Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-02-13 · Heft 12-13 (13.2.1902) · page 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 12-13 (13.2.1902)
Date
1902-02-13
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449808--55347-2517967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

299 Mo ralprediger. Man vergleiche zu dieser Behauptung die ersten Kap. deS 5. Buches Moses, ferner das Ende dieses Buches von dem Wochenabschnitt an. Moses' Nachfolger, Josua, handelt in ähnlicher Weise. Er ermahnt Israel vor seinem Tode in warmen, eindringlichen Worten. Samuel zieht gar jährlich dreimal durch ganz Israel, um überall zu predigen. zum „Herzen des Volkes zu reden." Und enthalten vielleicht die späteren Propheten, die drei großen, wie die zwölf kleinen, eigentliche Gesetze? In zündenden Worten wenden sich die Gottesmänner an das Volk, um es zu ermahnen, zu verwarnen, wenn die Sünde es bethören wollte, um Strafgerichte Gottes in Aussicht zu stellen, wenn der Verfall sich gezeigt; endlich, um in herrlichen Worten die schöne Zukunft Israels wie des ganzen Menschengeschlechts zu schildern. Das waren Moralprediger im besten Sinne des Wortes. Und gar die Psalmen Davids, die Sprüche Salomos! Der königliche Sänger hat seine Lieder sür Jahrtausende, für alle Zukunft gesungen. An den Tönen seiner Harfe, wie an den Weisbeitssprüchen seines großen Sohnes erbaut sich nicht b l o s Israel. auch nichtjüdische Gemüther finden darin Trost und Erhebung. David und Salomo .predigen heute noch und werden gerne gehört. Und verlassen wir den Kanon, so treffen wir in der Mischnah vor allem die Pirke Abot, die Sprüche der Vä^r, jene ewig schönen, tief durchdachten und empfundenen Aussprüche großer Männer der alten Zeit. In schlichter Sprache umfassen sie das ganze Menschenleben. alle Verhältnisse und Wechselfälle unseres irdischen Deisens. berühren die verschiedenen Seiten unseres jüdischen Pflichtlebens. Sie sind wichtig genug erachtet worden, unserer synagogalen Liturgie angesügt zu werden,'um'den breiten Schichten unseres Volkes geläufig zu bleiben, die Volksseele zu durchdringen und zu befruchten. Außer dem bereits Angeführten ist aber vor allen: die eigentliche agadische und midraschische Literatur zu erwähnen. Sie nimmt einen breiten Raum ein im rabbinischen Schristthum. Im Talmud bildet die rein sachlich belehrende, unser praktisch-religiöses Leben regelnde Halacha zusammen mit der gemüthstiefen, fast schöngeistig zu nennenden Agada zwei mächtige Heeresstraßen, aus denen sich die „Tradition" einherbewegt. Beide Gebiete erscheinen dort in wundersamer Vereinigung. Mit der scharfen Geistesarbeit der Halacha, welche die Mischna ergänzen und die allein richtige Auslegung des Gesetzes uns geben will, verbinden sich exegedisch» Aussprüche, sinnige Gleichnisse. Parabeln, die den „sittlichen Geist," den „ethischen Gehalt" unserer Gesetze wiederspiegeln. Beide gehören zusammen, wie am Baume die köstliche Frucht mit der farbenschönen V l L t h e, die unser Auge erfreut und ihren Dufi spendet. Beide jedoch — das ist strenger Grundsatz — müssen aus dem „gleichen Stamme.ihre Kraft ziehen, von dem gleichen Safte genährt werden." Zu dem einleitenden Worte der Pirke Abot: Ssp nrö vcc rrrn bemerkt Bartinora sehr richtig, daß unsere Ethik sich nicht mit der anderer Nationen auf gleiche Stufe stellen läßt. Auch s i e stammt vom Sinai. Sie ist durchdrängt und durchweht vom Geiste unserer heil. Thora, sie ist ganz getragen vom Geiste der Halacha, der Tradition. Darum ist auch die ganz der snryctf untergeordnet. (Siehe hierüber auch das Vorwort zu Hirsch's Choreb.) Und nun die Frage: „Welchen Weg soll man für das Schiurlernen wählen, den der Ha - lachaÜbermittlung" oder etwa mehr den der Erbauung, der G e m L t h s b i l d u n g und Gefühlsanregung? Nach dem hier Dargelegten hängen beide Wege so innig zusammen, daß sie wohl nicht zu trennen sind. Die Antwort kann daher nur lauten: Es sind beide Wege zu be sch reiten. Und beide Wege sind gangbar. Seit Jahrhunderten hat man daran gearbeitet, sie g a n g b a r zu machen, seit Jahrhunderten datirt sozusagen die P o pul a r i s i r u n g der Halacha und Agada, ein Umstand. der deutlich uns auch für die Gegenwart beachtenswerth erscheinen muß. Man braucht wohl nicht eitel Worte darüber zu verlieren, daß die Kenutniß der u n s e r Leben regelnden Halacha jedem Juden zur Pflicht gemacht wird. Das goldene Mahnwort obs “w2 rra verlangt toS!» nmwfc'i. ein Thorastudium für die lebensvolle T h a t, die Forschung zum Zwecke der religiösen Praxis. Um diese m Ziele näher zu kommen,, begann der große Maimon sein Riesenwerk Jad hachasakah. in welchem der gewaltige Geistesschatz des Talmud lichtvoll geordnet und übersichtlich dargestellt ward. Das war der e r st e S ch r i t t für eine P 0 - p n l a r i s i r un a.der Halacha. Und in gleichem Streben verfaßte R. Jakob ben Ascher seine A r b a T u r i m und R. Josef ben Karo seinen epochemachenden „Schulchan Aruch." Dem einmal festgelegten Geleise folgte das große „Heer der Kasuisten" aus allen Ländern der jüdischen Diaspora, decisorische Werke faßten wiederum einzelne Theile genauer in's Auge;. ..immer geebneter sollte die Bahn werden und der N 0 t h w e n d i g be i t entheben, das Meer des Talmuds zu durchschwimmen." Das spröde Material sollte zu fertigen B a u st e i n e n geformt werden. >ie inan nicht erst „mit den, Hammer des Pilpuls zu bearbeiten braucht." So sind wir in dem Streben nach Bollsthümlichteit schließlich beim Kizzur Schulchan Aruck» und beim Chaje Adam angekommen. Hier sei auch des vor Kurzem erschienenen Darke Noam, von Stiftsrabbiner Gottlieb in Hannover, rühmend gedacht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.