Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 12-13 (13.2.1902)
- Date
- 1902-02-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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274 Diese Frage hat natürlich nur einen Sinn, wenn man das Alles für baare Münze nimmt; aber wenn es sich nur um eine theatralische Aufführung handelt, so geht man verächtlich an dem Böotier vorbei, der Schein und Sein, der Wahrheit und Dichtung, Theater und Wirklichkeit so wenig auseinander zu halten versteht. Die Räume des Kasinos sind fürstlich, das Treppenhaus, die Büreaux und die Salons, vor Allem aber der Hauptsaal, sind auch für einen verwöhnten Geschmack elegant und stilvoll eingerichtet. In diesem, großen Gebäude kann der Kongreß nach Belieben schalten und walten. Die meisten der Kongreßbesucher haben sich noch nie in einem solchen Gebäude als Selbstherrscher bewegt. Das ganze Ensemble muthet sie wie ein Märchen aus Taufenbundeine Nacht an. Die Illusion ist fertig und wird noch erhöht durch die irrige Meinung, daß das Alles die gastliche Stadt Basel den Zionisten ihren schönen Gesichtern zu Liebe ohne weiteres zur Verfügung stellt. Daß die Miethe des Kasino's dreitausend Franken für die paar Kongreßtage beträgt, würde viel an der Illusion zerstören; das wißen aber nur die Eingeweihten. Ihr Geheimniß ist auch die Summe, die Herr Dr. Max Nordau für seine rhetorischen Leistungen erhält. Ich will gewiß nicht sagen, daß Herr Nordau ein Antisemit ist, aber sein Reden und Eifern, sein Schimpfen und Geifern, gleicht in vielen Punkten so dem eines waschächten Antisemiten, wie ein Ei dem andern. Für die Mäßigung, die sich der Redner dabei doch immer noch auferlegt, gehört ihm schon eine gewisse Anerkennung. Aber ich glaube, daß Herr Nordau die längste Zeit erster oder zweiter Kongreßredner war: die Opposition gegen sein brutales Auftreten nimmt von Jahr zu Jahr größere Dimensionen an. Herr Dr. Herzl ist dagegen der geborene Präsident; wer's mit dem Zionismus und seinen Kongressen gut meint, muß Herrn Dr. Herzl ein langes Leben, gute Gesundheit und die vornehme Nonchalance, mit der er die Bürde dieser Würde trägt und erträgt, noch ungezählte Jahre wünschen. Ohne Herrn Dr. Herzl ist der ganze Kongreß nicht denkbar. Wenn er heute zurückträte, so wüßte ich Keinen aus der großen Schaar der Kongreßmitglieder, der ihn irgendwie ersetzen könnte. Aber selbst heute fehlt es nicht an Opposition gegen diese Führer. Dieselbe macht sich von Jahr zu Jahr immer empfindlicher und nachhaltiger geltend, und hat dieses Jahr sogar wiederholt bei Einzelnen und ganzen Gruppen in recht unerquicklicher .Weise offen vor aller Welt ihren 'Ausdruck gefunden. Was sich hinter den Koulissen aber abspielt, das verschweigt des Sängers Höflichkeit. In früheren Jahren wurden denjenigen, die von diesen Vorgängen Kenntniß erlangt halten. — speziell den Berichterstattern der Presse — ihr Ehrenwort abgenommen, nicht öffentlich darüber zu berichten. Ob es auch dieses Jahr der Fall war, ist mir nicht bekannt. Diese Berichterstattung an die Presse verdient auch in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden. Es wird diesem ganzen Apparat eine besondere Wichtigkeit beigelegt, was bei dem Umstand, daß die Führer einen hervorragenden Platz in der Tagespreffe einnehmen, nichts Auffallendes hat. Für die gewöhnlichen Zeitungsleser, die nicht wissen, „wie's gemacht wird", bekommt der Zionismus dadurch eine gewisse Bedeutung, daß über seine Kongreßverhandlungen die Tagesblätter mehr oder weniger ausführliche telegraphische Berichte bringen. Man kann sagen, daß diese Beziehungen zur Presse eigentlich eine Lebensbedingung für den ganzen Zionismus sind, wenigstens für den politischen Zionismus. Um das Utopische des ganzen Zionismus ein wenig abzuschwächen, ist es nothwendig, immer wieder auf die gute Meinung verweisen zu können, die der Sultan davon hat. Daß in Wirklichkeit die Regierung des Sultan von der ganzen zionistischen Bewegung nichts weniger als erbaut ist. haben verschiedene Maßnahmen derselben zur Genüge bewiesen. Es sei Hier nur an das Verbot der Einwanderung in das heilige Land erinnert, das allgemein mit der zionistischen Bewegung in Verbindung gebracht wird. Andererseits hat der Sultan ein begreifliches Interesse an einer öffentlichen Meinung in Europa im allgemeinen und in Oesterreich insbesondere, die ihm und seinen politischen Maßnahmen günstig gesinnt ist. Die zionistische Welt glaubt nun, daß die Audienzen und Auszeichnungen, deren sich Herr Dr. Herzl seitens des Sultan erfreut, dem Zionismus galten. Herr Dr. Herzl hüllt das. was er mit dem Sultan verhandelt, selbstredend in diplomatisches Schweigen und hat jedenfalls keine Ursache den Glauben an die Sympathien zu zerstören, die der Sultan für den Zionismus haben soll. Das Telegramm, das der Sultan von dem Kongreß erhalten und die Antwort, die er daraus nach Basel gerichtet hat. waren jedenfalls vorher vereinbart. Je weniger der Sultan tatsächlich für die Wünsche der Zionisten zu haben ist. desto freigiebiger wird er mit. platonischen Versicherungen seiner Freundschaft sein. Dieselben verpflichten den Sultan zu nichts, während sie den Zionisten vollständig als Beweis dafür genügen, der Welt darzuthun, daß ihre Sache beim Sultan gut steht. Nicht minder wichtig ist die Berichterstattung für die jüdischen Blätter. (Schluß folgt.)