Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1902)
- Date
- 1902-02-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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geisierungsvolle Anhänglichkeit an Gott und sein Gesetz die jüdische Gesetzestreue erzeugt, erblicken diese mehr oder weniger abgefallenen „Glaubensgenoffen" in jedem orthodoxen — und orthodox ist in ihren Augen jeder Jude, der nicht so denkt und handelt, wie sie — einen Vorwurf gegen ihren Abfall. Was sie selbst nicht achten —. das ist der Kanon des neologen Fanatismus — soll auch in ihrem Kreise nicht eine Stätte der Verehrung finden: was sie selbst nicht üben, soll auch von keinem Andern mehr erfüllt werden. Und das alles motivirt man mit dem modernen Fortschritt, mit dem Zeitgeist, mit dem Liberalismus, mit der Entwickelungsfähigkeit der jüdischen Wissenschaft, mit der Rücksicht auf die nichtjüdische Umgebung, der man sich mit allem Möglichen nähern muß. Diese Annäherung an nichtjüdische Kreise war überhaupt von jeher das Steckenpferd dieser Paradejuden. Was hat man nicht alles hingeopfert, was hat man nicht alles unternommen, um nur von so einem hochgestellten Nichtjuden einer herablaffenden Freundlichkeit gewürdigt zu werden? Man hat Purimbälle, Chanukakonzerte, jüdische Frauenvereinsabende veranstaltet. um nur auch mit Nichtjuden effen und trinken zu können. Man beschimpfte die jüdischen Gesehestreuen, man verleumdete ganze Gegenden, wo fromme Juden wohnen, um sich nur bei nichtjüdischen Honoratioren einzuschmeicheln. Man koncedirte sogar den Judenhaß in gewissem Sinne, um sich nur als etwas Besseres, als gebildeter und aufgeklärter Jude, zu geriren. Sie empfanden eine gewisse Genugthuung darin, wenn man ihnen sagte, sie seien nicht so verächtlich. wie dieser oder jener Jude, der die Satzungen seines Väterglaubens treu befolgt. Seit Jahren blüht der Antisemitismus auch in unserem Vaterlande. Wir haben wohl noch immer eine liberale Regierung, deren Mitglieder von Zeit zu Zeit schöne Reden halten, aber zu einer entschiedenen That gegen die systematisch betriebene Aufwühlung der Massen kam es noch nicht. Mit platonischen Gefühlsäußerungen allein wird man aber der gehässigen Strömung nicht beikommen. Was wäre selbstverständlicher, als daß gerade die Paradejuden in sich kehren sollten, um den religiösen Kreislauf in Haus, Schule und Gemeinde wieder herzustellen? Nichts von alldem! Der gesetzestreue Jude wird auch für den Judenhaß verantwortlich gemacht und es werden'sogar die Behörden in einzelnen Fällen angerufen, um die „zurückgebliebenen" Juden mit Gewalt zu „kultiviren." Und in den größeren Städten, wo unsere Glaubensgenossen angeblich schon genug kultivirt sind, wird die gesellschaftliche Verschmelzung mit den Nichtjuden auf's Eifrigste gepflegt. Man ißt und trinkt miteinander, es werden mitunter auch schon die heiligsten Ehevorschriften verletzt, Taufen und Konfirmationen veranstaltet; mit einem Worte: die berüchtigten Assimilationshelden feiern die wüstesten Orgien. Die sog. gebildete Klasse, Aerzte. Advokaten — von den jüdischen Abgeordneten wollen wir gar nicht reden — diese glauben ganz ernstlich, die Gesammtheit Israels glücklich zu machen, wenn sie das Judenthum noch in irgend einem verstohlenen Winkel bei sich dulden — überhaupt die „diplomirten" Juden sind die Tonangeber für jüdisches Leben. Der ganze volle Strom ihres Daseins bewegt sich nur im Geleise der Assimilation. Und die Ungebildeten machen's Wieden den Gebildeten nach, und im Taumel dieser Lebensfreuden wollen sie gar nicht zu dem Bewußtsein erwachen. daß sich bei ihnen inzwischen eine Fälschung des ganzen Judenthums bereits vollzogen habe. Ihre Augen sind mit Blindheit geschlagen; ihre Herzen sind verstockt. Ich habe das Verhallen dieser Paradejuden im Allgemeinen dargestellt, obwohl es auch hierzulande an Ausnahmen nicht fehlt. Aber gerade diese seltenen Ausnahmen bestätigen die Regel, die auch im Kreise der Gesetzestreuen große Verheerungen angerichtet hat. Und in dieser Beziehung können die konservativen jüdischen Gemeinden in Ungarn von ihren Schwestern im Deutschen Reiche noch lernen. Soviel mir bekannt ist. werden sich in deutschen Kultusgemeinden Aerzte, Advokaten und Ingenieure, wenn sie in praktischer Beziehung aufgehört haben, Juden zu sein, nicht zur Leitung jüdischer Institutionen drängen, ja werden ganz gewiß mit jüdischen Kultusämtern nicht betraut werden. (Leider ist das in vielen deutschen Gemeinden doch der Fall; in streng-orth. Gemeinden freilich nicht. Red.) Hier in Ungarn ist es leider nicht so. Viele hervorragende gesetzestreue Gemeinden haben notorische Gesetzesübertreter an die Spitze ihres Gemeinwesens gestellt, und ganz besonders sind es die „Rechtsanwälte." die mit ihrem sozialen Einfluß die jüdische Sache gefährden. In den jüngsten Jahren hat es der -ungarische Antisemitismus geradezu auf die gebildeten resp. diplomirten Juden abgesehen. Die jüdischen Rechtsanwälte glaubten aber immer, sich eines gewissen Vorzuges auch in der nichtjüdischen Gesellschaft zu erfreuen. Sie haben nun eine gründliche Täuschung erlebt. Die unjüdischen Spekulationen sind kläglich mißlungen. In S z e g e d i n. wo seit Jahrzehnten eine Hochburg der Neologie emporragt, haben die „Richterkandidaten" einen Ball veranstaltet, zu welchem ein Jude oder Jüdin nicht geladen werden durfte. In Budapest wird demnächst der „Juristenball" stattfinden. der von einem „Zwölfhunderter-Komitee" arrangirt wird und dessen Reinerträgniß dem Destder S z i l a g y i - Denkmalfonds zu Gute kommen soll. Szilagyi war der ruhmvolle Schöpfer der Religionsfreiheit. Und o, welche Ironie! „Unter den zwölf Hundert Arrangeuren." unter denen die namhaftesten Juristen des Landes figuriren, befindet sich kein