Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1902)
- Date
- 1902-02-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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43♦ Jahrgang. M 11. er Israelit. Ein KenLrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum. Begründet, von ör. Tehmanrr in Mrrinz Donnerstag, den 6. Februar 5662 (1902). Die nächste Montagsnummer sollt des lokalen Festes wegen aus. Nummer ÜSP^ 12 u. 13 erscheinen Donnerstag, 13. Februar. Leitender Artikel “ ßlnulifiiöflciioifcn. Budapest, 4. Februar. Unser Vaterland wird als das Dorado religiöser Duldsamkeit in Europa betrachtet. Und nicht mit Unrecht. Es wäre hier alles recht schön, wenn unsere „Herren" Juden es nur verstünden, ein klein wenig — Juden zu sein. Ich meine das so: Wenn hierzulande ein Jude Advokat, Arzt, Ingenieur, Staats¬ oder Komitats-Veamter geworden, oder wenn es Jemand bis zum Gutsbesitzer oder Großindustriellen gebracht hat, wird es schon als selbstverständlich betrachtet, daß der Betreffende als „Jude" im Rahmen der jüdiscken Gemeinschaft gewisse Privilegien genießen darf. Ein solcher „Paradejude" führt ireifc Wirthschaft, ist imv bz-r> geht höchstens am Reuiahrs- und Versöhnungsfest in den Tempel, event. auch zu mcp; will von den Pflichten, die das Judenthum dem jüdischen Menschen auflegt, absolut nichts wissen — wenn es sich aber um jüdische Ehren, um jüdischen .„TJ23* handelt, so ist er der Erste, der in dieser Beziehung die maßlosesten Ansprüche erhebt. Er meint, das ganze Judenthum muß sich eine Ehre daraus machen, wenn er als Advokat etc. sich noch herabläßt, z. B. mit der jüdischen Vorsteherwürde sich zu thun zu machen. Thatsächlich ist ihm aber diese Würde ein Lebensbedürfnis;, weil er nur durch diesen Vorzug bei gewissen Anlässen mit nichtjüdischen Honoratioren in näheren Verkehr treten kann. Und die Ueberhebung eines solchen Vorstehers nimmt allmählich ganz gefährliche Dimensionen an. Es wird irgend ein Ball oder ein Bankett veranstaltet, da erscheinen.auch die Paradejuden. gewissermaßen in Vertretung der jüdischen Gemeinschaft wenn auch ohne direktes Mandat — essen da R'welos und Treifös, trinken Bruderschaft mit einigen Halb- und Ganz-Antisemiten, genießen voll und ganz die Freuden, die das unjüdische Leben in nichtjüdischen Kreisen bietet — wenn es auch selbst bei solchen Anlässen niemals an Kränkungen und Erniedrigungen fehlt — und alldies wollen sie in jüdischen Kreisen als „jüdische" Verdienste gewürdigt sehen. Es , ist eine Ehre des ganzen Judenthums — so meinen sie — wenn der Vorsteher oder Schulpräses mit dem Grafen zusammen gespeist und mit einem Stadt- oder Stuhlrichter „per Du" geworden ist. Am meisten ist es aber zu bedauern, daß hie und da auch gut religiöse Juden so naiv sind, zu glauben, daß man diesen „Diplomirten" in jüdischer Beziehung Vieles Nachsehen darf. Was hat eigentlich das Judenthum von seiner Advokatur oder sonstigem sozialen Vorzug, wenn er bei jeder Gelegenheit das praktische, das wahre Judenthum mit seiner unjüdischen Führung ostentativ beleidigt? Und nun erst der Jubel sog. jüdischer Organe, wenn so ein „Paradejude" Ausschußmitglied irgend eines Sportvereins, Honorar- Anwalt eines Munizipiums' geworden ist, oder gar zu irgend einem Tedeum in die katholische Kirche geladen wurde!? Freue dich, Israel, solche Kowaud verdankst du nur den vornehmen Juden, die treifos essen und keine Tefilin legen. Und nun erst die Wirksamkeit dieser vornehmen Herren in der Verwaltung der Kultusgemeinde! Da wird mit leidenschaftlichem Fanatismus alles Alte, Ehrwürdige, alles Jüdische mit Füßen getreten. Da macht man sich lein Gewissen daraus, die Rabbiner zu terrorisiren und alles Heilige mit sakrilegischen Händen zu entweihen. .Nicht fähig, sich zu der Anschauung zu erheben, daß reine, innige Ueberzeugung und be- 71630921