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Der Israelit · 1902-02-24 · Heft 16 (24.2.1902) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 16 (24.2.1902)
Date
1902-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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866 leisten. Dieses gilt aber ganz besonders von Juden, denen erfahrungsgemäß in Deutschland .sehr oft bei gleicher Begabung und Leistung Andersgläubige vorgezogen werden. Während nun in vielen Fächern — ich erinnere nur an die Richterkarriere—auch hervorragende Juden zuruckgesetzt oder gar ausgeschlossen werden, ist dieses bei der Gärtnerei nicht oder doch nur in sehr beschränktem Maße der Fall. Tüchtige Gärtner, die ihre Lehrzeit gut benutzt haben und ihr Fach verstehen, werden selbst von antisemitischen Arbeitgebern ausgenommen; allerdings bestehen bei letzteren an und für sich Vorurtheile gegen die jüdischen Gehülfen, durch tüchtige Leistungen können aber diese Vorurtheile erfolgreich beseitigt werden. Als Beweis hierfür seien einige Beispiele erwähnt: Der jetzt als Leiter der Kolonie Maurizio in Argentinien fungirende Herr Arthur B a b hat mir selbst vor einigen Jahren erzählt, daß er auf eine Annonce hin sich bei einem bedeutenden Gärtner gemeldet habe, der als Antisemit bekannt war. Dieser habe ihm, nachdem er einige Zeit bei ihm gewesen sei, offen gestanden, daß er ihn nicht engagirt haben würde, wenn er gewußt, daß er Jude sei. daß er sich jetzt-aber außerordentlich freue, in ihm einen tüchtigen Mann gefunden zu haben. Er hat ihm seine Zufriedenheit in jeder Weise zu erkennen gegeben und ihm nachher zu einer sehr guten Stelle verholfen, die er vor fünf Jahren aufgab, um dem Ruf der „Jewish Colonisation Association" nach Argentinien zu folgen. Ein anderer Fall wurde mir von einem früheren Ablemer Zöglinge berichtet, der vor 31--. Jahren seine Lehrzeit beendet hatte, und der vor Kurzem zum Besuch in unserer Anstalt in Ahlem weilte, bevor er zum Militär eintrat. Der junge Mann war von der Anstalt aus in eine streng-katholische Gegend zu einem der ersten Gärtner Deutschlands gekommen. Hier gab es allere dings zuweilen kleine Neckereien, denen aber nicht nur er, sondern auch die protestantischen Gehülfen ausgesetzt waren und die nicht verhinderten, daß er mit allen seinen Kollegen, auch den katholischen, auf bestem Fuße stand. Auf eine Annonce hin bewarb er sich später um eine andere Stelle, die er auch erhielt. Als er dann bat, man möge ihm erlauben, die jüdischen Feiertage, die gerade bevorstanden, im Kreise seiner Familie feiern zu dürfen, schrieb man ihm ab. Er bestand aber auf dem Engangement. selbst wenn man ihn nur einen Monat behalten würde und trat die Stelle an. Hier erwies er sich als tüchtig, so daß man ihn zwei Jahre, bei für einen Gärtner recht gutem Verdienst, behielt. Er gab seine Stellung nur auf, um. wie oben bemerkt, seiner Militärpflicht zu genügen. . '" Das Vorurtheil'gegen die Juden ist übrigens auch nicht immer lediglich durch Antisemitismus, sondern auch dadurch hervorgerufen, daß es in irgend einem Falle bekannt geworden ist. daß ein jüdischer Gehülfe,. Geselle oder Arbeiter in Stellung war. wo er seine Schuldigkeit nicht that oder der nichts gelernt hatte. Leider sind ja Nichtjuden zu leicht geneigt, eine schlechte Erfahrung, die sie einmal mit einem Juden gemacht haben, zu verallgemeinern und sie dem ganzen Judenthum zur Last zu legen. Schon um ihren Glaubensgenossen nicht zu schaden und um berechtigte Vorurtheile zu zerstreuen, sollten die Juden bestrebt sein, namentlich auch als Handwerker oder Gärtner, sich durch tüchtige Leistungen die Zufriedenheit und Achtung ihrer Vorgesetzten zu erwerben. Unter der arbeitenden Klasse herrscht im Allgenreinen kein Antisemitismus, und tritt er auch hin und wieder einmal auf, so äußert er sich meistens durch harmlose Neckereien, die der davon Betroffene am besten unbeachtet läßt; daher kann ein jüdischer Handwerker oder Gärtner, wenn er tüchtig und zugleich bescheiden ist. wohl erreichen, mit seinen nichtjüdischen Genossen freundschaftlich zu verkehren. Um jüdischen Handwerkern, Gärtnern und Landwirthen. leichter Stellung zu verschaffen und um sie, namentlich im Anfang ihrer Laufbahn, nicht zu entmuthigen, wäre Folgendes wünschenswerth: In sämmtlichen jüdischen Gemeinden, in welchen Unterstützungskassen für Einheimische und Fremde vorhanden sind, sollten sich Vereine bilden, oder auch einzelne Personen sich der Sache widmen, um den als tüchtig bekannten Gehülfen und Arbeitern in den einschlägigen Gewerben Stellungen zu besorgen. Wünschenswerth ist es ferner, daß die vielfach bestehenden Handwerkervereine sich ebenfalls hierbei betheiligen. da es nicht genügt, die jungen Leute dem Handwerk und der Bodenkultur zuzuführen. Es muß vielmehr Aufgabe gerade dieser Vereine sein, die Betreffenden vor dem Aufgeben der gewählten Laufbahn zu bewahren und es zu verhüten, daß sic sich dem Handel wieder zuneigen. Die Erfüllung dieser Aufgabe kann nicht schwer werden, wenn ein jeder angesehene Jude, der doch gewiß mit irgend einem vorurtheilsfreien Gärtner oder Handwerker bekannt oder befreundet ist, sich dafür verwendet, daß dieser einem tüchtigen jungen Mann jüdischen Glaubens Arbeit gibt. Hierdurch kann es wohl verhindert werden, daß an Stelle des gewerblichen Berufs der Betreffende sich dem Handel wieder zulvendet. Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" hat bereits vor einiger Zeit an sämmtliche Handwerkervereine Deutschlands cm Rundschreiben erlassen, worin er dieselben ersucht, sich zu einer Zentrale zu vereinigen, um solchen Gehülfen und Gesellen, die durch einen ihnen zunächst liegenden Verein keine Stellung finden können, dazu zu verhelfen, durch einen anderen, wo Nachfrage nach derartigen Arbeitern ist, Anstellung zu verschaffen.

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