Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1902)
- Date
- 1902-02-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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258 leugnen seiner eigenen Weltanschauung, und in dem Annehmen fremder Begriffe, in einem Hinausdrängen in die Welt, in dem Verlangen nach Anschluß — noch mehr — nach Aufgehen in der Außenwelt. Wir haben nicht mehr den Wunsch, ein eigenes Volk zu bilden, eine in sich abgeschlossene Raffe zu bleiben, wir schämen uns sogar, wenn man uns an unseren Ursprung erinnert, wir wollen nicht länger Juden sein, sondern Deutsche, Franzosen, Engländer u. s. w., erlauben höchstens den Zusatz mit niedergeschlagenem Blick, mit Widerstreben: „jüdischer Konfeffion oder Glaubens", im Gegensatz zu dem stolzen ’*Dy" des Propheten. Wir drehen den natürlichen Entstehungsprozeß um, der sich bei der Geburt eines neugeborenen Wesens bekundet und der sich in der Reihenfolge der Formgestaltung zeigt: Erste Frage: „was ist geboren?"' Antwort: „ein menschliches Wesen;" zweite Frage: „welchen Ursprunges ist es?" oder mit anderen Worten: „welches Blut rollt in seinen Adern?"; und die dritte Frage: „wo, in welchem Lande, in welchem Orte hat es das Licht der Welt erblickt?", welch' letzterer Umstand nur als zufällig betrachtet werden kann. Wir fragen als Nummer Eins: „W o ist das Geschöpf geboren?", antworten vorlaut: „in Deutschland. Frankreich, England," und fügen als Schlußsatz hinzu: „mithin ist der Neugeborene ein Deutscher, ein Franzose, ein Engländer." Als zweite Frage stellen wir auf: „Welcher Raffe, welcher Religion gehört er an?", doch so, daß der erste Theil der Frage Überhirt werde und nur der zweite Theil eine Berechtigung habe. Die dritte Frage, die das Menschsein betrifft, wird gerne mit Stillschweigen übergangen. Sie ahmen hierin den Nationalisten, den Chauvinisten und den Antisemiten nach, die nicht minder gerne die menschliche Seite im Bürger vergessen. Laffen wir uns nicht berücken, bekennen wir vor Allem,, daß wir Menschen sind und daß nichts Menschliches uns fremd ist; bekennen wir ferner ohne Scheu und ohne Furcht, daß wir Juden sind, Angehörige und Abkömmlinge der abrahamitischen Raffe und bestrebt, die Raffentugenden zu bewahren. Unsere Väter standen vor dem Sinai und nicht vor den druidischen Altären in Germaniens Wäldern. Wir bekennen uns zu der jüdischen Religion , und wollen das Religionsgesetz beobachten. Wir erklären ferner, daß wir in Deutschland, Frankreich, England geboren sind, Länder, wo unsere Väter schon seit Jahrhunderten, in Deutschland sogar vor der Völkerwanderung und vor der Bekehrung der Einwohner zum Christenthum, ansässig waren. Unsere Abstammung und unsere Religion hindern uns mit Nichten, gute, treue Bürger des Landes zu sein, das unsere Wiege beherbergt und unsere Kindheit beschirmt hat, dessen Lust wir einathmen, dessen Geschicke wir theilen. dessen allgemeine Bildung wir genießen und in uns aufnehmen, dessen nationale Gesinnung wir hegen, deffen Gesetze wir befolgen und Anordnungen Folge leisten; sie hindern uns nicht, die eingesetzte Obrigkeit zu ehren und ihr zu gehorchen, alle Bürgerpflichten zu erfüllen, das Land bei Gefahr zu vertheidigen und für die gedeihliche Förderung seiner Institute mitzuwirkeu. All dieses ist für den Juden nicht nur eine Erkenntniß- und Gefühlspflicht und eine Bürgertugend, sondern zugleich eine religiöse Aufgabe, es ist die Erfüllung eines förmlichen Gebotes. Das ist der Patriotismus der Juden, es ist der wahre und nicht das Zerrbild des in der Neuzeit zur Mode gewordenen Nationalismus. Laffen wir letzteren den primitiven, zurückgebliebenen Völkern, er ist nicht der der Kulturvölker. Niemand kann in Abrede stellen, selbst nicht feine ärgsten Feinde, daß der Jude seine Bürgerpflichten treu erfüllt. Wir finden ihn in der Regel in den ersten Reihen der Bürger, die dem Staate wohlwollend gegenüber stehen, die ihm bereitwilligst Gut und Blut opfern und für seine geistigen und materiellen Interessen ihr Bestes hinzuzugeben bereit sind. Da jedes Land seine nationalen Sonderinteressen hat und dessen Einwohner eine verschiedenartige Bildung genießen, so ist ersichtlich, daß die Juden eines Landes in politischen und staatsökonomischen Fragen anders denken und fühlen, als ihre Glaubensgenossen anderer Länder, daß ihre Ansichten in vielen Fragen auseinander gehen und oft entgegengesetzt sind. Nur in ihren höheren und höchsten Bestrebungen, was Gotteserkenntniß und Gottesdienst betrifft, ferner ihre selbsteigene Weltanschauung, die Erkenntniß der Endziele der Menschheit und ihrer Aufgabe, als Faktor für die Herbeiführung dieser Endziele mitzuwirken: hierin, aber nur hierin, sind sie mit ihren Glaubensgenoffen vereint und können sich von den Anhängern anderer Konfessionen trennen. Diese Trennung ist dem Wähle des Staates nicht hinderlich. Die Ideale der Einwohner eines Landes dürfen auseinander gehen, wenn sie das Zeitliche unberührt lassen, oder sie dasselbe ohne Schaden berühren, kurz, wenn ihr Streben lediglich himmelwärts gerichtet ist. Die Verschiedenheit der Ansichten nicht nur in dem Idealen, sondern oft in den zeitlichen Fragen, erhält den Nationalgeist frisch und lebendig und verhütet ihn, in einen Marasmus zu fallen, der in der Regel der Vorgänger der Auflösung eines Staatskörpers ist. Wir finden Juden häufig unter den Gebildeten, die dem Jrrthum nicht entgangen sind, in ihrer Eigenschaft als politische Parteigenossen, Bruchstücke ihrer Ideale aufzugeben, Leugner ihrer eigenen Mission und Feinde ihrer Rasse zu werden. Sie haben unbedingt unrecht. Ideale sind unantastbar und sollten materiellen Vortheilen nicht geopfert werden. Verweilen wir einen Augenblick beim Patriotismus. Derselbe wird ja von allen Parteien auf die Fahne geschrieben und in dessen Namen fiihren angeblich alle Parteien ihre Kämpfe; doch sehr häufig wird er mit Partikularismus verwechselt. Der Patriotismus oder die Vaterlandsliebe ist das Gefühl, das den Menschen