Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 12-13 (13.2.1902)
- Date
- 1902-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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277 gitzt leider nur zu rasch, wie viel Unheil den Juden hierdurch erwachsen ist. In Könitz und Polna und anderwärts ging ein Schrei des Entsetzens zum Himmel. Und das Gespenst geht noch jetzt so mächtig um, wie in den Zeiten des Mittelalters. Ist nicht da die Bethcuerung von maßgebender Seite, selbst unter einem Eide, eine rettende That? Aus den verschiedensten Kundgebungen seitens christlicher Kreise. — wie wir hören belaufen sie sich aus Hunderte, selbst solchen, die an Ritualmord glaubten, — ersieht man doch, welch mächtigen Wiederhall der „Offene Brief" gefunden. Jüdische Gemeinden entbieten dem Verfasser Glückwunsch und Dank. Aus Stettin, Pommern und Westpreußen treffen von hochgestellten Nichtjuden Bestellungen auf die Broschüre ein. Von einem bekannten Grafen, Kammerherrn eines der ersten deutschen Bundesfürsten, sind zehn Exemplare bestellt worden. Ihr Herr Korrespondent wird deßhalb, wie ich nicht zweifle, seine Anficht, daß der Name Gottes hier vergeblich ausgesprochen wurde, einer Revision unterziehen. Jeder, der nicht allzugleich mit kritischem Auge solche Dinge betrachtet, sieht ein. daß der Brief aus de: Notb der Zeit geboren und nur deßhalb an L. v. Sonnenberg gerichtet war, weil er jene Aeußerüngen im Reichstag gethan hat. Mag er auch nicht belehrt werden, so ist er doch getroffen und in den Augen aller Besserdenkenden gebrandmarkt. Der. Brief ist und bleibt ein Kiddusch haschem. Deßhalb im eigenen Lager die Waffen nieder! Ein Zeitungszwist ist bei dieser Sache nicht angebracht. (Anmerkung der Redaktion. Wir haben alle Ursache. anzunehmen, daß eine weitere Zeitungspolemik nicht im Sinne des Verfassers der Kundgebung gelegen ist, und werden deßhalb dem Blatte,-das uns in so überaus gehässiger, unfeiner Weise wegen unseres Standpunktes in dieser Sache angegriffen, nicht den Gefallen thun„ es mit einer Erwiederung zu beehren. „Seid einig, einig, einig.") Vreslau, 10. Febr. Rabbiner Dr. P. Neustadt, der greise und verdienstvolle Leiter der hiesigen hebräischen Unterrichtsanstalt, hat den Kronenorden erster Klasse erhalten. — Die antisemitische „Schlesische Zeitung" entnimmt dem geistesverwandten „Deutschen Volksblatt" in Wien die folgende Notiz: „Welche Einnahmen die nach dem Westen in stets steigender Zahl zuwandernden jüdischen Bettler (Schnorrer) erzielen, davon liefert wieder einmal den Beweis die Verhaftung eines solchen herumlungernden polnischen Juden in Ettenheim in Baden. In seinem schmierigen Kaftan fand man 43 Mark in Silber, 3600 Mark in Gold und Banknoten und einen Scheck in Höhe von 4000 Rubel auf eine russische Bank. In Städten, wie Frankfurt, Nürnberg, Fürth u. s. ft»., wo viele reich gewordene Juden wohnen, kann man das Schnorrerunwesen genau betrachen. Die Schnorrer reisen mit der Eisenbahn planmäßig von Stadt zu Stadt, nehmen erst das selten unter 10 bis 20 Mark betragende Ortsgeschenk der israelitischen Cultusgemeinde in Empfang und fechten dann alle jüdischen Wohnungen und Comptoire ab. Hier erhalten sie wieder reichliche Geschenke. Dabei wird flott gelebt. Man hat in Fürth in einer Kaschemme solche verlumpte Gestalten betroffen, wie sie um ganze Rollen Goldes spielten. Erfährt die Cnltusgemeinde, daß von den sauberen Stammesgenossen einer wegen irgend eines Verbrechens von der Polizei gesucht wird, so wird ihm schleunigst ein Bittet gelöst und er auf der Bahn weiter befördert. Hat der Schnorrer dann in wenig Zeit ein kleines Vermögen zusammengebettelt, so läßt er sich in München nieder, macht einen „Kladerladen" auf, arrangirt einige „faine Platten", worauf er bald ein gemachter Mann ist." / .. Wir bemerken, daß diese Notiz gerade in die Faschingszeit fällt. Ernst nimmt ja kein gebildeter und sittlich denkender Mann diese Leute mehr. Ob es die Israeliten von Ettenheim in Baden der Mühe für werth halten sollen, auf Grund des Paßgesetzes von dem hiesigen Hetzblatt den Abdruck einer Berichtigung zu erzwingen, muß ihnen überlassen bleiben. Die Correspondenz des Wiener Antisemitenblättchens ist aus München datirt. Memel, 5. Febr. (Seltene hebr.Hands ch r i f t e n.) Im Anschluß an.meine diesbezügliche Notiz in Nr. 8 dss. Bl., bin ich in der Lage, noch von dem Vorhandensein nachgenannter Manuskripte zu berichten, deren Echtheit unzweifelhaft ist, und somit von besonderem litterarischen Interesse sein dürften. Die eine Handschrift stammt aus der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts, die andere aus der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts. Erstere Handschrift, die leider nicht mehr ganz vollständig ist, enthält zumeist „Lesefrüchte" oder Änalekten exegetischen Inhalts zu dem Pentateuch, sowie auch zu den „Sprüchen der Väter." ebenso Gelegenheitspredigten crwnv im Geiste der alten Schule. Am interessantesten sind wohl die „patriotischen" Reden, welche der Autor gelegentlich der Wiedergeburt Preußens (1835) gehalten hat. Der Verfasser war zu jener Zeit Rabbiner in Schönlanke, und allgemein unter dem Namen Rabbi ..Dt o f cf) e Charif" bekannt, und stammte aus Rogasen im ehemaligen Großherzogth. Posen. (Diese Feststellung seines Namens verdankt Einsender der Liebenswürdigkeit des Herrn Rabbiners Waeldler in Schönlanke.) Die zweite Handschrift hat den rllhmlichst bekannten Rabbi Israel Lipkin S a l a n t zum Urheber. Reben scharfsinnigen Diskussionen über einige talmudische Themata <«»»> enthält dieselbe viele herrliche Gedanken und Erörterungen aus dem Gebiete der Religions- und Moralphilosophie, die der große Mann am Abend seines Lebens seinem Schreiber in die Feder diktirt hat. Am wichtigsten