Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1902)
- Date
- 1902-03-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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43. Jahrgal,-. Meilage zu jß 18 des „Dsraelii". Kölner Chronik. j Psychologische Erklärung der hiesigen Reformbestrebungen. VII. lNachdruck verboten. Es lohnt sich wirtlich der M ii h e, einmal den eigentlichen Ursachen und Beweggründen, die unsere Reformer zu ihrem zerstörenden und zersetzenden Vorgehen veranlaffen, nachzuforschen und ihre wahren Gedanken bloßzulegen. Die schönen Phrasen von dem bis zum Ueberdruß breitgetretenen „Verschönerung des Gottesdienstes durch die Orgel," haben längst ihre Zugkraft eingebüßt, -auch selbst die eifrigsten Parteigänger der Reformpartei glauben im Herzen selbst kaum noch daran, daß es den Herren, die das ganze Jahr hindurch kein Bedürfniß verspüren, im Gotteshause zu erscheinen, um an heiliger Stätte gemeinsam mit der Gemeinde ihre Gebete zu verrichten, um eine „Verschönerung" des Gottesdienstes zu thun ist. Was sollte ihnen auch diese „Verschönerung?" Sie selbst denken nicht im Entferntesten daran, dieser Verschönerung sich erfreuen zu wollen, sie halten den Gottesdienst mit und ohne Verschönerung für sich als Lberflüffig, als eine abgethanc. veraltete Sache. Die hochmodernenUebcrmenschen und Ueberfrauen fühlen sich erhaben über jede menschliche Anwandlung, die sie das Bedürfniß empfinden lassen könnte, ihr Herz in Freude und Leid vor Gottes Thron auszuschütten, durch das Gebet Demuth und Ergebung zu suchen. Diese Anwandlung von Schwäche würde zu sehr gegen das Prinzip des Uebermenschenthums verstoßen, als daß sie Eingang finden könnten bei unseren himmelstürmenden Reformern, die nur sich s e l b st, ihren Besitz und vermeintliches geistiges K r a f t m e i e r t hum anbeten. Was also bezwecken die Reformer thalsächlich mit ihrem Geschrei nach der Orgel, nach Reformen des Gottesdienstes? Hierauf hat unser Rabbiner, Dr. Rosenthal, in einer herrlichen, geistvollen Predigt am Sabbat, den 15. Febr. (Sidrei Terumoh), in der neuen Synagoge eine treffende Antwort gegeben. Anknüpfend an das göttliche Wort: „Und ihr sollt mir ein Heiligthum bauen, damit ich bei ihnen, den Kindern Israels wohne," führte der Rabbiner aus, daß vom Gotteshause auS, dem göttlichen Heiligthume, dem Mittelpunkte unseres religiösen Lebens, sich der Sinn für das Hohe und Heilige, für das Göttliche und Unvergängliche, in die Familienhäuser verbreiten müsse, damit Gott in jedem einzelnen Fämilienhause, inmiten des Volkes, wohne. Die Weihe, die das Gotteshaus ausstrahle, habe sich dem Familienhause mitzutheilen, damit das Familienhaus ebenfalls zum Gotteshause tverde. Das sei die von Gott gewollte und befohlene Wechselwirkung zwischen dem Gotteshause und dem Familienhaüse. Wie aber, so fragte der Redner, sieht es mit dieser Wechselwirkung in Wirklichkeit aus? Das moderne jüdische Familienhaus hat leider in zahlreichen Fällen längst alles Jüdische abgestreift, 'die Thürpfosten sind ihres jüdischen Zeichens entkleidet und aus dem Innern des HauseS ist Alles gründlich verbannt, was nur im Geringsten darauf schließen lassen könnte, als befinde man sich in einem jüdischen Familienhause. Aber mit der Verbannung alles Jüdischen aus dem Familienhause begnügt man sich jetzt nicht mehr, man bemüht sich, den u n jüdischen G e i st, der für das moderne jüdische Familienhaus leider so häufig kennzeichnend ist, auch in das Gotteshaus, in das göttliche Heiligthum, zu über-' tragen. Auch dieses und dessen jüdische Einrichtungen sollen dem modernen jüdischen Familienhause entsprechend umgestaltet werden. Es findet also eine „Wechselwirkung" statt, die gerade das „Gegentheil" von der von Gott gewollten ist. Das seines jüdischen Charakters beraubte Familienhaus will auch dem Gotteshause seinen jüdischen Charakter, seine jüdische Eigenart nehmen, es modernisiren, aus dem göttlichen Heiligthum einen modernen Prachtbau machen, der Alles enthält, nur nicht das, was dem jüdischen Gotteshause erst die r echte W e i he, die wahre Bedeutung gibt, es zu einer heiligen, die Herzen erhebenden Andachtsstätte macht. — Diese Ausführungen unseres Rabbiners treffen den Kernpunkt der ganzen Reformbewegung. Die Reformer verfolgen mit ihrem Haß Alles, was an jüdisches Wesen, an jüdische Religionsvorschriften, an die Tradition der Väter erinnert. Sie wollen, in ihrem Hause unter keinen Umständen daran gemahnt sein, daß sie sich zur jüdischen Religion bekennen. nichts soll erkennen lassen, daß man sich in einem jüdischen Hanse befindet, weder die Mefusah. noch eine koschere Küche sollen an die Zugehörigkeit zum Judenthume erinnern. Aber der Gottesdienst in unseren Synagogen ist noch jüdisch geblieben; hier betet man noch in der heiligen Sprache der Thora, hier verliest man noch allsabbatlich den vorgeschriebenen Abschnitt aus der Thora, rezitirt die Haftarah, betet leise Schemoneh Esre und läßt durch einen wohlgeschulten trefflichen Chor die Gesänge ohne die Klänge der christl. Orgel ansführen. Dieses Jüdische im Gottesdienste ist nun den Reformern ein Dorn im Auge. Das möchten sie um jeden Preis aus dem Gotteshause entfernen, damit sie. wenn sie zu Nosch ha-Schonoh oder Jom Kippur die „Kirche" auf ein Stündchen besuchen, auch dort Alles