Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 16 (24.2.1902)
- Date
- 1902-02-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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374 werden, die heute in den Städten sich selbst und ihren Ctammesgenossen zur Last fallen." Dr. Ernst Tuch glaubt diese Absicht durch die vielfach kolportierte Nachricht begründen zu können, daß in oen jüdischen Kolonien rusiische Studenten und galizische Hausirer sich leicht und schnell in tüchtige Bauern verwandelt hätten. Diese Ansicht ist, wie die zuverlässig-- sten Quellen bestätigen, irrig. Nur ein geringer Bruchtheil der bezeichneten Leute ist bei der Landwirthschaft geblieben, und die für diese Kolonisten aufgewandten enormen Summen stehen .in keinem Berhältniß zu den gezeitigten geringen Resultaten. Dagegen sind aus den Kindern der ersten Ansiedler, namentlich in Argentinien, tüchtige Bauern geworden. Wie so oft, liegt auch bezüglich der beiden angezogenen Abhandlungen die Wahrheit in der Mitte. So irrthümlich ich die Ansicht des Herrn Ingenieur Blum halte, eine Sanierung der Lage, selbst der jüdischen Landbevölkerung durch die Schaffung eines jüdischen Bauernstandes für aussichtslos zu erklären, ebenso wenig stimme ich mit Herrn Dr. Tuch darin überein, daß es möglich sei, aus der erwachsenen jüdischen. Stadtbevöllerung, die doch durchschnittlich, namentlich so weit die ärmeren Klassen in Betracht kommen, schwächlich ist, tüchtige Bauern zu machen. Selbst bei gutem Willen würden in vorgerücktem Alter nur Wenige sich dazu eignen und noch Wenigere willens sein, die ihnen ungewohnte schwere Arbeit zu thun. Lebensgewohnheiten, die noch obenorein durch Jahrhunderte langen Zwang von außen in Fleisch und Blut übergegangen .Md, lassen sich nicht im Handumdrehen ändern. Es ist zu beklagen, daß nur so wenige unserer Glaubensgenossen, trotz unserer so lehrreichen und vielseitigen Geschichte, Lehren aus derselben ziehen. Wir brauchen nur an die weise Vorsicht. von Moses zu denken; das durch die lange Sklaverei für die selbstständige Ansiedelung ungeeignete Volk führte er vierzig Jahre in der Wüste herum, damit eine vollständig neue Generation heranwachse. Diese hat wirklich das Land nicht nur erobert, sondern auch erfolgreich besiedelt. Lassen wir uns dieses Beispiel zum Muster dienen, und hüten wir uns vor nervöser Ueberhastung, die voraussichtlich Mißerfolge zeitigen würde! . Ein jeder Mißerfolg in diesen überaus wichtigen Fragen wäre für die deutschen Juden von unermeßlichem Schaden. Seit ca. zwanzig Jahren bin ich bemüht.. durch Einführung von zweckmäßigem Handfertigkeits- und Gartenbau-Unterricht in jüdischen Volksschulen den Sinn für Handwerk und Bodenkultur unter der Heranwachsenden Generation zu wecken. Wäre von Anfang an diesen Bestrebungen das Verständniß entgegengebracht worden, welches jetzt. Gott sei Dank, sich immer mehr Bahn bricht, so würden wir schon heute eine größere Anzahl Handwerker. Gärtner und Landwirthe unter den deutschen Juden haben. Dadurch, daß man Kindern während ihrer Schulzeit Gelegenheit gibt, neben ihren geistlichen Fähigkeiten auch ihre technischen, praktischen und körperlichen Fähigkeiten zu entwickeln, weckt man bei ihnen nicht nur Lust und Liebe für Beschäftigungsarten. die ihnen in späteren Jahren nutzen, sondern man gewährt auch den Eltern und Lehrern die Möglichkeit, beobachten zu können, für welches Fach ihre Pflegbefohlenen stch eignen. Nur Diejenigen, welche Talent und Neigung für Handwerk und Bodenkultur zeigen, soll man diesem Berufe zuführen. Unter solchen Voraussetzungen sind wir sicher, tüchtige Männer für diese Erwerbszlveige heranzubilden, zu deren eigenem Wohle und zum Wähle des Vaterlandes. _ Zeitungsnachrichten und «Lorrclpondenzen. Deutschland. Berlin, 20. Febr. (Iudensache n.) Sollte nian es glauben, daß im Verwaltungsbericht des Berliner Polizeipräsidiums ein Kapitel diese Ueberschrift führt? Aber . Lhatsachlich besitzt das Polizeipräsidium nach dem Gesetz über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 die Aufsicht über die Angelegenheiten der Berliner jüdischen Gemeinde. deren Bezirk sich bekannt- .lich weit über die Berliner Weichbildgrenze hinaus auf eine große Reihe von Vororten erstreckt. Diese Aufsicht wird dadurch geübt, daß die Wahlen der Repräsentanten unter Zuziehung eines Staatskommissarius stattfinden. daß die Besteuerung der Gemeindemitglieder in der Beschwerde-Instanz der Entscheidung des Polizeipräsidiums unterworfen ist, daß die Heberollen der Festsetzung und die Beitreibungen der Steuern säumiger Schuldner der Hilfe desselben, und ferner die Einführung neuer Auflagen, Aufnahme von Anleihen, Anlauf von Grundstücken und Realberechtigungen der Genehmigung der Aufsichtsbehörde bedürfen. Demgemäß findet inan ziemlich detaillirte Angaben über den Haushaltsetat der jüdischen Gemeinde in dem Verwaltungsbericht der Polizei — einem Ort. wo man sie eigentlich nicht suchen würde. Ursprünglich, d. h. nach dem grundlegenden Polizeireglement vom 18. September 1822. hatte das Polizeipräsidium die ..Judenangelegenheiten für die Residenzstadt Berlin" in noch weit ausgedehnterem Maße 311 verwalten. Da hatte es unter anderem die Gesuche um nachträgliche Ertheilung von Staatsbürger-Eertifikaten und Naturalisations-Patenten zu bearbeiten, die Kontrolle über die nicht mit staatsbürgerlichen Rechten versehenen Juden zu führen und die Eivilstandslisten zu beaufsichtigen. Diese Kompetenzen der^ Polizeibehörde sind theils durch die Verfasfungs-