Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1902)
- Date
- 1902-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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383 Präzisirungen und Ausführungen des in dem schriftlichen Wort der Bibel in prägnanter Kürze gegebenen Gesetzes. Der Kern dieser Ueberlieferungen reicht bis auf Moses hinauf, der sie zugleich mit dem schriftlich fifrten Gottesworte als gleich göttlichen Ursprunges für die Ausführung der Gotteslehre seinem Volke übergab und sie in den vierzig Jahren der Wanderschaft durch die Wüste seiner Erkenntnis einprägte. Diese mündlichen Erläuterungen waren von vornhinein von der schriftlichen Abfassung des Gotteswortes vorausgesetzt, das zu seiner Ausführung unumgänglich der näheren Erläuterung bedarf. Ja, einem aufmerksamen Leser der Bibel zeigt sich die Thatsache, dass alle Gesetze zuerst mündlich gelehrt und das ganze Gesetz somit dem Volke bereits ausführlich bekannt war, als ihm Moses dasselbe vor seinem Scheiden in schriftlicher Abfassung übergab. Bedarf doch schon das einfache Lesen der Bibel in ihrer Urschrift der mündlichen Ueberlieferung. Noch heute sind unsere Thorarollen ohne Vokale, Accente und Versabtheilungen, die alle drei erweislich aus viel späterer Zeit stammen, und ebenfalls nur die mündliche überlieferte Lehrweise durch Schriftzeichen festzuhalten bestimmt wurden. Das einfache Lesen der Vibelschrift beruht daher auf Ueberlieferung derselben Geschlechter und Männer, die auch die im Talmud enthaltenen Erläuterungen überlieferten. Wenn somit die christliche Kirche in all' ihren Konfessionen auch die jüdische Bibel des alten Testaments als Glaubens-Urkunde verehrt, so steht sie schon mit ihrem einfachen Bibelwort auf Grund talmudischer Ueberlieferung. Eine Thatsache, auf welche schon Hillel einen Heiden, der von ihm die Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft durch Anerkennung des schriftlichen, aber mit Ausschluß des mündlichen Gesetzes verlangte, verwies, indem er ihm zum Bewußtsein brachte, wie er selbst zum bloßen Lesen des schriftlichen Gesetzes der mündlichen Ueberlieferung vertrauen müßte. Bedarf doch auch das schriftliche Vibelwort für die praktische Ausführung des darin niedergelegten göttlichen. Gesetzes so sehr einer mündlichen Erläuterung und seht dieselbe so sehr voraus, daß selbst im Laufe der Zeit entstandene jüdische Sekten, die die Ueberlieferung des Talmuds verwarfen, sich genöthigt sahen, sich eine eigene Ueberlieferung zu schaffen. Alle diese Sekten, wie sie im Laufe der Zeit entstanden, sind, bis auf den kleinen Vruchtheil der noch vorhandenen Karaiten, wieder von der Vildfläche der Zeit verschwunden. „Das einzige welthistorische Judenthum, das seinen gottgewiesenen Gang in der Mitte der Völker, alle Jahrhunderte der Geschichte hindurch bis in die lebendige Gegenwart vollbracht hat und vollbringt, ist das talmudische, das von der Ueberlieferung des Talmud getragene, gepflegte und erhaltene Judenthum." (S. R. Hirsch: lieber die Beziehungen des Talmuds zum Judenthum.) Aus diesen flüchtigen Skizzen läßt sich wohl schon erkennen, wie der Talmud nicht etwa eine dem Judenthum zugefügte Beigabe ist, die man entfernen könnte, ohne das Wesen des Judenthums zu berühren, wie vielsmehr der Talmud die einzige Quelle ist, aus welcher das Judenthum geflossen, der Grund ist, auf welchem das Judenthum besteht, und die Lebensseele ist, welche das Judenthum gestaltet und erfüllt. In der That, das Judenthum, wie es in der welthistorischen Erscheinung des jüdischen Volkes verkörpert ist, und wie es in geistigen und sittlichen Fähigkeiten und Tugenden zu Tage tritt, die ihm selbst seine Feinde nicht abzustreiien wagen, ist durch und durch ein Produkt der talmudischen Lehre und der von ihr geleiteten Erziehung und Bildung; denTalmud aufgeben, hieße für die Bekenner des Judenthums dieses selbst aufgeben. Trifft die Kirche daher je mit dem Judenthum zusammen, so wird sie mit dem talmudischen Judenthum Zusammentreffen, denn ein anderes hat es nie gegeben und wird es auch in aller Zukunft nicht geben können, für jeden, der eine Rückkehr zum alten Testament und seinem Gesetze im Ernste fordert. ■: Zeitungsnachrichten unv Korrespondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 24. Febr. Auf Einladung eines provisorischen Komitees fand dahier die konstituirende Versammlung einer „Jüdisch-Litterarischen Gesellschaft" statt. Diese Gesellschaft hat sich zur Aufgabe gestellt, streng wissenschaftliche Bestrebungen zu fördern, die geeignet sind, die Erkenntniß der Wahrheit des überlieferten Judenthums zu vertiefen. In einem durch das provisorische Komitee zur Versendung ^gelangenden Zirkulare heißt u. a.: . -V . „Schon die ersten Anfänge einer auf genügenden. Kenntnissen beruhenden, streng-wissenschaftlichen For- ' schung haben herrliche Resultate ergeben, die unsere Ueberlieferung allseitig bestätigen. Auf diesem Wege wollen und müssen wir fortschreiten. Unsere Gesellschaft will gesinnungsverwandte Gelehrte zum Forschen anregen und sie und ändere, die nicht erst auf die Anregung warteten, ermuntern und in Stand setzen, die Frucht ihrer Studien der tveiten.. i 1 Öffentlichkeit zu unterbreiten. , x \ Bücher, die jüdisch-wissenschaftliche Gegenstände^ : zum Inhalt haben, werden heute, wenig gelesen und ge-^ \ I kauft, und darum vor allem nicht in genügender.'Zahl' - \ geschrieben. Zur Ermunterung und Förderung der Gep: i jlehrten gehört es, ein theilnehmen.des und aufmerksames , | Publikum zu schaffen. Auch dieses sei ein Ziel für uns. \ { Die Mittel zur Erfüllung dieser großen Aufgabe wird eine zielbewusste Vereinsleitung zu finden wissen, sobald sich unserer Gesellschaft eine genügende Zahl von |