Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 12-13 (13.2.1902)
- Date
- 1902-02-13
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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298 eben „feinen S chi ur haben." Dagegen scheint zweifellos dem Ausdruck Schiur der Begriff des „regelmäßig Wiederkehrenden," an eine „bestimmte Zeit" im Jahre Gebundenen inne zu wohnen. Der regelmäßig zu gewissen Zeiten stattfindende Vortrag zur religiösen Belehrung verdient den Namen Schiur. Wenn wir nun Näheres über das Schiurlernen auszuführen suchen, so sind wohl vier Momente zu berücksichtigen: 1) der Inhalt des Vortrages, 2) die Zuhörer, 3) der Vortrag an sich, 4) der Vortragende. 'Welches soll nun der Inhalt des Vortrages sein? Israel ist das Volk der Lehre und Belehrung par excellence. Die Thora bildet die Grundbedingung seines ewigen Fortbestandes. „Nicht Israel trägt das Gesetz, sondern das Gesetz trägt uns." Und dieses Gesetz ward von vornherein dazu bestimmt. Volksgeist zu werden in des Wortes strengstem Sinne. i:b rras m:rs 3pr n\Tp "Ptc rwL. Die Lehre, die uns Moses gebot, ist ein Erbtheil für die Gemeinde Jakobs. Eine Geistes-Aristokratie sollte es nicht geben in Israel, sie bildete nicht das Ideal. Gemeingut Aller sollte die Lehre sein. Das Mrt macht alle Väter in Israel zu Lehrern, alle Kinder zu Schülern. Daher ist Israel auch diejenige Nation, welche seit dem grauen Alterthum eine w ahre Volksbildung angestrebt. Während man erst heutzutage diesem Gedanken durch Errichtung von Volkshochschulen, Abhalten von gemeinverständlichen, populären- Vorträgen aus allen Wissensgebieten näher tritt, während man in der Gegenwart erst daran geht, das Gold der Wissenschaft in die nöthige Kleinmünze umzuprägen, um so es unter die breiten Masten zu bringen, hat das Judenthum schon vor Jahrtausenden der Welt hierin ein leuchtendes Beispiel gegeben. Es sei hier an.das Beth Hamidrasch erinnert. Leider kennt man die pflichtgemäße Gemeindeinstitution bei uns kaum dem Namen nach. Bei unseren „in der Kultur zurückgebliebenen," von der „Zivilisation" noch nicht beleckten Glaubensbrüdern im weiten Osten, in Rußland, Polen, Galizien und Ungarn dagegen blüht noch das Lehrhaus. Das ist nicht etwa die Kleinkinderschule, sondern eine Volkshochschule in des Wortes modernster Bedeutung. Dort saß der schlichte Handwerker neben dem Großkaufmann, der Arme neben dem Reichen, der Laie neben dem Kenntnißreichen. Alle fühlten sich noch in gleicher Weise als Schüler, als Schüler, die nie aus der Schule kommen, die ..alt und grau dabei iverden sollen." (Pirke Abot.) Wie aber das Gesetz alle Volksschichten durchdringen sollte. Hoch und Niedrig. Arm und Reich, alle Stände und Berufe, so sollte es auch den ganzen Menschen erfassen, sein ganzes Inneres befruchten. Ge i st und Gemüts Neben der Aufforderung onus*,, lefen wir die Mahnung "psS . — wn, daß die Worte Gottes auch in's Herz dringen sollen. Sie sind nach Psalm 18 nicht nur eine Leuchte für die A u g e n, sondern sie erfreuen auch das Herz, 2b ’nciro. „Die Thora ist ein Licht." Ein Licht leuchtet aber nicht nur, es strahlt auch Warme aus. — Unser gesammtes jüdisches Schriftthum wird dieser Doppelforderung gerecht; es trägt in dieser seiner Entwickelung den Stempel des Naturgemäßen an sich, was wir näher ausführen werden. Derjenige, welcher sich daran gewöhnt, das Judenthum als den Inbegriff einer Unzahl das Leben beengender und beschränkender Gefetzesvorschriften anzuschauen, wer nur die Außenseite kennt ohne je einen Blick in das schöne Innere geworfen zu haben, der ist leicht versucht, zu glauben, unser Schriftthum kenne nur den e i neu Weg der st r i k t e n Be l e h r u n g. der sch ul mäßigen Unterweisung, welche entscheidet zwischen Gebot und Verbot, zwischen erlaubt und unerlaubt, zwischen „du sollst" und „du sollst nicht" Diese weit verbreitete Meinung oder besser gesagt Jrrmeinung, welche der „Unkenntniß entspringt." hat gewiß nicht wenig dazu beigetragen, daß so mancher skeptisch dem Judenthum gegeniiber sich gestellt, dessen — vermeintlich — „streng didaktischer Geistesgehalt" ihn innerlich nicht befriedigen könne. Es schien ihm die „ansprechende Seite" zu fehlen, welche dem Gemüthe zusagt.. Nun, wir wissen es zu beweisen, daß unsere Lehre sich nicht bloß an den nackten Verstand, an das Erlenntnißvermögen. wendet, sondern ebensosehr an Herz und Gemiith. „Was du allgemein in des Wissens Kreis ausgenommen, muß anerkannt werden, muß vom Wissen in's Herz, in diesen Quell der Lebensentschlüsse treten, dann wird es Boden deiner Wirksamkeit — wird Leben. (Hirsch's Choreb.) Es sind uns schon, zwei Wege der Unterweisung vorgezeichnet: der streng didaktische, das Wissen vermehrende. und die Ermahnung, die Zurechtweisung im engeren Sinne, also die moralische Belehrung. Jener wendet sich an den begreifenden Verstand, an das Erkenntnißvermögen, dieser vornehmlich an das warme Gefühl, an das Gemüth. Beide Wege sollen jedoch zu dem einen Ziele hinleiten: zur That. Beide sollen den Willen beeinflussen und anspornen. Das Verhältniß zwischen dem formalen Verstände und dem warmen Gefühle einerseits und dem zur That . hinführenden Willen andererseits hat man frühe erkannt. Es dürfte sich der Mühe verlohnen, unter diesem Gesichtspunkte das jüdische Schriftthum einer Betrachtung zu unterziehen. Für das Was und Wie des Schiurlernens ergeben sich daraus manche werthvolle Winke. Ein Blick in unsere heilige Thora lehrt uns an so vielen Stellen, daß schon Moses nicht nur ein Gesetzeslehrer im engeren Wortsinne gewesen. Er war auch ein