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Der Israelit · 1902-03-06 · Heft 19 (6.3.1902) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 19 (6.3.1902)
Date
1902-03-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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42S ist der Orgel abgeneigt nicht weil, sondern obgleich sie im göttlichen Heiliothum auf der Hohe 3ion§ nicht gebraucht wurde. Denn die Synagoge ist, wie bereits bemerkt, kein Tempel, ist auch an und für sich keine. Verherrlichung Gottes, wie der Zionstempel es war,, sondern soll bloß zur Verherrlichung Gottes führen und erziehen. Bei der Orgel kann höchstens die i Frage in Betracht kommen, warum soll sie eingeführt werden?; weil sie in der katholischen Kirche verwendet wird.?. Nun, waruni nicht gleich das Symbol des Christenthums, dazu? „Die Orgel ist, wenn die Bezeichnung gestattet ist, das klingende Christenthum, die Gothik (Kreuzform im Baustil) das gemauerte." Und wenn der geehrte Leser neugierig ist, wer diese Behauptung ausgesprochen hat, so kann er cs erfahren, daß dies Ludwig August Frankl, Ritter von Hochwart ist, der gefeierte Dichter und einstige Sekretär der Wiener Kultusgemeinde, deren Leitung,. wie allbekannt, eine ausgesprochene neologe ist. (S. „Jüdische Charakterbilder" von M. Chrentheil. Pest 1867. Seite 150.) Es ist wohl der Mühe werth, sein Urtheil über diese Frage in seinem ganzen Umfang nachzulesen, da hier neben dem Neologen auch der vorurtheilsfreie Denker und ehrliche Mensch zu Worte kommt, und so von neologer Seite über die Neologie der Stab gebrochen wird. Sollte vielleicht die Orgel deßbalb im.Gotteshause einen Platz finden, weil sie geeignet ist, zur Andacht zu stimmen? Hierauf können wir mit dem talnu'dischen Ausdrucke antworten: wo die bloße nackte Thatsache, die tägliche Erfahrung, spricht dagegen. Die Resormtempel gähnen Jahr aus Jahr ein vor Leere (die zwei „hohen" Feiertage ausgenommen), und ihre Besucher, die sich einmal hinein verirren — gähnen ebenfalls. Oder wird durch Orgelklang der Gottesdienst schöner, der Aesthetik entsprechender, als durch die Menschenstimme allein? Nun gibt es eine absolute und eine individuelle Aesthetik; denn es ist doch klar, daß der Zulukaffer ganz andere ästhetische Begriffe hat, als der gebildete Europäer. Freilich, wenn wir die Sache etwas genauer nehmen, so werden wir nur eine individuelle Aesthetik finden. Doch ist dies Nebensache. Einmal nun zugegeben, die Orgel entspreche dem ästhetischen Geschmacke des Individuums, was folgt hieraus? Ist denn der Tempel ein Konzertsaal. daß hier Anschauungen zur Geltung kommen sollen, die dort maßgebend sind? Dr. Schreiner, der Rabbiner der neologen Gemeinde in Csurpo war, und heute, wenn wir nicht'irren. Dozent an der „Jüd. Hochschule" zu Berlin ist, und der auf dem Boden der Bibelkritik steht, sagt'in seinem ungarischen Aufsätze über den jüdischen Gottesdienst u. A. folgendes:: „Unsere Religion ist keine Poesie, keine Illusion, unsere Lehren und Gesetze sind nicht gegeben worden, damit sie ästhetische Bed ü rfnis s e befriedigen, ein Geschlecht ergötzen, dessen Glauben die Skepsis wie ein Wurm zernagte, in dessen Herzensgründe, selbst in den Momenten der religiösen Erhebung, der Unglaube lauert. Unsere Religion ist Wahrheit, ernste, manchmal harte Wahrheit, auf die man aber im Leben und Tode vertrauen kann. Die Wände unserer Synagoge sind kahl, nur ein symbolischer Gegenstand ist darin: die Thora, dieses alte Buch mit seinen feurigen Lettern. Unsere Religion bat keine andere Poesie nöthig, als jene, die in der Wahrheit liegt, in jenen ihrer Wahrheiten, mit welchen sie selbst die blasirte Seele der Kinder unserer Zeit erschüttern muß." (M. Zs. Szemle VI., S. 346 ff.) Und Dr. Ignatz Hirschler, einer der Hauptmatadoren, der ungarischen Neologen, der seiner Zeit Präsident des jüdischen Kongresses in Ungarn war, äußert - sich in einer ungarischen Denkrede auf seinen neologen Genossen Jakob Kern (Pest 1866, S. 22) wie folgt: „Vermöge seiner (Kern's) kulturellen Entwickelung, wie auch seines Geschmackes, ja sogar aus reiner Ueberzeugung, war er ein Freund von edleren Formen der Andacht, dennoch vergaß er nie, daß man dieselben, gerade weil sie Fragen des Geschmackes und insbesondere der Ueberzeugung sind. Niemandem aufoktroiren kann, daß man Chor und Orgel und andere dergleichen Aeußerlichkeiten des Gottesdienstes auf Machtspruch nicht in die Synagoge bringen darf." Das heißt mit anderen Worten: Weil Chor, Orgel etc. vom individuellen Geschmacko mipfohlen, aus Ueberzeugung aber bekämpft werden können, was von der Orthodoxie thatsächlich geschieht, so müssen diese „edleren Formen der Andacht" aus der Synagoge verbannt werden. Um der Orgel willen oen althergebrachten jüdischen Gottesdienst mit einem Scheine von Recht verändern zu dürfen, müßte man beweisen, daß der Gottesdienst mit Qrgelbegleitung absolut schöner und feierlicher sei. als ohne dieselbe, wogegen freilich das Urtheil eines Komponisten wie Meyerbeer, aus den sich auch Frankl a. a. 6 beruft, auch etwas in der Wagschale wiegt. Mit einem Scheine von Recht, sagten wir; denn immer müssen wir vor Augen halten die Mahnung unseres Propheten: „So spricht Gott: Die Himmel sind mein Thron und die Erde mein Fußschemel, welches ist das Haus, das i h r mir bauen könntet, und-wo ist der Ort meiner Ruhe?" (Jes. 66.1.) Ihr wolltet Gott nach eurem Geschmacke. nach eurem Gutdünken ein Haus bauen, Ihr wollet entscheiden, was Gott angemessen ist? Thoren! Braucht denn Gott Eure Verherrlichung!? Könntet Ihr denn einen Tempel bauen, der dem großen Tempel der Natur gleichkäme? Und nun müssen wir von dem Frühergesagten etwas berichtigend nachholen. Auch das Heiligthum in Jeruscholaim war an und' für sich keine Verherrlichung Gottes in dem Sinne, wie man es sich zu denken gewohnt ist. Die vielen Völker, welche des Propheten Auge „zum Berge Gottes, in das Haus des Gottes Jakobs" wandern sieht, strömen auch nur dahin, um daselbst über die Wege Gottes Belehrung zu suchen. (Vergleiche Micha 4. 1—5.) Aus dem Umstande eben, daß dieser Tempel nur in Jerusalem erbaut werden durfte und

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