Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 14 (17.2.1902)
- Date
- 1902-02-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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318 nicht so. Wir sehen, wie dieselben sich immer mehr entwickeln und durch Fleiß, Sparsamkeit und Mäßigkeit zu einer gewissen Wohlhabenheit gelangten. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und die Selbstachtung war um so größer, da sie von Andern verachtet wurden. War ihnen auch Freude und Amüsement außerhalb der Ghetto versagt, so amüsirten sie sich innerhalb derselben. Wir finden die Ghettobewohner nicht nur beim eifrigen Studium, sondern auch beim Schach-, Domino- und Kartenspiel. Wir sehen sie tanzen und sich durch den Possenreißer, der bei keiner Festlichkeit fehlen durfte, amüsiren. Bei religiösen und Familienfesten bildeten alle Ghettobewohner quasi eine Familie; ein Jeder durfte zu derselben erscheinen und war willkommener Gast. Zu Hochzeitsfeiern wurden sogar alle Bewohner durch öffentliche Bekanntmachung eingeladen. Zufriedenheit und Frohsinn waren die Engel, die ihre Flügel über das Ghetto ausbreiteten. Nachdem Redner noch einige Ghettobilder vorgeführt hatte, wies er darauf hin, daß es zu allen Zeiten Leute gegeben hat und leider noch heute gibt, die die Kasernirung der Juden einführen und sie zu Staatsbürgern zweiten Ranges degradiren möchten. Redner schloß den interessanten und mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag mit den Worten des Propheten: „Einst wird kommen der Tag, an welchem die Menschen erkennen werden, daß sie alle Brüder, Kinder eines Vaters sind.* Ungarn. Aus Ungar«. Im Jahresausweis des „Talmud- Thora-Schulvereins" der israelitischen Kultusgemeinde zu Stomfa (Stampfen) vom Jahre sttw—iww (1901) ist nachstehender Aufruf veröffentlicht: So wir nunmehr wieder mit des Allgüiigen Hilfe ein Vereinsjahr — das dritte nach der Neuorganisirung unseres alten „Talmud-Thora-Vereins" — abgeschlossen haben, können wir nicht umhin, zuvor allen unseren geehrten Vereinsmitgliedern, Spendern und Gönnern — wie gewöhnlich — auf diesem Wege unfern herzinnigsten Dank für deren bisherige Unterstützung zu übermitteln. Der Allmächtige vergelte es Allen tausendfach! Wir müssen aber auch gleichzeitig an dieser Stelle des großen Verlustes eingedenk sein, den unser Verein in diesem abgelaufenen Vereinsjahre durch das Ableben eines seiner besten bisherigen Mitglieder, des Freiherrn Carl Wilhelm v. Rothschild s. Ä. in Frankfurt a. M. und noch mehrerer andrer Mitglieder empfindlich erlitten hat, so daß durch den darnach erfolgten Wegfall . deren namhafter Jahresbeiträge unser Verein seine letztjährige Jahresschlußrechnung mit einem größeren ^Defizite schließen mußte, das aus Grundungsbeiträgen zusammengesetzte bescheidene Vereinsvermögen hingegen wir nicht gerne antasten möchten. Wir fühlen uns daher veranlaßt, hiermit eine» warmen Appell an alle Schulfreunde, Wohlthater und Gönner unserer altehrwürdigen, israelitischen KultuSgemeinde, besonders aber an all' diejenigen Gemeindemitglieder unseres Babbinatsbezirkes, die noch keine Mitglieder unseres Vereines sind und die, wie auch Andere. vielleicht selbst oder deren Kinder einst als Schüler an den Wohlthaten dieser unserer berühmten früheren konfessionellen Schule partizipirten, mit der höflichen Bitte zu richten, durch Beitritt als Mitglieder oder anderweitiger Unterstützung die weitere, ununterbrochene, segensreiche und humane Thätigkeit unseres alten Talmud-Thora-Vereines zu sichern, damit auch an den Kindern unserer Talmud-Thora-VereinSschule sich daS Prophetenwort bewähre: 7:2 üb» yn 'n mab 7a bst. Feuilleton. Nach vierhundert Jahren. 371 Von Friedrich Rott. Es war in den späteren Vormittagsstunden der folgenden Tages; elf Uhr war bereits vorüber, Herr von Rauhenstein lag noch in festem Schlaf, als sein Bedienter, sich laut räuspernd, an sein Bett trat. „Gnädiger Herr!" sprach er laut, „gnädiger Herr!" wiederholte er noch lauter. Aber der gnädige Herr rührte sich nicht. Der Bursche lächelte verschmitzt. „Was der schnarchen kann! — Aber ich kann ihm nicht helfen, der Meier macht ein gar zu arges Gesicht, der führt nichts Gutes im Schilde." Er nahm bei diesen Worten den Stiefelknecht in die Höhe und schleuderte ihn mit Macht gegen die Wand des Bettes, in dem sein Herr noch immer schlief. Mt einem lauten Fluche fuhr Herr von Rauhenstein in die Höhe und rieb sich schlaftrunken die Augen, die er nur mit Mühe offen hielt. - „Der gnädige Herr wollen entschuldigen —" „Was gibt's? was ist los? — Jn's Kuckuks Namen, so sprich doch, was ist geschehen?" „Geschehen ist nichts. — Es ist nur der Meier auS der L.... straße, der hat nicht glauben wollen, daß der gnädige Herr noch im Bette sind — und hat gesagt?—" „Der Meier aus der L._straße? — ja, ja, ganz recht — ich erinnere mich —Er rieb sich abermals.. die Augen—* : ... . „Er will sich nicht abweisen lasse» und hat.gesagt-- „Aber wer hat Dir denn gesagt, daß Du ihn abweisen sollst? Ihn habe, ich doch erwartet. .' Gehe