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Der Israelit · 1902-02-20 · Heft 15 (20.2.1902) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 15 (20.2.1902)
Date
1902-02-20
Page
– (sequence 30)
Language
German
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nicht mehr wird, wird weniger, Stillstand ist Rückschritt. Bei dem Wenigen, was unsere Religionsschulen im Hebräischen oft bieten, ist das Vergessen kein großes Wunder. Das Schiurlernen mutz sich daheroft zu einem förmlichen Unterrichte .der Erwachsenen gestalten. Und wie man nach dem Grundsätze der Apperzeption verfährt, so beachte man auch sonstige wichtige Regeln der Methodik. Hier seien einige hervorgehoben. Bringe Gleichartiges in Verbindung, suche Aehnlicheszus.ammenzust e l l e n. Wer über das Peßachfest spricht, wird füglich auch kurz auf die zwei übrigen Wallfahrtsfeste Hinweisen. Die Namen TSpn :n rstn :n und spxn :n sind im Zusammenhang erst klarer und verständlicher. Bei der Abhandlung über die Ermordung Gedaljahs wird man wohl auch auf die Bar Kochbäische Empörung vergleichsweise übergehen. Man wird nicht über den 10. Tebeth sprechen, ohne dabei kurz auch die übrigen Fasttage bis Z. Gedaljah des geschichtlichen Zusammenhangs halber zu berühren. Durch solche Nebeneinanderstellung und Vergleichung wird nicht nur das bessere Verständniß angebahnt, sondern auch das Interesse geweckt. „Sei möglichst gründlich und vielseitig in d e m, was Du vorträg st." Wiederum diene der 10. Tebeth als Beispiel. Es genügt nicht, einfach zu sagen, dieser Fasttag erinnere an den Anfang der Belagerung Jerusalems. Eine solche Mittheilung erscheint inhaltlich leer und in ihrer Einwirkung auf Herz und Gemüth bedeutungslos. Man greife hier zurück auf die Geschichte der beiden Reiche, schildere die Gräuelthaten so mancher Könige,. die Sünden des Volkes, die Verfolgungen der Gottesmänner, die ihr Leben für Recht und Wahrheit in die Schanze warfen. Man erzähle von den Leiden, welche man einem Jirmijah zugefügt, dessen Herz für sein Volk blutete und den selbst der Feind achtete und ehrfurchtsvoll behandelte. Erst so wird das Bild jener Zeit klar anges ch a u t, tritt lebendig vor die Seele, erst so kann die Bedeutung genannten Fasttages gewürdigt werden. Ebenso verfahre man beispielsweise bei der Geschichte des Chanukafestes. Man schildere ausführlicher die Kämpfe zwischen dem Hellenismus und der jüdischen Weltanschauung. Man wird so am besten der oberflächlichen, landläufigen Meinung entgegenwirken. als feierten wir das Weihefest lediglich an das Oelwunder im Tempel. Durch Gründlichkeit wird man so manches Vorurtheil beseitigen, so manche falsche Ansicht zerstören. - Man nehme ferner Rücksicht auf „Erscheinungen der Gegenwart, nehme Stellungen zu Tagesfragen." Die Stellungnahme zu den jeweiligen Zeitverhältnissen ist die Kunst des Lebens überhaupt, sie ist aber die des jüdischen Lebens insbesondere. Niemals waren wir dieser Pflicht enthoben und niemals werden wir ihr enthoben sein. Es ist der Sache darum nur förderlich, wenn sie in Bezug auf moderne Verhältnisse behandelt wird. Dem Ansehen des Lehrers aber kann es nichts schaden, wenn er auf solche Weise sich als Weltmann zeigt, der offenen Auges auf der Zinne der Zeit steht. So gibt die staatlich eingeführte Sonntagsruhe wohl Veranlassung zum Vergleich mit der gottgebotenen Feier des siebenten Tages. Jene „Ruhe" ist ein Beweis, daß die Menschheit sich nach den Segnungen sehnt. welche der Sabbat seit Jahrtausenden uns wöchentlich bringt. Doch welches Kunterbunt in den gesetzlichen Bestimmungen und Verordnungen, welche Willkür in der Definirung des Begriffes Arbeit und Ruhe. Hier stelle man unseren seit vielen Jahrtausenden fixierten Begriff einer nrx-2, die am Sabbat verboten, vergleichend gegenüber. Man kann von hier aus auf die „neuunddreitzig Arbeiten" überleiten. — Bei der Behandlung des Brach- und Jobeljahres wird man nicht unterlassen, die soziale Gesetzgebung unserer Tage zu berühren. Auch hier ringt die Zeit nach jüdischen Idealen. Das Wort px:r bz '2 stellte den jüdischen Staat auf solch gesunde Grundlage, daß — wieder aktuell gesprochen — er niemals durch zwei sich heftig befehdende Gegensätze, wie einen Bund der Landwirthe und der Industriellen erschüttert werden konnte. Die Friedenskongresse dürfen erwähnt werden als das schöne jesaijanische Bild vom stillen Glück der Menschheitsverbrüderung.*) Solche Bezugnahme auf die uns täglich umgebenden Dinge und Verhältnisse werden gerne gehört, liefern vor allem den Beweis, daß unsere Religion sich nicht überlebt hat. Sie heben das jüdische Se! bstbewußtsein bei der großen Menge und machen sie der eigentlichen Belehrung zugänglicher. Freilich dürfen solche Vergleiche nicht bei den Haaren herbeigezogen werden. Sie müssen sich vielmehr naturgemäß ganz aus der Sache selb st ergeben. Die Gelegenheit ist reichlich geboten, ungesuchte Vergleiche anzustellen. Nachdem wir nun die wichtigsten Regeln, welche das „W i e" des Vortrages betreffen, gegeben, soll in Folgendem auf den S t o f f näher eingegangen werden, auf das „W a S." „Wer einen Vortrag halten will, muß solches vor allem in reiner, göttlicher Absicht thun. um die große Menge zum Guten hinzuleiten. Er theile seinen Vortrag in drei Drittel: im ersten bringe man einfache Schriftauslegung und erwähne jedesmal den Autor, dem man folgt; denn geistiger Diebstahl ist verwerflicher, als der an irdischem Gut begangene. Im zweiten Theile der Abhandlung biete man der unkundigen Menge Gesetzesvorschriften für das praktische religiöse Leben, „Dinim" für das Gebet, die Schaufaden, die Gedenkriemen, die Vorschriften für die Sabbatfeier,! *) Auch die 3udfecieü'ta\ über die der Nichtjude und der Auchjude früber to ort;nlächelt, dürsten mit den mannigfachen neueren Ralnungslind alelieiminittelgesetzen verglichen werden und zwar nicht zum Nachtheil der Enteren. Red. d. „Bl. f. d. isr. Schule."

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