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Der Israelit · 1902-02-27 · Heft 17 (27.2.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 17 (27.2.1902)
Date
1902-02-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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387 Feuilleton. Nach vierhundert fahren. 4öj Von Friedrich Roit. Das war ein furchtbarer Schlag für Herrn von Nauhenftein. In der ersten Wuth zerriß er ihren Brief in taufend Stücke, dann saß er stundenlang vollständig gebrochen da, wie unfähig, das Entsetzliche zu fasten, dann wieder rannte er tobend im Zimmer hin und her. Sein Bedienter, der eine gewisse Zuneigung zu ihm empfand, war rathlos und in seiner Rathlostgkeit glaubte er die sog. Freunde feines Herrn von dessen trostlosem Zustande benachrichtigen zu sollen. Sie kancen auch und ihre Gegenwart war in gewisser Beziehung wohlthuend 'für den Berzweifelnden., so lange sie da waren, konnte er sich wenigstens beherrschen. Doch sehr bald erhob er sich. „Ihr müßt entschuldigen, aber bekanntlich geht Frauendienst vor Herrendienst. — Ich muß nach L. . . zu meiner Braut, in einer halben Stunde geht der Zug." Die Freunde sahen einander betroffen an. „Ja, bist Du denn noch Bräutigam?" fragte der Eine. „Das wollte ich meinen!" versetzte Herr v. Rauhenstein, sich in die Brust werfend, „meine Braut ist mir treu im Unglück wie im Glück." Und als er das ungläubige Gesicht eines der Anwesenden gewahrte, fuhr er polternd auf: „Zum Henker! was habt Ihr Euch für einen Bären aufbinden lasten! — Meine Braut vergeht vor Ungeduld, mich wieder zu sehen — hat es sich doch 60,000 Mk. kosten lasten —" „Das hat seine Richtigkeit," sagte einer der Freunde. „Bedarf es etwa Deiner Bestätigung?" fuhr der Freiherr ihn an. „hat schon c i n Mensch gehört, daß rin Nauhenftein eine Lüge über die Lippen gebracht hätte?"- „Aber Rauhenstein, ich Litte Dich!" — „Wer wird denn jedes Wort auf die Goldwage legen!" fiel ein anderer ein. „Du bist zu aufgeregt —" Der Freiherr fuhr sich tief aufaihmend mit der Hand über die Stirn.. „Ihr müßt entschuldigen — es kann ja sein, daß ich heute zu aufgeregt bin. — Aber — meine Braut erwartet mich — ich kann sie nicht länger ivarten lassen. Adieu! Adieu!" Er drückte, jedem der Anwesenden die. Hand und eilte fort, nachdem er dem Bedienten befohlen, den Handkoffer, der seine Reiserequisiten enthielt, zum nahen Bahnhof zu bringen. Er war ursprünglich seine Absicht gewesen, noch am selben Abend seine Braut aufzusuchen, denn es war noch nicht allzu spät, als er nach mehrstündiger Fahrt L. erreichte. Doch der Spiegel, den er zu Rathe zog, rieth ihm, seinen Besuch bis zum folgenden Tag zu verschieben, denn in seinem, immer etivas abgelebten Gesicht zeigten sich nur allzudeutlich die Spuren der kaum überwundenen Aufregung. Er beschloß daher, vor allem zeitig sich zur Ruhe zu begeben und hoffte, durch den stärkenden Schlaf einer ganzen Nacht jene häßlichen Spuren zu verwischen und frisch und neugestärkt am andern Morgen seiner Braut entgegentreten zu können. Er hatte sich jedoch hierin sehr getäuscht. Müde und abgespannt, wie er war, floh ihn dennoch der heißersehnte Schlummer; schlaflos lvälzte er sich auf seinem Lager und erst in den Morgenstunden fielen ihm die fieberheißen Augen zu. Die Wintersonne erhellte bereits mit ihren wärmelosen Strahlen das Zimmer, in dem er die Nacht verbracht hatte, als er nach kurzem, unruhigen Schlummer erwachte. Er fühlte sich womöglich noch müder als am Abend zuvor und auch der Spiegel gab. keine günstigere Auskunft. Trotzdem beschloß der Freiherr, den beabsichtigten Besuch nicht länger zu verzögern, und vielleicht gelang cs ihm, Jsabella zu versöhnen. Sie war ja so überaus gut, so mildherzig, so mitleidig — und er sah in Wirklichkeit leidend aus, schwer leidend. Vielleicht würde gerade sein leidendes Aussehen ihre Stimmung zu seinen Gunsten wenden. Wer konnte wissen? Er wollte wenigstens hoffen. Mit möglichster Sorgfalt vollendete er seine Toilette, zwang M, ein stärkendes Frühstück ein.zunehmen und machte sich dann auf den Weg zu der Wohnung seiner Braut, — mit festen Schritten, doch mit angstvoll pochendem Herzen. Er stand jetzt vor der Wohnungsthür, aber sein Herz hämmerte so stark, daß er einige Minuten warten zu. müssen glaubte. Jetzt aber drehte sich oben in der. zweiten Etage die Thür in ihren Angeln, ein leichter Schritt auf der Stiege ward hörbar. Zum Kuckuk, wenn das der Judenjunge wäre! Rasch entschlossen drückte er aus den Schellenknopf und die Thüre ging auf.-- „Das gnädige Fräulein ist zu Haufe?" „Gewiß. Herr Baron," erwiederte Pedro, sich tief verneigend, „wollen der gnädige Herr sich gefälligst hier herein bemühen—das gnädige Fräulein befinden sich im Bücherzimmer, ich werde sofort benachrichtigen —" Aber während Jsabella noch überlegte, ob sie den ihr höchst unwillkommenen Besuch empfangen oder abwciscn sollte, hatte dieser bereits die dazwischen liegenden Räumlichkeiten durchschritten, und ehe sie sich dessen 1 versah, stand er vor ihr.- \ 8 „Alfred!" schrie sie auf. v | „Verzeihung, Geliebte! Aber ich konnte meine? Sehnsucht nicht länger bezwingen." ' j Jli »*<-.!■

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