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Der Israelit · 1902-02-13 · Heft 12-13 (13.2.1902) · page 34

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 12-13 (13.2.1902)
Date
1902-02-13
Page
– (sequence 34)
Language
German
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306 und Freude von mir ausstrahlte. Noch mehr ward ich mir dessen bewußt, als kurz darauf der Gatte dieser jungen Frau nach Hause kam, mit innigem „Gut Schabbes" den Gruß von ihr empfangen, wie sie beide glückselig zu mir traten und die Frau ganz freudig sagte: „Schau nur, wie schön unsere Schabbeslampe brennt." Da fühlte ich. daß ich einem jungen Eheglück meines Leuchtens Glanz und Wärme weihen durfte, und in zwei glückstrahlenden Augenpaare mein Licht sich abspiegeln sah." „Das war gewiß der schönste Tag Deines Lebens," sagte der Glühstrumpf ganz gerührt. „Ein schöner wohl, aber lange nicht der Schönste," versetzte die Lampe, und fuhr dann fort: „Damals meinte ich auch, daß es eine Steigerung jenes Hochgefühls, das ich allwöchentlich, wenn ich in mein Recht trat, empfand, nicht mehr gäbe. Doch als nach einigen Jahren zwei reizende Kinderarme sich nach meinem Glanze und Licht verlangend ausstreckten, und Kinderjauchzen an mein Ohr drang, da war mein Glück von früher nichts gegen die überwältigende Freude, die mich da durchströmte. Ich war gewiß nicht weniger glücklich, als das junge Eliernpaar, dessen Glück durch den Besitz des Kindes eine so mächtige Steigerung erfahren hatte." „Wie viel Schönes hast Du doch erlebt," seufzte der Glühstrumpf. „Ich lebte jede Woche nur einen Tag, aber das gab ' mir Inhalt genug," fuhr die Lampe wie im Selbstgespräch fort. „Ich sah nicht immer Glück und Freude. Viele, viele Mühen und Sorgen sah ich die Woche hindurch, viele Hoffnungen und Enttäuschungen erlebte ich mit, viel Arbeit und Plage sah-ich mit an. Das Leben zeigte sich meinen Besitzern nicht immer von der rosigsten Seite. Aber wenn i ch brannte, wenn m e i n Licht leuchtete, wenn der Schabbes einkehrte in Haus und Herz, dann war alles, alles vergessen; alle Arbeit und alle Last, alle Sorge und Mühe. Mein Schein siel nur auf glückliche, zufriedene, sich ganz der göttlichen Ruhe des Sabbats hingebende Menschenkinder, mein Licht strahlte nur zu frohen, freuderfüllten Stunden, und strahlte nur aus leuchtenden, durch gehobene Stimmung glänzende Augen zurück. Es gab später mehr der Kinder, ich sah sie heranwachsen zur Freude und zum Stolz der Eltern. Der Schabbes bildete auch für sie ein Fest; da entwickelte sich stets ein edler Wettstreit, wenn der Vater jeden Freitag Abend ein „Verhör" anstellte, jedes wollte besser wissen, mehr, fleißiger gelernt haben die Woche über. Viel erfuhr und lernte ich. selbst dabei, das ganze jüdische hehre Pflichenleben hörte ich aus dem Munde des Vaters den Kindern erklären, es ihnen einprägend, dessen Sinn erläuternd, auf daß sie in dessen Bethätigung selbst ihres Lebens höchstes Ziel und Ideal finden sollten. Und es war nicht nur tobte Theorie, was der Vater lehrte, nein, in diesem Kreise war alles in lebendige That umgesetzt. und leicht hatten die Kinder an der Hand eines solchen Beispiels zu lernen." „Ta muß ich allerdings gestehen, daß Dein Loos ein glücklicheres war als das meinige, trotz meiner stärkeren Leuchtkraft, die aber nur hastende, mürrige und sich quälende Menschen sieht." „Wie viele liebliche Gesänge tönten an mein Ohr." fuhr die Lampe fort. „Wie viele Gäste sah ich bewirthen, und w i e sie bewirthen, mit wie viel Liebe und Güte; wie bestrebten sich Groß und Klein, den Gast vergessen zu machen, daß der Tisch, an dem er saß. eigentlich ein fremder, und das Brod, welches eraß. das der Heimathlosigkeit sei. Ja, ich kann sagen, daß ich nur Edles und Schönes bei den lieben'Leuten sah. und erlebte." „Und warum kamst Du fort von dort?" fragte der Glühstrumpf. „Ja, das ist das traurigste, dunkelste Kapitel meines Lebens. Ich hatte mit einem Haken bittere Erfahrungen gewacht. Der Haken, an dem ich damals hing, er versagte mir eines Tages treulos den Dienst und ich fiel mit lautem Krach zur Erde. Ich wurde ohnmächtig und weiß nicht, was mit mir geschah. Ich weiß auch nicht, wie lange meine Bewußtlosigkeit gedauert, noch was inzwischen mit mir vorgegangen war. Als ich wieder zu mir kam, da lag ich verstaubt im Winkel einer Bodenkammer. Wie lange ich schon da war, ich weiß es nicht, ich glaube, ich muß mich bei dem Falle imheilbar verletzt haben, und deßhalb auch wohl wurde ich zur Seite gelegt. Ich hatte jedes Maß für die Zeit verloren, denn mein Leben hatte ja nur Inhalt durch die Sabbate, an denen ich leuchten durfte, sie gabenmir den Maßstab für seine Dauer. Nun ich nicht mehr leuchten durfte, hatte es seinen Werth für mich verloren. Eines Tages stöberte man mich in meinem Winkel auf und brachte mich hierher. „Altes Messing, werth zum Einschmelzen." das war das Urtheil, das mein jetziger Besitzer über mich fällte, und so hänge ich nun hier und wünsche mir schon den Tod. Ach, eingeschmolzen zu werden, es müßte herrlich sein im Vergleich zu diesem unnützen Leben, das mich ttur täglich und stündlich der schönen Tagen und Jahre, die ich erlebt. mit Schmerz gedenken läßt." „Horch, was ist das?" sagte der Glückstrumpf, „es scheint, wir bekommen noch späten Besuch." Die Thüre öffnete sich und es kam noch ein Käufer. Er erblickte die Schabbeslampe. „Ist die verkäuflich?" fragte er den Trödler, der mit ihm eingetreten war. „Verkäuflich wohl, aber als Oellampe unbrauchbar," sagte dieser. „Das schadet nichts," war die Antwort, „ich suche eine solche Lampe, um sie für elektrisch einrichten zu i lassen."

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