Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1902)
- Date
- 1902-02-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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zur Inanspruchnahme fremder Hilfe genöthigt, die man beim Rabbiner, Lehrer oder auch im Briefkasten eines jüdischen Blattes sucht. Die neue Rödelheimer Luach enthebt uns dieser Schwierigkeiten vollständig. Durch Uebertragung einer Zahlenrubrik aus dem 13 Jahre zurückliegenden in den neuen Kalender kann jeder Knabe ohne die geringste Mühe den Schabbos, an dem er cwird, selbst ersehen. Trotz der Verbesserung erscheint die neue Luach zum alten Preise. Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Berlin, 3. Febr. Der Bet- und Vortragssaal des „Talmud-Vereins" (Oranienburgerstr. 64°) ist am 26. v. Mts., wahrscheinlich in Folge Ueberheizung des Gasofens, von Feuer heimgesucht worden, welches den Aron Hakodesch, die zu denselben hinaussührenden Holzstufen und den Betpult zerstört hat. Erfreulicherweise wurde der Brand rechtzeitig bemerkt, so daß derselbe von der rasch herbeigerufenen Feuerwehr, ohne größeren Schaden anzurichten, erstickt, und daß vor Allem die dreizehn Thorarollen aus der brennenden heiligen Lade gerettet werden konnten. Letzteres ist durch das muthige Eingreifen des im Hause ansässigen Herrn Meier Straus und des Herrn stud. Jsak Straus geschehen, welche, trotz der starken Rauchentwickelung, in den Beisaal eindrangen und unter Lebensgefahr die Thorarollen aus dem in hellen Flammen stehenden Schrein in Sicherheit brachten. Die Lehr-Vorträge und der Gottesdienst des Talmud-Vereins finden bis auf Weiteres in dem Betraum der Altersversorgungsanstalt in der Großen Hamburgerstraße statt, welcher auf Ersuchen des Lereinsvorßtzenden, Herrn Aron Hirsch, von der Verwaltung bereitwilligst zur Verfügung gestellt worden ist. Koburg. Die mißglückten Versuche, welche in unseren, beiden Herzogtümern in letzter Zeit mehrfach unternommen wurden, um auch hier dem Antisemitismus Boden zu schaffen, sind von allen Einsichtigen gleich von vornherein scharf verurtheilt worden. Sogenannte „Volksversammlungen," deren Einberufer und Besucher in der Regel angehende Kommis und Lehrlinge aus den Reihen des „Deutsch-nationalen Handlungsgehilfenvereins" waren, wurden so spärlich besucht, daß die Lokalpresse sich nicht einmal veranlaßt fand, ihnen auch nur einige Aufmerksamkeit zu schenken. Auch einige Gastwirthe, die cs mit dem Geschäftsantisemitismus versuchten — einer kündigte z. B. seine „antirituelle Speisekarte" an — verfielen sofort der Lächerlichkeit. Daß auch der Regierungsverweser Erbprinz Ernst von Hohenlohe-Langenburg nicht daran denkt, seinen andersgläubigen Landcskindern die volle Anerkennung ihrer Gleichberechtigung zu versagen, geht aus dem Schlußpassus einer Rede hervor, mit welcher er am 7. Januar eine Ansprache des Vorstandes des evangelischen Bundes beantwortete und in der er von der „Anerkennung der Gleichberechtigung gegenüber Andersgläubigen und der Duldsamkeit für die einzelnen Richtungen" in begeisterten Worten sprach. , Ungarn. Budapest, im Febr. Der ehemalige Ministerpräsident Alexander W e ck e r l e, der die zwölfhundert Namen umfassende „j u d e n r e i n e" Liste des Arrangirungskomitees des Juristenballes mitunterfertigte, entschuldigt sein Vorgehen damit, daß er das Verzeichniß der Arrangeure erst aus der gedruckten Einladung gesehen (sic!), zu einer Zeit, als man den begangenen Fehler nicht mehr gut machen konnte (sic!) Nachdem das Reinerträgniß des Balles dem Szilagyi-Denkmal gewidmet ist, werde man bei Konstituirung des Denkmalkomitees sicherlich auch die Herren Juden berücksich- . tigen. Das heißt wohl mit anderen Worten: Nur nicht so empfindlich, geehrte Mitbürger! Es bandelt sich ja hauptsächlich nur darum, dem Schöpfer der liberalen , kirchenpolitischen Gesetze ein Denkmal zu widmen.' Hierzu wird allenfalls viel Geld nöthig sein und da werden wir sicherlich jedes Mißverständniß beseitigen, .und auch von unseren jüdischen Mitbürgern patriotische Opfer ivohl'gefällig aufnehmen. Dieser intransigent liberale Staatsmann ist in seinen freien Stunden auch Präsident der hauptstädtischen Demokratenpartei. — Gegen den jüdischen Abgeordneten Dr. Mil-' Helm Vaszonyi haben sich richtig die Jesuitenzöglinge der Universität und die reaktionären Elemente des Parlaments verschworen. In einer der jüngsten Sitzungen des Abgeordnetenhauses kam es zu Lärmszenen, welchen der „jüdische" Abgeordnete in seiner ..gänzlichen Jsolirtheit" nicht gewachsen sein konnte. Die Antisemiten aller politischen Parteien -— auch der liberalen -- wollten ihn garnicht zu Worte kommen lassen und erstickten jeden Laut Vaszonyis durch unartikulirtes Geheul. Es war ein sehr trister Anblick: auf der einen Seite ein einzelner und isolirter „Jude" und auf der anderen Seite einige hundert Abgeordnete, welche den einzelnen niederheulten. Die demokratischen Vereinigungen der Hauptstadt werden diesem wirklich hochbegabten Abgeordneten wohl Genugthuung verschaffen, gegen die verkappten antisemitischen Politiker des Parlaments. die es nicht einmal dulden wollen, daß der jüdische Abgeordnete von ihren Bänken aus svreche, wird er auch in Zukunft trotz seiner glänzenden Beredtsamkeit einen schweren Stand haben. Auch die liberalen Antisemiten haben sich gegen ihn verschworen. Antisemiten in der! i b e r a f e n Partei! Ein Zeichen der Zeit!