Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1902)
- Date
- 1902-03-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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410 allgemeine Empörung erregten und im niederösterreichischen Landtag Herr Lueger und seine Genossen in den gemeinsten Schmähungen gegen alle Männer der Naturwissenschaften und der Medizin einander überboten, da war es Erzherzog Rainer, der als Kurator der Akademie ein Verdammungsurtheil gesprochen gegen jene Strebungen und Strömungen, welche sich gegen den Fortschritt und die Aufklärung richten. „Leider muß gesagt werden," so sprach der hochsinnige Prinz, „daß ein Kampf gegen die Aufklärung und den Fortschritt eröffnet wurde, den gerade wir doppelt beklagen, weil wir den Werth des Wissens und der Bildung erkennen. Wir wollen hoffen, daß diese Erscheinung eine vorübergehende sein werde." Und unmittelbar, ehe diese wahrhaft fürstlichen Worte gesprochen wurden,- vollzog die Jahresversammlung der Akademie einen Akt, der glänzendes Zeugniß davon ablegte, daß in den Reihen dieser Männer nur das wahre Verdienst, nur die ernste wissenschaftliche Arbeit und keinerlei engherzige Vorurtheile gelten. Sie ernannte zwei jüdische Gelehrte, den Sprachforscher David Heinrich Müller und den Pariser Astronomen, .Vizedirektor M. Lewy, einen geborenen Oesterreicher, zu Mitgliedern der Akademie. Die Ernennung Lewy's war umso bedeutsamer, als dieser berühmte Gelehrte sein Vaterland hatte verlassen müssen, weil hier dem Fortkommen des Juden, der sich nicht „assimiliren" wollte, unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege standen. Seither hat der Jude Lewy der Pariser Sternwarte zu unvergänglichem Ruhme verholfen. In den Kreisen der Hetzparteien hatten die Worte des Erzherzogs ungeheure Konsternation hervorgerufen, denn . wer die Träger jener Bestrebungen sind, über welche der Erzherzog das Verdammungsurtheil gesprochen, wußte alle Welt. Es ist wahr, diese Worte waren nicht gegen eine einzelne Partei gerichtet, allein sie trafen alle Feinde des Wissens, der Aufklärung und der Humanität insgesammt, sie waren ein flammender Protest des ringenden und strebenden Menschengeistes gegen alle Rohheit und Gewaltthätigkeit, gegen alle Unfreiheit, gegen alle nationalen und konfessionellen Vorurtheile. Was ist denn die Hetze gegen das Judenthum, was ist denn die Verkündigung des niedrigsten Rassenstandpunktes anders, als ein Kampf gegen Aufklärung und Fortschritt? Was sprach aus der Hetze über die angebliche „Verjudung der Wiener Universität" anders, als der brutale Vildungshaß? Ist es nicht die höhere Bildung, die höhere Intelligenz, die man an den Juden bekämpft? Erzherzog Rainer sagte zu der ihn anläßlich seiner goldenen Hochzeit beglückwünschenden Deputation der israelitischen Kultusgemeinde: „Sie haben in den letzten Jahren manche schwere Stunde gehabt, wirklich ungerechtfertigt. Wir beten alle zu einem Gott, wir in unseren Gebethäusern und Sie in Ihren Synagogen, und wir sind alle Qesterreicher, ohne Unterschied der Konzession und der Nation. Nur Einigkeit macht stark, und wir Oesterreicher brauchen die Einigkeit." — Unter den ersten Deputationen, die Se. k. und k. Hohheit der Herr Erzherzog Rainer aus Anlaß des 60jährigen Hochzeits-Jubiläums empfangen hat, war auch die der israelitischen Kultusgemeinde von Baden (bei Wien). Dieselbe war; vertreten durch Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner W. R e i ch, den Präses Herrn Moritz L e i t n e r und dessen Stellvertreter Herrn Anton Schneider. Sie überbrachte eine kostbar ausgestattete Huldigungsadresse und bei der Uebergabe hielt der Herr Rabbiner als Sprecher der Deputation folgende Ansprache: „Eure k. und k. Hoheit! Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Baden, in Gemeinschaft mit deren Seelsorger, wagt es. seiner Huldigung in dieser Glückwunsch-Adresse in tiefster Ehrfurcht Ausdruck zu geben. mit der Bitte, Eure k. und k. Hoheit möge geruhen, dieselbe von uns entgegennehmen zu wollen. Als Bewohner der schönen Kurstadt haben wir das besondere Glück, uns alljährlich des erhabenen Anblickes Eurer k. u. k. Hoheit zu erfreuen. Umsomehr suhlen wir uns veranlaßt, uns dem Jubel der Bevölkerung anzuschließen und unsere Gebete mit denen aller patriotisch gesinnten Bürger unseres vielgeliebten Vaterlandes zu vereinigen, daß der allgütige Vater Eure k. u. k. Hoheit in seinen besonderen Schutz nehmen möge, Höchstdieselben bis an die äußerste Grenze des menschlichen Lebensalters zu schirmen, zu erhalten, zu erfreuen und zu beglücken." Se. k. u. k. Hoheit dankte sehr leutselig und benlerkte, daß diese Feier thatsächlich eine sehr seltene sei und er betrachtetes als eine besondere Gnade Gottes, der er dankbar gedenke. Hier ließ Höchstderselbe sich die Mitglieder der Deputation vorstellen und zog jeden Einzelnen in's Gespräch. Auf dir Frage, wie lange der Herr Rabbiner in Baden sei, erwähnte derselbe, daß er auch die Gemeinde Neunkirchen vertrete, und Se. kaisl. Hoheit frug lächelnd, wie dies mit der Ausübung gleichzeitiger Funktionspflichten angehe. Im weiteren Gespräche erwähnte der Herr Rabbiner, daß er bereits zweimal Allerhöchste Anerkennungsschreiben Sr. Maj. des Kaisers erhalten habe; auf die weitere Frage, aus welcher Veranlassung, sagte derselbe, durch Veröffentlichung patriotischer Reden zum 40- und 60jährigen Negierungsjubiläum Sr. Majestät. Nun meinte Se. kaiserl. Hoheit im österreichischen Dialekt: „Nun ja, wir geben halt den Leuten viel zu thun." Der Erzherzog brachte dann das Gespräch aus die Schönheit des Kurortes Baden und bemerkte, daß die Erzherzogin denselben nicht nur seit der Hochzeit, sondern schon als Kind bewohnt habe. Schließlich versicherte Se. kaiserl. Hoheit, die überreichte Adresse dankend anzunehmen, sie