Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1902)
- Date
- 1902-02-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Im Laufe der Jahre hat sich aber im Statusquo- Verhältniß so manches geklärt. Diejenigen Statusquo- Gemeinden, die gesetzestreue Rabbiner als Wächter der religiösen Anstalten berufen haben, sind jüdische Kehilos in der wahren Bedeutung des Wortes geblieben und stehen in religiöser Beziehung den orthodoxen Gemeinden nicht nach. Wo aber blos konservative Heuchler und Schleppträger der neologen Landeskanzlei die Rabbinerwürde bekleiden, dort geht allmälig der konservative Charakter der religiösen Anstalten verloren und früher oder später wird ein solches Statusquo-Nest ein Opfer der Neologie. ein Opfer der Kultusreform sein. Es liegt daher in der Natur der Sache, daß echtfromme Rabbiner in solchen Gemeinden den größten Anfeindungen ausgesetzt sind und nur mit wahrer Selbstverleugnung, mit echtem VLZ.rruvv ihres schwierigen Amtes walten können. Ein solcher Märtyrer seines Berufes ist auch unser allverehrter Oberrabbiner. Er ist ein orthodoxer Jude in der edelsten Bedeutung des Wortes und doch ist es ihm nicht gelungen, die maßgebenden Faktoren seiner Gemeinde zu überzeugen, daß die orthodoxe Konstituirung für „jede nur halbwegs fromme Gemeinde in Ungarn" eine Lebensfrage involvire. Und die Erklärung unseres Herrn Qberrabbiners, daß er nach fünfzigjähriger Wirksamkeit als s ch ö n st e s Angebinde seiner Jubelfeier es betrachten würde, wenn unsere Gemeinde auf „orthodoxer Basis sich konstituiren wollte," ist und bleibt ein lebender Protest gegen den seit mehr als dreißig Jahren betriebenen „Statusquo- Schwindel," der eine schmachvolle Spezialität des ungarischen Judenthums bildet. Unser verehrter Herr Oberrabbiner, der greise, in weitesten Kreisen rühmlichst bekannte Gelehrte, chat allen ehrlich denkenden Juden, die bemüßigt sind, in „Statusquo-Gemeinden" zu leben, aus der Seele gesprochen. Ob es aber unsere und auch andere Gemeinden beherzigen werden? — „Es ist ein vergebliches Bemühen" — sagt ein altes Sprichwort — „die böse Natur selbst mit einer Heugabel auszutreiben!" Herrn Oberrabbiner Engel rufen wir zu: f:jni sp-i rinn» Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 17. Febr. Der Verein „Hachnaffath Orchim", der sich zur Aufgabe gestellt hat, armen Durchreisenden wenigstens am Sabbat eine streng rituelle Verpflegung zu gewähren, versendet seinen Jahresbericht für das Jahr 1901. Es wurden in dem Berichtsjahre ca. 1600 Mahlzeiten vertheilt, das sind pro Woche ca. 30. Die höchsten Besuchsziffern zeigten die Monate Mai- und September, die niedrigsten Januar und Oktober, was interessante Rückschlüsse auf die „Reiselust" unserer Glaubensbrüder, die zum Verlassen der Heimath gezwungen sind, zuläßt. Der Verein, welcher im Jahre 1898 begründet wurde, bewegt sich in aufsteigender Linie. Während im ersten Jahre wöchentlich nur 26 Mahlzeiten vertheilt wurden, stieg die Zahl, wie bemerkt, auf 28 im vergangenen. Die Anforderungen an ihn werden von Jahr zu Jahr größer, die Beschaffung der hierzu erforderlichen Mittel immer schwieriger, und darum ergeht an alle unsere Glaubensgenossen die dringende Bitte, sich dem Verein als Mitglied anzuschließen. Giebt es doch kaum eine bessere Gelegenheit, der armen Unglücklichen, die sich während der ganzen Woche - als ausgestoßen in der Menschheit fühlen, den Sabbat festlich begehen zu können, als die Gewährung einer warmen Mahlzeit in einem gemüthlichen Heim. BreSlan, 17. Febr. Der Discutir-Club „Graetz" „verunstaltete" vorigen Donnerstag Abend einen Diskussionsabend und sprach Herr Karl Borger über „die Lage der osteuropäischen Juden". Der Vortragende schilderte die Lage unserer Glaubensgenossen in Rußland, Galizien und Rumänien in unparteiischer Weise und entrollte ein Bild des Elends und des Jammers derselben wie es kaum von anderer Seite besser möglich gewesen wäre; zum Schluß erwähnte er die Hilfsmittel zur Rettung der Aermsten unter den Armen und kam zu dem Resultate, daß nur wirkliche Hilfe von dem Zionismus zu erwarten sei. In der Diskussion bekämpfte ein Herr den Zionismus vom orthodoxen Standpunkte, indem er hervorhob, daß die Führer des Zionismus fast ausschließlich der Reform huldigen und deßhalb schon jeder orthodoxe Jude dieser Bestrebung fern bleiben muß. Hiermit erweckte er aber einen Sturm der Entrüstung bei fast allen anwesenden Herren, die wohl sämmtlich Mitglieder oder Freunde des Zionismus sein mögen: Es zeigte sich, wie nervös die Herren werden, wenn man nicht ihrer Ansicht huldigt und zum Schlüsse artete die Versammlung zu einem wahren Tumult aus. Es fielen dabei Ausdrücke wie Gelichter, Gemeinheit, Unverschämtheit u. s. tu., so daß man glaubte, sich eher in einer Versammlung ä la Graf Pückler, als in einem jüdischen Diskussions- Club zu befinden. Jedenfalls ist eine solche Art von „Diskussion" wenig geeignet, dem Verein neue Freunde zuzuwenden: insbesondere wurde der Einsender dieser Zeilen, der als Gast anwesend war, und die Absicht hätte, dem Verein beizutreten, von seinem Vorhaben abgeschreckt. Es ist ja vollkommen in Ordnung, dem Gegner entgegenzutreten, aber die Diskussion sollte doch stets eine sachliche sein und nicht persönlich werden. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, daß in Zukunft die Gemüther nicht mehr so „scharf an einander platzen" und tvürde ich rnich freuen, hiermit meinen Zweck zu erreichen.