Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1902)
- Date
- 1902-02-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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■ff 269 beseelt, das Land seiner Geburt oder seiner Wahl zu lieben, es gleichsam als seine Mutter zu verehren, ihm zu dienen und deffen Wohl zu fördern. Hat eines seiner Kinder, der einen oder der anderen Klasse, Raffe und. Religion angehörig, ein Vorzugsrecht, die Vaterlandsliebe als Pachtgut für sich allein zu beanspruchen und sie den andern abzusprechen? Besteht ein Kriterium, woran sie gebunden ist, ist es die Rasse, das Relizionsbekenntniß, oder auch der Stand, welche sie bedingen? Es ist kein physiologischer noch psychischer Grund vorhanden, daß die eine oder die andere Raffe, Religion und Klasse die Vaterlandsliebe in einem höheren Grade besitze, als die andere. Die psychologische individuelle Veranlagung einer jeden einzelnen Person bewirkt eine stärkere oder schwächere Kundgebung derselben, sowie der Grad der Bildung, des Geistes und des Herzens einen verschiedenen Modus der Bethätigung. Unter den Unterschiedsmerkmalen kann der Religion allein, oder besser gesagt, der Moral, wie sie die Religion lehrt, ein gewisser Einfluß eingeräumt werden. Dieser Einfluß bekundet sich in der Gesetzgebung, in der Rechtspflege, in der Kriegsführung, in der Verwaltung der Wohlthätigkeitsanstalten u. dgl. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 31.' Jan. Der Reichstagsabgeordnete von M a s s o w, der bekanntlich eine antisemitische Brandrede, unter großer Heiterkeit des ganzen Hauses vom Stapel ließ, enthüllt sich jetzt in seinen innersten Tiefen. Wie Königsberger Blätter melden, hätte der Herr sich um die Tochter eines jüdischen Bankiers, in dessen Hause er Gastfreundschaft genoß, beworben, und seine Schuld sei es nicht gewesen, wenn aus der Sache nichts wurde. Uebrigens erhielt der Herr auch im Parlament seine Antwort. Der sozialistische Abgeordnete Bebel leuchtete dem Herrn mit Worten heim, die sich theilweise wörtlich mit den Ausführungen decken, die der „Israelit" gebracht. Auch Herr Bebel verwies ihn darauf, daß ohne die Juden es keine christliche Civilisation gäbe und Herr von Massow und seine Freunde dann heute noch in den „ostpreußischen Urwäldern" säßen. Wolle er ernst genommen werden, so dürfe er nicht mit dem Grafen Pückler in Konkurrenz treten. Vorläufig dürfte dem Ulanenoberst a. D. die Lust vergangen sein, das Parlament zu einem Spaziergang durch das rothe Meer zu laden. Jndeß die Thatsache, daß ein Mitglied der Rechten es überhaupt wagen durfte, eine solche Rede vor der deutschen Volksvertretung zu halten, bleibt bezeichnend für die Zustände, welche gegenwärtig herrschen. Personalien. Baden-Baden. Eine schöne Feier durften Yoir heute, Sabbat Jithro, erleben. Unser seit 30 Jahren an der Spitze der Gemeinde stehender Vorsteher und Synagogenrath Herr Moritz Rothschild feierte seinen siebzigsten Geburtstag. Zum Mußafgottesdienste versammelte sich die ganze Gemeinde, woselbst unser Herr Lehrer Hofmann nach dem Einheben der Thora eine von Herzen kommende Ansprache an den Jubilar hielt, sein Wirken und Schaffen in der Gemeinde betonend und der Freude Ausdruck gebend, daß wir gleich seinem Namensbruder Moscheh sagen können dj v* nire, rü daß noch ungeschwächi sein Auge und noch ungemindert seines Lebens Kraft ist. Er erflehte den Segen Gottes für den Jubilar und dessen Familie. . Nach Schluß des Gottesdienstes überreichte Herr Vorsteher Meyer im Namen der Jsr. Gemeinde eine Glückwunschadresse mit zwei großen photographischen Abbildungen der Synagoge, bei deren Erbauung sich Herr Rothschild so große Verdienste erworben und sprach seinem Mitarbeiter den Dank aus für seine unermüdliche Thätigkeit. Der Jubilar war durch die erhebende Feier sehr gerührt und überrascht, da er diesen Tag in Stille bei * seiner Familie verbringen wollte, und nur durch Zufall einen Tag vorher sein Eintritt in das 70. Lebensjahr bekannt wurde. vermischtes. Olmütz. (Die Turnerschaft und der Antisemitismus.) In der jüngsten Generalversammlung des hiesigen deutschen Turnvereines wurde nach mehrstündiger, stürmischer Debatte der sogenann'.e „Arierparagraph" abgelehnt. (!) 51 antisemitische Mitglieder traten daraufhin aus dem Vereine auS_• ■ Berichtigung. In unserer Berliner Correspondenz in Nummer S, mußte eS natürlich „Freiherr v. Woßu-Hammerstein" heißen. Bekannntlich hat Hammerstein zuerst im Parlament auS dem Deutschen „wozu" ein antisemitisches „woßu" gemacht. Briefkasten der Redactton. B. in R.: In dem hiesigen Schlacht- und Biehof hat man. wie wir auch schon früher nach dem „Mainzer Anzeiger" berichteten, mir dem Schießen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. DaS Thier schlagt noch 10—15 Minuten nach de» Schüsse aus und die Burschen müsien lange am Halse herumschneiden, bis endlich daS Blut herauskommt und so dem Thiere der ersehnte Tod gebracht wird. Auch daS Schlagen muß oft 10—12 mal, bei Schweinen 4—5 mal wiederholt werden, bevor der Tod eintritt. Daß eS hierbei zu entsetzliche» Marterscenen kommt, kann man sich denken. Belm Schächte« vollzieht sich hier Alles rasch und glatt. Die Januarnummer der „Blätter für jüdische Geschichte uud Litteratur", wird im Februar nachgehohlt werden. Wegen deS starken Umfangs der seitherigen Nummern, war unS daS Beilegen noch nicht möglich. i.mwwpu