Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1902)
- Date
- 1902-02-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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35t schwinden und es so schwer werden, die betreffenden Werke des Gaon und des Rambam in Vollständigkeit zu erhalten. Die Herausgeber, Baron und Behrens, haben übrigens gut gearbeitet und haben Anspruch auf unseren Dank. Zeitungsnachrichten urrv Korrespondenzen Deutschland. ftüln, 18. Febr. (Was die Kölner Reforuier aus der Devise des Kölner Karneval: „Allen wohl und Niemand weh'" lernen können.) Der Kölner Karneval ist ein außerordentlich volksthümliches Fest, er wird gefeiert von allen Konfessionen und Parteien nach dem alten Wablspruche: „Allen wohl und Niemand weh'!" Das Fest hat unter dieser Devise Raum für Alle und gestattet keiner Gesellschaftsklasse, keiner politischen Partei, keiner konfessionellen Richtung, es für sich allein in Anspruch zu nehmen. Unter der angeführten Devise hat es den Wechsel der Zeiten überstanden und wird sich, so lange diese Devise das Charakteristische des Festes bildet, zu allen Zeiten erhalten können. Selbstverständlich ist hier nicht der Platz, mich über-das glänzende Gelingen des diesjährigen Festes und seiner Einzelerscheinungen des Näheren auszulassen. Nur das Eine muß ich rühmend und hoch anerkennend hervorhcben. daß der Schutz der Maslenfreiheit im Kölner Karneval niemals in einer das jüdische Gefühl verletzenden Weise mißbraucht wurde. Alles dahin Gehörige wird von maßgebenden Seiten, peinlichst vermieden. so daß auch jüdischerseits kein Anlaß vorliegt, sofern Jemand an dem harmlosen Vergnügen des Karnevals Gefallen findet, sich von demselben fern zuhalten. Das Fest nun intereflirt mich hier wenig, wohl aber sein Wahlspruch: „Allen wohl und Niemand weh'!" und an diesen Wahlspruch möchte ich einige naheliegende Betrachtungen knüpfen. - Der eigentliche Zweck des Karnevals ist, das ungetrübte, von keinem Nebengedanken beeinträchtigte oder angekränkelte Vergnügen, der Ausdruck ungemischter Freude am schönen, sonnigen Sein! Diese Freude soll Keinem genommen, soll Keinem irgendwie verkiimmert oder beeinträchtigt werden, denn es soll bei diesem Feste Allen wohl und Niemand wehe um's Herze sein. Der Eine soll sein Vergnügen, seinen Genuß nicht auf Kosten des Andern finden, die Liebhaberei des Einen soll nicht zur Quelle des Aergernisses fiir den Andern werden! Das sind acht menschenfreundliche, einer vornehmen Gesinnung entsprossene Gesichtspunkte, die nicht allein für die Dauer des Karnevalsfesies, sondern das ganze Jahr hindurch für das Thun und Lasten der Menschen und insbesondere eines Theiles unserer .Glaubensgenosten bestimmend sein sollten. Soweit nun unsere der Reform huldigenden Glaubensbriider den Kölner Karneval freudig mitseiern, müssen sie die Devise des Festes während der Dauer desselben wohl oder übel Hochhalten. Sobald aber die rauschenden Festtlänge verhallt sind, ist auch die schöneParole des Festes verhallt und unsere Reformer handeln in einem dieser Parole gerade entgegengesetzten Sinne. Man erstrebt von jener Seite für unseren heiligen Gottesdienst eine Ilmgestaltung durch Einführung der Orgel, mit der Begründung, daß die Klänge dieses Musikinstrumentes bei deren gelegentlichem Besuche des Gottesdienstes für sic eine Annehmlichkeit bedeuten, ihrem musikalischem Empfinden entgegenkommen. Das mag zugegeben werden. Ein Redner der Reformpartei sprach sich noch aufrichtiger in dem Sinne aus, daß für. die Reformer das Orgelspiel in der Synagoge eine angenehme Liebhaberei sei. Und in der Bezeichnung „Liebhaberei" dürste auch die ganze Orgelbegleitung am zutreffendsten charakterisirt sein. Mit dem Bestreben einer Annehmlichkeit. einer Liebhaberei, sollte aber keineswegs für die andere Hälfte der Gemeindemitglieder und insbesondere mit verschwindenden Ausnahmen, für „sämmtliche regelmäßige Besucher unserer Synagogen ein herbes Weh verbunden sein!" Einer Liebhaberei zuliebe, die gelegentlich der Gürzenich-, und Philharmonischen Konzerte auf die leichteste und beauemste Art befriedigt werden kann, sollte man nicht vielen Hunderten jüdisch gesinnter und jüdisch empfindender Glaubensbrüder bitteres Weh anthun, sie nicht in ihren innersten, heiligsten Gefühlen verletzen, sie nicht aus den ihnen lieben AndachtSstätten verdrängen wollen, auf Kosten des schwersten Gewissensdruckes. des bittersten Wehes, das man seinen Glaubensbrüdern znsügen kann/sollte man eine Annehmlichkeit, eine Liebhaberei nicht anstreben, sondern auch hier des schönen Spruches eingedenk sein: „Allen tvohl und Niemand weh'!" Schon das Bewußtsein. sein eigenes Wohl (und darum handelt es sich hier doch keineswegs) nur durch dem Nebenmenschen zugefügtes Weh erlangt oder gefördert zu haben, müßte bei dem gerecht denkenden und empfindenden Menschen den Genuß des Erreichten auf das Empfindlichste trüben, um wieviel mehr der Gedanke, daß es sich hier nur um eine Liebhaberei handelt, deren Genuß für die Reformer im ganzen Jahre bestenfalls nur ein- bis Zweimal in Betracht kommen kann! Ob unsere Reformer, die sich so gerne „liberal" nennen, allerdings in mißbräuchlichster Anwendung dieses schönen Mortes aus dem Karnevals-Spruche „Allen wohl und Niemand weh'" etwas lernen werden, mag dahingestellt bleiben. Es wäre zu wünschen; aber ein blinder Fanatismus bat bei manchen derselben schon zu tiefe Wurzeln gefaßt und der Fanatismus ist taub gegenüber allen Vernunft- und Billigkeitsgründen. Dieses Geschrei nach einer Orgel ist geradezu himmelschreiend von Leuten,