftigen zur Verfügung stehe, nur Litte mir mitzutheilen, um was es sich handelt." Sie wollte sprechen, aber die Sprache versagte ihr, er blickte fragend auf ihre Leute, diese aber zuckten die Achseln. „Das gnädige Fräulein hat einen Brief erhalten," sagte der alte Pedro. „Da, da — nehmen Sie, lesen Sie!" stammelte Jsabella, das Schreiben, das sie noch immer in der krampfhaft geschlossenen Rechten hielt, ihm emporreichend. „Bitte," sagte er, indem er die wie erstarrten Finger einen nach dem andern langsam hob, „lassen Sie mich lesen." Und er las: „Geliebte! Zürne mir nicht, daß ich trotz Deines Verbotes Dich noch einmal so nenne. Es ist zum letzten Mal. Ich habe mein Leben verwirkt. Ich habe nicht nur in der Trunkenheit ein Menschenleben vernichtet — lange zuvor habe ich in sträflichem Leichtsinn mein Vermögen vergeudet und, um mich vor drängenden Gläubigern zu retten, habe ich Wechsel auf Deinen Namen gefälscht. Du begreifst, ich kann nicht länger leben. Aus dem Grabe meines Vaters will ich meine Verbrechen sühnen. Lebe wohl, Jsabella! Wenn Du kannst, verzeihe mir — und wenn möglich, gedenke ohne Groll an Deinen unglücklichen Vetter Alfred." „Herr von Rauhenstein ist hier gewesen?" wandte sich der Doktor fragend an den Bedienten. Der Alte bejahte. „Wann ist er abgereist?" „Vermuthlich mit dem Zuge, der um Halbzwei Uhr von hier abgeht." „Wann kommt er nach Hause?" „Gegen fünf Uhr — vermuthlich um halb oder um dreiviertel auf Fünf." „Dann seien Sie ohne Sorgen, Fräulein, ich hoffe mit Zuversicht, er wird gerettet." Jsabella athmete tief auf und blickte mit innigem Vertrauen zu dein Arzte empor. , . „Ich wußte es ja," flüsterte sie, „wenn Sie —" „Es muß sofort eine Depesche zum Telegraphenamt befördert werden," sagte der Arzt. „In einer Minute bin ich bereit," entgegnete der Bediente, indem er eiligst das Zimmer verließ, gefolgt von der Haushälterin und dem Hausmädchen. Doktor Müller hatte sich inzwischen vor dem Schreibtisch niedergelassen, nahm einen Bogen Papier und schrieb: " „Rp. Freiherr Alfred von Rauhenstein, um halb zwei Uhr von hier abgereist, beabsichtigt auf dem l^rabe seines Vaters einen Selbstmord. Erbitte Drahtnachricht, sobald Vorhaben vereitelt. . Dr. Müller, Kaiserstraße 10." „Bitte gefälligst zu lesen," sagte er. das Geschriebene dem jungen Mädchen reichend. „Ich nlöchte diese' Depesche dreifach abgehen lassen, an die städtische Behörde, an den Friedhofswärter und an die Hausgenossen des Herrn von Rauhenstein. Dürfte ich um die Adresse bitten?" „Bahnhofstraße 36," erwiederte Jsabella. „Wird das genügen?" „Ich hoffe, hoffe es mit Zuversicht. Es dürfte wahrscheinlich genügen, nur die Behörde zn benachrichtigen -— aber —" ■ „Nein, bitte Sie dreifach abzuschicken. Eilen Sie, Pedro," wandte sie sich an den im Ueberrock eintretenden Bedienten, „nehmen Sie einen Wagen, um rascher vorwärts zu kommen." ~ „Das gnädige Fräulein können überzeugt sein, in zehn Minuten bin ich auf dem Telegraphenamt. Und ich werde mir erlauben, die Depeschen als dringend zu bezeichnen, sie kosten das Doppelte, werden aber rascher befördert." „Thun Sie das,,, stimmte der Doktor zu, „und sobald Sie zurück sind, kommen Sie sofort herein, es dürste noch etwas zu besorgen sein." Der treue Alte rannte hinaus und die Stiegen hinunter, so rasch ihn seine alten Beine tragen konnten. „Es dürfte wohl gerathen sein, auch an Herrn von Rauhenstein eine Depesche zu richten, ihn möglichst zu beeinflussen, sein frevelhaftes Vorhaben endgiltig aufzugeben —" Fräulein von Rauhenstein nickte ihm dankend zu. ..Sie denken an Alles. Bitte, wollten Sie die Güte I haben, die Depesche aufzusetzen." f „Wenn Sie es wünschen, Fräulein, bin ich bereit. § Es müßte jedoch gewissermaßen der Brief beantwortet | werden, da müßte ich um Instruktionen bitten—", f „Sie haben recht," sagte Jsabella. indem sie die \ Hand an die Stirne preßte, „die Depesche muß ich selbst anfsetzen, aber ich kann nicht denken, — wenn ich nur einen einzigen Gedanken fassen könnte —" „Es wird schon gehen, Fräulein," sagte der Doktor ermunternd, „sagen Sie ihm, daß er leben muß, daß Sie ihm nur verzeihen können, wenn er leben wird —"