Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1902)
- Date
- 1902-02-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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387 Cöthen. Eine größere Anzahl Stiftungen hat anläßlich des Jubiläums des 23jährigen Bestehens der „Chemiker-Zeitung" in hochherziger Weise der Herausgeber und Redakteur derselben, unser verehrter Mitbürger, Herr Professor Dr. G. K r a u s e, für gemeinnützige und wohlthätige Zwecke gemacht. Er ehrt Herrn Dr. Krause, namentlich in dieser antisemitischen Zeit ganz besonders und zeugt von einer wahrhaft humanen Gesinnung, daß er auch die israelitische Gemeinde Cöthen mit 6000 Mark bedacht hat, deren Zinsen zu vierteljährigen Miethsunterstützungen verwendet werden sollen. Ehre, dem Ehre gebührt. Aus Baden. In jüngster Zeit wandte sich eine Anzahl israel. Volksschullehrer, die 10—19 Jahre im badischen Schuldienste (des badischen Mutterlandes) nicht etatsmäßige Stellungen bekleiden, an Großherzl. Bad. Oberschulrath mit der Bitte, .um Besserung ihrer ganz prekären Lebensverhältnisse (900 Mark Jahresgehalt), bezw. um Gleichstellung mit ihren christlichen Kollegen, die mit durchschnittlich 8—10 Dienstjahren in Hauptlehrerstellen einrücken. Das in Frage stehende Bittgesuch wurde von Seiten Großh. bad. Oberschulraths dahin verbeschieden, „daß man die Nachtheile nicht verkenne, welche das fortschreitende Eingehen israelitischer Hauptlehrerstellen in Landgemeinden in Folge Wegzugs der Israeliten in die Städte für die dermalen in nichtetatsmäßiger Stellung verwendeten israelitischen Lehrer im Gefolge haben muß, daß man aber diesem Uebelstande auf dem, von den Bittstellern vorgeschlagenen Wege nicht zu begegnen vermöge, da die Verhältnisse immerhin nicht der Art seien, daß sie eine besondere gesetzliche.Maßnahme rechtfertigen könnten, außerdem mit den grundsätzlichen Bestimmungen des E. U. G. in Widerspruch ständen u. s. w." Dabei ließen es die betreffenden Herren naturgemäß nicht sein Bewenden haben. Auf dem in jedem geordneten Staate geltenden Grundsätze „gleiche Pflichten, gleiche Rechte" fußend, wonach dem israelitischen Lehrer das Recht zusteht. vom Staate, in dessen Dienst er einmal Ausnahme gefunden und dem er e i n oder zwei Jahrzehnte treu gedient hat, zu verlangen, daß er für israel. Unterlehrer in gleicher Weise wie für christliche Amtsgenossen Sorge trage, haben jene Herren ganz neuerdings an die gegenwärtig tagende badische Landstände einen Appell in dem oben bezeichnten Sinne gerichtet. Sollte auch dieser von ihnen nothgedrungen gethane Schritt nicht von dem zielbewußt angestrebtcn Erfolge begleitet sein und auch der Großh. badische Oberrath der Israeliten die ihm anvertraute Wahrnahme der Interessen des badischen Judenthums im vorliegenden Falle verabsäumen, so daß die gegenwärtig nicht etatsmäßig angestellten israelitischen Lehrer zeitlebens zu Unterlehrern verurtheilt erscheinen, so wird dadurch für das babische Judenthum eine Kalamität von größter Tragweite heraufbeschworen werden. Es werden in Hinkunft badische Israeliten sich nie wieder dem Lehrerberufe widmen und der Religionsunterricht, der dem'' Judenthum — anerkanntermaßen — zur Zeit mehr Roth thut, denn je. wird, wenn dessen Fortbestand überhaupt noch möglich, in die Hände Unberufener übergehen. O e st e r r eich. Wien, 15. Febr. (D ie Züchtigung Lueger 's.) Die gestrige Sitzung des Abgeordneten- . Hauses war bemerkenswerth nicht nur wegen des Rekords an Beschimpfungen, der erreicht wurde, sondern auch wegen der von den Fortschrittlern und Sozialdemokraten vollzogenen Exekution Lueger's, des Bürgermeister und Ehrenbürgers der Stadt Wien. Durch seine Interpellation über die Sammlung zu einem fortschrittlichen Wahlfonds gedachte Dr. Lueger im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen einen wirksamen Vorstoß zu thun und seine sinkende Popularität aufzufrischen. In der Interpellation beleidigte und beschimpfte er seine Gegner und vermaß sich, bei der Besprechung der Interpellation die Beweise für seine. Behauptungen beizubringen. Das Haus nahm ihn beim Wort und beschloß die Besprechung der Interpellation. In dieser Besprechung trat er aber nicht zuerst auf, sondern schickte seine Knappen Steiner und Geßmann vor, die sich in gewohnter Weise in allgemeinen Beschimpfungen ergingen, die von den beschimpften.Parteien kräftig erwiedert wurden. Lueger selbst hatte sich das letzte Wort Vorbehalten. Aber seine Gegner kamen ihm zuvor; Dr. Vogler von der Fortschrittspartei wies haarklein nach, daß alle Behauptungen Luegers aus der Luft geriffen sind und der Sozialdemokrat Schuhmeier entwarf eine ausführliche Schilderung der Korruvtionswirthschaft des Lueger'schen Regiments. Beiden Rednern konnten die Christlich-Sozialen nur mit Beschimpfungen antworten. Lueger selbst, der dann sprach, versuchte es zuerst mit faden Witzen, und als diese nicht wirkten, machte er halbe Eingeständnisse und entschuldigte sich mit Nichtwissen. Dann kam Pernerstorfer, der das Bild der Persönlichkeit Luegers zeichnete und seine Wandlungen, seine Chamäleonsnatur und seine Verläumdungssucht schilderte. Insbesondere warf er ihm vor, daß er stets im Schuhe der Immunität des Reichraths und deS Landtags verläumde und dann, wenn er verklagt werde, die Auslieferung zu Hintertreiben verstehe. Nachdem Pernerstorfer dies festgestellt, fuhr er fort: „Dieses systematische Verstecken hinter der Immunität ist in meinen Augen das Zeichen einer persönlichen Ehrlosigkeit. Herr Bürgermeister Dr. Lueger, Sie sind ein persönlich ehrloser Mensch! Es hat eine Zeit gegeben, wo Dr. Lueger als jugendlicher Siegfried der Demokratie ausgczogen ist. Heute geht er daher als der servile Sancho Pansa des Klerikalismus. Und wenn ich dabei an den Prinzen Liechtenstein denke, so