Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-03-03 · Heft 18 (3.3.1902) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 18 (3.3.1902)
Date
1902-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449813--55459-2518104
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

406 der Juden haben eine eigenthümliche Ambition, im Nahmen der großen jüdischen Gesammtheit, ewas Apartes, ein eigenes Judenthum zu repräsentiren. Viele Jahre nach dem Kongreß — o welche Ironie! — blieb Arad mit den ausschweifendsten Kultusreformen eine — Statusquo-Gemeinde. Die Zentralleitung der Kongreßpartei empfand es aber schmerzlich, daß diese Blüthe des Neformjudenthums den Kranz der Kongreßgemeinden nicht zieren wollte und buhlte Jahre hindurch um den Anschluß dieser originellen Kehila. Kaum ist dies den Herren Simon und Schweiger gelungen, beeilten sich diese „jüdischen" Machthaber, die Arader Parnaßim in die' Notablenliste der Kongreßpartei aufzunehmen und den Arader Rabbiner in das Kuratorium des Rabbinerseminars zu berufen. Tr. Rosenberg bekleidete diese Würde mit vollem Eifer; die israelitische Landeskanzlei hatte ihre Freude in dem Bewußtsein, daß die künftigen Rabbiner ihrer Gemeinden von den Traditionen der Arader Rabbiner beseelt werden. Und es wäre auch alles schön gewesen. Da kam aber das leidige „Zivilehegesetz" und ließ den Arader Rabbiner nicht schlafen. vcrrfr 'b inon cpc. Dr. Rosenberg hatte eine gute Gelegenheit, in Reform zu machen und machte auch hiervon ausgiebigen Gebrauch. Mit seltenem n'cjn verkündete er „im Namen des jüdischen Religionsgesetzes." daß er „Mischehen" einsegnen werde. Seine Gemeinde begrüßte auch diese frcimüthige Offenbarung ihres Geistlichen mit Hellem Jubel, und Arad war wieder der Mittelpunkt des religiösen Nihilismus. Den offiziellen Kreisen des ungarischen Judenthums war diese Offenbarung ihres großen Mannes zu höchst ungelegener Zeit gekommen. . Das Präsidium der isr. Landeskanzlei operirte gerade für die gesetzliche Dekretirung eines „einheitlichen" Judenthums und da kam einer ihrer „Besten" und zerstörte alle Illusionen. Um jene Zeit tagte auch eine Landesversammlung der neologen Rabbinen, und mit Ausnahme des Großwardeiner nnci wds, der ein würdiger Schwiegersohn des Arader Rabbiners ist. baben sich alle Neologenrabbiner gegen die Arader Reform ausgesprochen. Auch der offiziöse „Egyenleseg" hat gegen die Mischehen Einsegnungstheorie Stellung genommen, aber Dr. Rosenberg war von seinem Vorhaben nicht abzubringen. Mehrere neologe Gemeinden stellten sich auf Seite des Arader. Rabbiners und wollten ihre Rabbiner mit den verwerflichsten Mitteln terrorisiren. den Pwn new auszuspielen. So hatte z. B. der Fünfkirchener Rabbiner, Dr. Perls, einen großen Kampf auszufechten, bis es ihm gelungen, seine Gemeinde zu überzeugen, daß die Heldenthat des Arader Rabbiners ein ganz gewöhnlicher Reformschwindel sei. In Arad selbst blieb alles beim Alten, d. h. die Mischehen wurden in der Synagoge vom dortigen Rabbiner ungehindert feierlich eingesegnet. Um aber den Lärm in jüdischen Kreisen zu unterdrücken, wurde offiziell verlautbart: „Der Araber Rabbiner hat die Einsegnung von Mischehen eingestellt." Die Orthodoxen selbst hatten keine Ursache, sich mit dem Schöpfer der neuen Reform zu befaßen. Den gesehestreuen Juden ist es schließlich egal, ob Dr. Rosenberg die Mischehen einsegnet oder nicht. Vom Standpunkte des jüdischen Religionsgesetzes hat ja dieser hervorragende neologe Rabbiner längst das Prädikat von »nee jpt verdient. In orthodoxen Kreisen widmete man diesem Treiben überhaupt keinerlei Beachtung. Man interessirte sich bloß dafür, „was die Zentralleitung der Kongreßpartei und ihre kirchlichen und weltlichen Organe hierzu sagen werden." Seit Jahr und Tag wird nämlich auf die Impotenz der orthodoxen Organisation hingewiesen-und mit der Unfehlbarkeit und Gewalt des Kongreßstatuts so demonstriri, daß man sogar mit Berufung auf die bistorische Entwickelung auf Grundlage dieser Verfassung die Veranstaltung eines neuen „einheitlichen Kongreffes" erheucheln resp. erpressen will. Wird Dr. Rosenberg auch fernerhin vom Direktor des Rabbinerseminars, von den neologen Rabbinen und leitenden Männern der Kongreßpartei als vollwerthiger Rabbiner betrachtet werden oder nicht? Das war die Frage, die.mit Recht in allen konservativen Kreisen aufgeworfen wurde. Im Verlaufe unserer Ausführungen wird diese Hauptfrage eingehend beantwortet werden. Und diese Antwort wird wieder eine glänzende Genugthuung für das gesetzestreue Judenthum bieten. Es wird sich eklatant Herausstellen, daß die ganze neologe Verfassung des ungarischen Judenthums mit Nichten den Namen einer jüdischen Organisation verdiene, daß ferner das einzige, ehrliche und wahre Judenthum nur im orthodoxen Theile des jüdischen Volkes vertreten sei. Dr. Rosenberg hat sieben Jahre hindurch Mischehen in der Synagoge eingesegnet und das Rabbinerseminar sowohl wie die offizielle Landesbehörde der Kongreßbehörde fanden keinerlei Veranlassung, diesem „Rabbiner" das religiöse Vertrauen zu entziehen. Dr. Rosenberg blieb weiter Mitglied der Rabbiner-Prüfungskommission, und ein die Gottesoffenbarung leugnendes Werk feines Schwiegersohnes wurde von der jüdisch-ungarischen literarischen Gesellschaft sogar prämiirt, wie wenn nichts vorgefallen wäre! Dr. Rosenberg blieb ein hochgeachteter Rabbiner, eine Zierde des neologen Rabbinerstandes: er hat von seinem Renommee absolut nichts eingebüßt. Run ist aber der Wunderrabbi von Arad unwillkürlich in eine schiefe Situation hineingerathen. Vor einigen Monaten hat nämlich die Kongreßpartei eine ..Friedenskommission" gewählt und dieselbe beauftragt, mit den leitenden Männern der Orthodoxie persönlich zu unterhandeln, damit die „einheitliche" Organisation der ungarischen Judenschaft ermöglicht werde. Gerade wollte diese Kommission die Verständigungsarbeiten in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.