Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 12-13 (13.2.1902)
- Date
- 1902-02-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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390 Mein bescheidener Vorschlag ist folgender: Eine allgemein bekannte und mit ausreichender Autorität ausgerüstete Persönlichkeit nimmt die Angelegenheit in die Hand und wählt sich nach eigener Einsicht noch einige Mitarbeiter. Diese Männer treten zu einem Komitee zusammen als einleitender und vorbereitender Geschäftsausschuß. Es wendet sich in direkter Weise an ihm wohlbekannte, in Wisienschaft und Erfahrung, aber besonders in achter Religiosität ausgezeichnete Männer mit dem Ansuchen, Projekte zur Weckung und Neubelebung des religiösen Gefühls unter den Glaubcnsgenoffen auszuarbeiten und einzureichen. Diese Männer sollen den verschiedenen Ländern Westeuropas angehören; denn, wenn auch das Nebel allgemein verbreitet ist, so sind dessen Symptome und Charaktere nicht in allen Ländern identisch. Das vorbereitende Komitee prüft und sichtet die eingegangenen Projekte und sobald die Auslese beendet ist, so beruft es einen allgemeinen Kongress der westeuropäischen Judenschaft. Die Delegierten dieses Kongresses werden'in den verschiedenen Ländern je nach dem Wahlmodus eines jeden Landes gewählt. Dieselben treten zusammen, berathen sich, besprechen eingehend die verschiedenen Projekte, wählen die bewährtesten, soweit sie ausführbar sind und empfehlen sie der Allgemeinheit zur Ausführung an. Sie berathschlaacn ferner über die Mittel und Wege, wie die Ausführung zu bewerkstelligen sei. Der Kongress solle sich in dem enggeschlossenen Rahmen seiner Aufgabe halten und nicht in andere Gebiete übertreten. Seine begrenzte Aufgabeist: das Aufsuchen der Mittel und Wege, die am besten geeignet scheinen, das Erwecken und das Neubeleben des religiösen Gefühls unter den Glaubensgenossen herbeizuführen und zu fördern. Die Negierungen können diesem Projekte nur wohlwollend gegenüberstehen. Jeder Argwohn wegen Sonderbestrebungen ist ausgeschlossen. Die ganze Judenschaft, von der strengsten Orthodoxie biszur äußersten Reform (?) kann und soll zum Gedeihen des Projektes beitragen Die Strenggläubigen, welche den Kongressen und Konferenzen, und nicht ohne Grund, abhold sind, und' sie mit Mißtrauen ansehen, können und sollen sich der Bewegung anschliessen. Sie sollen bedenken, dass, wenn das Gesammtwohl auf dem Spiele steht, die einzelnen Theile ihre Mitwirkung nicht verweigern dürfen. Wenn auch in . ihrem eigenen Lager die herrschende Krankheit nur in geringem Maße und nur bei der nachwachsenden Generation vorhanden ist, so dürfen sie ihren vom Nebel mehr angegriffenen Brüdern ihre treue Unterstützung nicht vorenthalten, es ist ihre Pflicht mitzuhelfen. Wir können billigerweise auf ihre Bereitwilligkeit rechnen. Die Reformer ihrerseits müssen dem Projekt sympathisch gegenüber stehen, denn wenn erst das religiöse Gefühl bis zum Gefrierpunkt erkältet ist, dann wäre es zu spät, Heilversuche in Aussicht zu nehmen. In Frankreich liegt das Judenthum im Argen, überall Seichtheit und Oberflächlichkeit, Affimilationsgeliiste und Verschmelzungspläne. Frankreich muß den Anstoß zur Belebung geben. Die englischen Juden sind der religiösen Idee am treuesten geblieben, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß die Vergeistiaung des Judenthums bei ihnen noch zurückgeblieben ist. England gebührt die Ehre, daß der Kongreß sich in seiner Metropole versammele. Deutschland, in Rücksicht auf die jüdische Populationszahl und nicht minder in Rücksicht auf die hohe geistige Entwickelung, welche die Juden in diesem Lande seit mehr als einem Jahrhundert erlangt haben, hätte eigentlich ein Anrecht auf den Vorrang, aber getheilt und zerklüftet in viele Schattirungen in Religionsmeinungen. wie es ist, könnte es die Führung nicht mit dem erwünschten Erfolge einnehmen. Wie viele Projekte werden eingehen, treffliche und mittelmäßige, darunter solche, die für alle Fälle passen, und wieder andere, die nur für gewisse Länder in Anwendung kommen können. Auch der Verfasser dieser Zeilen hat ein Projekt in Bereitschaft und wird es, wenn gefordert, einreichen. Die Arbeit ist gross und schwierig, so groß und so schwierig, daß viele gute Kräfte und begabte Geister an derAusführung zweifelnd, zaudern werden, an das Projekt heranzutreten. Dürfen wir aber die Arme kreuzen, dürfen wir wie Feiglinge zurücktreten, wenn die Zukunft Israels auf dem Spiele steht^ wenn es sich um den Bestand oder den Niedergang unserer Religion handelt? Die Noth ist gross und in stetem Wachsen, dürfen wir noch weiter unser Gewissen mit einer heuchlerischen Selbstbefriedigung einlullen? . Dürfen wir uns begnügen, unser eigenes Haus zu beschirmen, unsere nächste Umgebung zu beschützen, wenn das zehrende Element bereits um sich gegriffen hat und der Brand die ganze Stadt in Asche zu legen droht? Handelten unsere Vorfahren auf diese Weise, wenn die Gefahr herantrat, stand nicht Bruder für Bruder ein. Eine für Alle und Alle für Einen, wenn ein Alarmruf erscholl. Schützten die Propheten die Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen vor, wenn sie das Unglück hereinbrechen sahen, begnügten sie sich, zu jammern und zu klagen, handelten sie nicht vielmehr mit aller Kraft ihres Geistes und ihrer Zungen, mit Feuer und heiliger Begeisterung gegen Unglaube und Aberglaube, gegen Lüge und Trug, und zu Gunsten der Stärkung und Hebung des religiösen Gefühls? Wie dürfen wir weichen, wo sie vordrangen, kleinmiithig zaudern, wo sie Hand ansetzten, trotz der Trostlosigkeit ihrer Bemühungen? Uebrigens ist Hoffnung vorhanden, dass eine Besserung eintreten werde. Die Hoffnung ist eben in der Größe des Uebels begründet. Wenn der lethargische Zustand so lange gedauert, daß Gefahr vorhanden ist und die Frage lautet. Sein oder Nichtsein. Wiederaufleben oder Sterben?, da raffen sich in die Paralyse gebundenen Kräfte zum entscheidenden Kampfe nochmals auf, die in Asche gehüllten