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Der Israelit · 1902-02-06 · Heft 11 (6.2.1902) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 11 (6.2.1902)
Date
1902-02-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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43* Jahrgangs zu Jfs 11 des „Israelit." Leitender Artikel.?ik Mnity l>cs fdipitii 8tWls >N tiicnci Azn. Von 2lmitai. Das religiöse Gefühl, wer beklagt es nicht?, ist in unserer Generalien zum Sterben schwach, es siecht hin, jeder Kraft und Energie beraubt, es liegt nieder, gelähmt und gebrochen. Und dieser Zustand hat alle Schichten der Gesellschaft ergriffen und bewirkt ein bedauerliches Abnehmen der äußeren Kundgebungen des religiösen Lebens in allen Klaffen und Verusszweigen. Die Ursachen dieses Zustandes sind dem aufmerksamen Beobachter nicht unbekannt. In früheren Tagen hat man die Resormbestrebung'en als die schuldigen Urheberinnen dieses zunehmenden, überaus beklagenswertsten Leidens angellagt, ohne auf den Grund zu gehen und sich 511 fragen, ob die Neformbcstrebungen nicht vielleicht eine natürliche Folge des Absterbens des religiösen Gefühls waren und noch sind, und nicht, wie man irrthümlicherwcisc annahm, die llrsache desselben. Man wollte aöhelfen, man forschte nach der Ursache des Nebels und, die Kurzsichtioen unter den Heilkünstlern glaubten sic im Alter der religiösen Formen zu finden. Dieser Irrthum rächte üch in konsequenter Weise, indem er dem Abfall Vorschub leistete. Die Ursachen des Phänomens waren anderer Natur: es waren deren viele, die jede in ihrer Weise wirkte, die eine ätzend, die andere berauschend, und die dritte einschlummernd. Wir. können folgende, als Hauptsaktoren der Erscheinung aufzählen:-. . .. ... Die veränderte Lebensweise in der Neuzeit, der unausgesetzte, an Intensität stets zunehmende Kamps um die Existenz und den Broderwerb, das Vielwiffen und die Abnahme in der Vertiefung des Erlernten, die Quantität auf Unkosten der Qualität, das Haschen, das Jagen nach zeitlichen Gütern, um den wachsenden Ansprüchen der heutigen Lebensweise zu genügen, und als Selbstzweck, das gesteigerte Verlangen nach Reich - thümern, d.a die Neuzeit, wie noch in keinem der vergangenen Jahrhunderte, das Geld als Hauptmacht verehrt und ihm als Gottheit Altäre errichtet;' die ungemeine Ausdehnung und der Taumel- und Schwindel erregende Aufflug, welchen das Gewerbe genommen hat und alle unsere Geisteskräfte in Spannung hielt;' die sich rasch folgenden uns in Staunen versetzenden..Erfindungen im Maschinenbau und in Anwendung der Entdeckungen in den Naturwissenschaften; die riesenhafte Fortschritte in denselben, sowie in Geschichte, in Chronologie u. in der Kritik, geeignet, alles Bestehende und seither Anerkannte umzustoßcn oder es wenigstens dem Zweifel als Beute hinzuwerfen, der dadurch erzeugte und nie befriedigte Drang nach Neuem, das gierige Zeitungslesen, und besonders das Verschlingen sensationeller Neuigkeiten und das dadurch bedingte Abnehmen des ruhigen, ernsten Lesens von Lehrbüchern, welches letztere Uebel bei den. Juden besonder? stark hervortrat in Folge ihrer Nervosität, und welches heute noch verheerender unter ihnen wirkt, als bei den Bürgern anderer Konfessionen, da sie angewiesen sind, nur eine gewisse Kategorie von Zeitungen zu lesen, nämlich d i e fortschrittlicher Tendenz, welche aber der Mehrheit nach, nicht nur der antiklerikalen Richtung angehören, sondern manchmal entschieden antireligiös sind; das Aufsangen der darin entwickelten ätzenden Ansichten über Religion, das alltägliche - Anhören der Svöttereien über alles Edle, Höhere,. Göttliche, das sich in einigen besonders gerne gelesenen Zeitschriften breitmacht; der Hochmuth, der den modernen Menschen aufbläst und ihn stolz auf die Erfolge in, den Wissenschaften macht; die nicht minder gesteigerte Genußsucht, welche den heutigen Menschen in seinem Streben nach. Höherem lähmt; alle diese Umstände waren und sind noch in der Gegenlvart ebensoviele Hemmschuhe, welche eine gedeihliche Entwickelung und Förderung des religisöen Gefühls hinderten und noch .hindern, .und auf der anderen Seite sind sie Reizmittel, sich dem Strome des. Zeitgeistes zu überlassen. Für die Juden waren diese Umstände verhangnißvoller, als für.die anderen Völker und Nassen. Denn bekannterweise ist ihre Gemüthsticfc, die Weichheit und Zartheit, des Gefühls,' efn Erbstück der Väter, ansgeprägter und prägnanter, als wir es bei anderen Völkern wahrnehmen., Ein solches Gefühlsleben über, da es.den Menschen widerstandsunsähiaer macht, ist einer Anstecküngskrank.heit mehr" zugänglich und eher der Gefahr ausgeseht, ein Opfer derselben zu werden, als dieses bei urwüchsigen, kräftigen! Raffen der Fall ist. Diese Ansteckung fand leider statt, j Und noch eins, so paradox es auch erscheinen mag. l ltw extremes se toiiclient. Wir finden bei den Juden eine gewisse Veranlagung zur Eaustik, und dieses ohne i Schaden für die Klarheit und die Schärfe ihres Ver standcs. Dieser eigenartige--Psychologische Züständ aber, wenn er von dev Sucht der Kritik genährt wird, tann in einen Krebsschaden ausarten und verderblich um sich greifen. - - .ej-jj-y.üM Der Hauvtsaktor-jedoch des Niederganges des-religiösen Gefühls brr.dem modernen Juden, ist das^ AMnnlationsfieber. Es' äußert sich in - einem- Durst -nach neuen Eindrücken. nach neuen Ideen, in einem Drange, aus sich heraus zu treten, in einem Aufgeben und Ver- JE

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