Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 12-13 (13.2.1902)
- Date
- 1902-02-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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376 den Reformen schon mit Rücksicht auf die Achtung der religiösen Ueberzeugung seines konservativen oder orthodoxen Logen-Mitbruders? Ist das ein Ausfluß wahrhaft vornehmer, menschenfreundlicher, brüderlicher Gesinnung, welche die Logen-Satzungen predigen, wenn ein Logenbruder den andern in seinen innersten und heiligsten Gefühlen auf's Tiefste verletzt? Erfüllt da wirklich die Loge Bnei B'ris noch die hohen Ideen, die edlen Gedanken, die den Stifter der Loge beseelt haben müssen? „Leere Satzungen, leere phrasenhafte Worte und entgegengesetzte Thaten," darf man ruhig ausrufen. wenn man die Satzungen der Loge mit dem Thun und Vorgehen eines großen Theiles der Logenbrüder in . Vergleich zieht. Die fanatischsten Vorkämpfer der zerstörenden Reformen unseres schönen Gottesdienstes sind die „eifrigsten Mitglieder" einer jüdischen Loge, deren Satzungen vor allem „Gewissensschutz" für die überzeugungstreuen Bekenner des Judenthums und seiner heiligen Religionsgesetze vorschreiben! Welch' ein Gegensatz zwischen Theorie und Praxis, zwischen Gedanken und Handeln, zwischen edlen, menschenfreundlichen Vorschriften und einem rücksichtslosen, die religiöse Ueberzeugung vieler seiner Mitbrüder auf's Empfindlichste verletzenden Vorgehen?! Kein noch so glänzendes Gesellschaftshaus, kein prunkvoller Festsaal, vermag darüber hinwegzutäuschen, daß jener Brudersinn, von welchem die Logensatzungen so schön reden, in den Logenräumen und bei einem großen Theile der Logenbrüder nicht zu H a u s e ist, daß in dem glänzenden Nahmen, in dem stolzen Bau das Wichtigste und Wesentlichste fehlt: Das wahrhaft jüdisch fühlende Herz, die wahrhaft jüdische Gesinnung, die vor allem die Lehren des „Gewissensschutzes" zur That werden läßt! Wie schön sprach Herr Rabbiner Dr. Rosenthal diesen Gedanken auch in seiner Thoraerklärung aus. die er am Samstag, 1. dss. Mts., hielt. Anknüvfend an den feierlichen Schwur des jüdischen Volkes vor dem Empfange der eiligen Thora, „Naaseh W'nischmoh," „Wir wollen nach ihr handeln und sie zu verstehen lernen," führte der überzeugungstreue Rabbiner in beredten Worten aus, daß das jüdische Volk zu allen Zeiten von den Geboten der Thora mehr oder weniger abgewichen sei; nur den zweiten Theil jenes Gelöbnisses habe man bis auf unsere Zeit besser gehalten. Stets habe man im Judenthum den größten Werth auf das Thorastudium gelegt, und die Thora auf das Gründlichste und Eifrigste durchforscht, und einmüthig habe man im Judenthum stets das Studium der Thora in allen Kreisen gefördert und Diejenigen unterstützt, welche nach ihren Lehren und Vorschriften leben wollten. Man habe sich wohl gehütet, denjenigen Schwierigkeiten zu bereiten, die den Geist und die Lehren unserer Thora in's praktische Leben übertrugen. Leider mache unsere Zeit hiervon eine traurige Ausnahme. Diejenigen, welche die Thora und deren Gebote und Vorschriften in religionsgesetzlicher Hinsicht selbst nicht mehr heilig halten, wollen sogar nicht, daß Andere dieses thun und suchen diese mit Gewalt an der Ausübung der religionsgesetzlichen Vorschriften zu hindern, sie wollen dem Gottesdienste, den sie selbst so wenig besuchen, fremde Einrichtungen beimischen. Es ist in heutiger Zeit wohl nicht ganz leicht, aber gewiß möglich, die religionsgesetzlichen Vorschriften der Thora zu beobachten; wer diese aber selbst nicht hält, der wenigstens sollte aus der Thora lernen, daß man unter keinen Umständen Andere in der Ausübung unserer heiligen Religion stören, keinen Gewissenszwang ausüben darf. Und das Fundament der Rheinlandloge stände noch fester, als die Quadern ihres hochragenden Gesellschaftshauses, wenn die angeführten Grundsätze der Toleranz und des Gewissenss ch u tz e s für das Thun und die Bestrebungen der zur Reformpartei gehörenden Mitglieder zukünftig bestimmend würden! ZeitmrgsnachriHLerr und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 10. Febr. Das Obergutachten in Sachen des Konitzer Mordes ist jetzt von der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen im Kultusministerium erstattet worden. Es bestätigt in allen wesentlichen Punkten das frühere Gutachten des westpreußischen Medizinalkollegiums, nach dem Ernst Winter bekanntlich erdrosselt und darauf zerstückelt worden ist. Es stellt auch fest, daß der Halsschnitt kein Schächterschnitt war, womit die ganze Fabel vom Ritualmord widerlegt wird. iorddcutschland. Wir erhallen die nachfolgende Zuschrift, der wir, dem jüdischen Grundsätze gemäß, auch den anderen Theil zu hören, gern nachstehend Raum gewähren. „Den in Ihrem Blatte eingenommenen Standpunkt in Bezug auf den Eid des Herrn Rabbiner Dr. Münz-Gleiwitz. kann ich nicht theilen. Alles hat zwei Seiten; zugegeben, die Kundgebung des genannten Herrn Rabbiners habe auch zwei Seiten, warum nun solche gerade von der schlechten Seite betrachten? Lassen Sie mich detzhalb an dieser Stelle auch die gute Seite derselben hervorheben. Der Zweck des Briefes des Herrn Dr. Münz war zunächst der. diejenigen Kreise der Bevölkerung, welche durch die Antisemiten verhetzt wurden und den Juden „Ritualmord" zumuthen, aufzuklären. Vielfach scheint man in unseren Kreisen nicht zu wissen, wie tief in die Massen der Glaube an den „Ritualmord" gedrungen ist, man ver-