Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 12-13 (13.2.1902)
- Date
- 1902-02-13
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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300 Auch die Agada fand zahlreiche Bearbeiter, um in ihren feinen Verzweigungen in alle Volksschichten zu dringen. Die agadischen Stellen des jerusalem. Talmud stellte Samuel Jafe in seinem Werke Jefe Mare zusammen, die Hagada des Talmud Babli dagegen Jakob ben Chabib im En Jakob. Besonders ward letztgenanntes Werk sehr wolksthümlich und fand selbst wieder zahlreiche Erklärer. Um jene Zeit entstehen vielfach die sogenannten Musarbücher, Werke moralischer Belehrung. Am Anfänge des 14. Jahrhunderts erscheint der zu belehrendem Vortrage sehr geeignete, wegen seiner Beliebtheit später auch in's Deutsche übertragene Menoras Hamoaur. der „lichtverbreitende Leuchter" oes R. Jakob Abohab. Der allgemeinen Beliebtheit erfreute sich auch das Chowas Halewöwos des Bachja ben Josef, auch in's Neuhochdeutsche übertragen, ebenso der Schewet Musar und Reschit Chochma. In wundersamer Harmonie fließt Halacha und Agada zusammen in dem Sch'loh des R. Jesaja Hurwitz. Von dem Werke erschien auch eine kurze Fassung: Kizzur Sch'loh. Die Grenzen beider Bestandtheile verwischen sich hier oft. das Buch ist belehrend und erbauend zugleich. Nur angedeutet können hier werden -die zahlreichen Erbauungsbücher in deutscher Sprache, die auch dem weiblichen Geschlechte die Geistesschätze unseres Schriftthums näher bringen sollten. So vor allem der Jena Nrena des R. Jsak ben Jakob von Prag, der Pele Joez, der Tam W'jochor und Simchas Nephesch. Erfreulich ist, daß auch die Gegenwart auf diesem Gebiete nicht stille steht. Die Uebertragungen aus Mischnah und Talmud von Moritz Geller in Budapest, die Bearbeitung bezw. Übertragung des Simchas Nephesch durch Krauß in Janowacz verdienen Anerkennung und Verbreitung, nicht minder das „Morijah" von Rabb. Dr. Goldschmidt-Offenbach, worin die schönen Gleichnisse des berühmten „Dubnoer Maggid" in moderner Form und Sprache aufleben. Rückblickend auf das Ganze sei also nochmals betont. daß unsere Geistesheroen der halachischen Forschung und Belehrung wie der Erbauung durch die Agada, der moralischen Unterweisung, der Ethik gleichmäßig zugethan waren. Sie bekundeten darin ihren pädagogischen Sinn und . Scharfblick. Maimönides, der große Bahnbrecher unserer Religionsvorschriften, unterläßt es nicht, daneben auch seine Hilchot Deot zu schreiben. In neuerer Zeit ist die Mahnung des sel. Chasam Sofer bekannt geworden, jeden Tag etwas von Musar zu lesen. Der große Mann sagt von sich selbst, daß er es vierzig Tage hindurch empfunden, wenn er einen Tag ohne Lektüre einer Erbauungsschrift verstreichen ließ. Das sind leuchtende Beispiele, sie seien uns Fingerzeige und Wegweiser für die Frage: Was soll im Schiur gelernt werden? Indem wir diese Frage für die Gegenwart und moderne Verhältnisse zu beantworten suchen, kommt selbstredend das zweite Moment in Betracht: „Die Zuhörerschaft." Man versetze sich in ein Beth Hamidrasch in Rußland oder Galizien. Zahlreiche Talmudbeflissene sind anwesend. Einzeln oder gruppenweise vertiefen sie sich in die spröde Materie; geistige Turniere werden ausgefochten, um die unumstößliche Lehrmeinung festzustellen. Es ist die Zeit der Vorbereitung auf die „Derascha". die der Rabbi hallen will; denn es ist gerade Schabbos hagodaul oder Schabbos schuwo, wo nach althergebrachtem Minhag „gedarschent" wird. Endlich tritt der Rabbi ein. in langem Kaftan, um den Leib den Gürtel geschlungen, ehrfurchtsvoll begrüßt von Allen. Der Rabbi ist aber auch eine ehrfurchtgebietende Erscheinung. Der lang herabwallende Bart und die großen Schläfenlocken umrahmen ein in heiligem Ernste dreinschauendes Gesicht. „Welche totr- ■nun mag der „heilige Mund" wohl heute künden?" fragt Jeder unwillkürlich. Athemlos hängt alles an des Rabbi Lippen. Der lärmende Singsang weicht einer an dieser Stelle ungewohnten Ruhe, wenn der Rabbi spricht. Er stellt seine Thesen auf, die zu vertheidigen. seine Lehrsätze, die zu beweisen sind. B'kius und Charifus, Belesenheit und Scharfsinn sollen in gleicher Weise zur Geltung kommen. Der Rabbi taucht bei seinem Vorträge unter in das große Meer des Talmud, um Perlen aus der Tiefe zu holen. Zwischen entfernt liegenden Stellen werden mit Hilfe einer scharfen. Kombinationsgabe Gedankenbrücken geschlagen. Widersprüche lverden aufgesucht und dann gelöst, immer kühneren Flug entfaltet sein Geist, wer vermag zu folgen? Dazwischen leuchten — farbenprächtig — duftende Blumen, am Baume der Agada, im Garten des Midrasch gepflückt. Die Zuhörer haben gerade zu thun, den leitenden Faden nicht zu verlieren. Der Rabbi bringt auch „kräftige Musar," und wo es gilt, Gebrechen der Zeit zu geißeln, da reißt es den Redner förmlich hin. Seine innere Ergriffenheit äußert sich in lebhaften Gestikulationen. Zuweilen entringt sich der bewegten Brust ein schmerzlicher Zwischenruf, der auch auf die Anwesenden seinen Eindruck nicht verfehlt. Schon ist über eine Stunde dahin, der Schiur geht zu Ende. Das war eine „Deraschah," sie war belehrende und erbauend zugleich. Noch lange spricht man von ihr, denkt über sie nach. Die heilige Ehrfurcht vor dem Rabbi aber erfährt mit einem jeden Schiur noch eine beträchtlichere Steigerung. Ein anderes Bild. Wir befinden uns in einer deutschen Großstadt, in einer Chewra, in einem Talmud-Thoraverein. Die Mitglieder gehören den gebildeten Ständen an, setzen sich aus Kaufleuten, Fabrikanten. Industriellen oder auch Gelehrten zusammen, haben zum großen Theil Mittelschulen absolvirt und