Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 10 (3.2.1902)
- Date
- 1902-02-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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kommen, daß lüsterne Blicke gegen eine andere Frau den Anfang zum Ehebruch bilden und daß ein Streichholz, das man sich ohne Wissen des Besitzers aneignet, einen Diebstahl darstellt. Unsere Rechtsgrundsätze sollen nicht nur unser Rechtsgefühl, sondern auch unser Zartgefühl lebendig werden lassen. Mit Feinfühligkeit spürt das letztere den zarteren Beziehungen einer Seele zur anderen nach und meidet in taktvoller Weise, was andere irgendwie stören und unangenehm berühren könnte. Da setzt nun unser Rechtskodex ein und lehrt bs 2'L-I -jvw ib'X3 rvan ’js psban „wer seinen Nächsten öffentlich beleidigt, das käme einem Morde gleich." Oder xan p3n 'b px lTanb jn cv naan „wer seinem Nächsten einen Schimpfnamen beilegt, kann des künftigen Lebens nicht theilhaftig werden." Ferner mjnn to nyy l^xs 3ir»n rbs nbva nai bvUV 'v nnasm „wer Geld auf Zins leiht, gleicht demjenigen, der alle Schandthaten der Welt begeht; wer zinslos Geld gibt, hat alle Gebote erfüllt." „Siehe," heißt es an einer anderen Stelle, „alle Geschöpfe Gottes borgen von einander, der Tag von der Nacht, die Nacht vom Tage, der Mond von den Sternen und die Sterne vom Mond, die Sonne vom Licht und das Licht von der Sonne, der Himmel von der Erde und die Erde vom Himmel und es geschieht in friedlichster Form; nur dre Menschen wollen für ein Darlehen Zinsen haben und reiben sich gegenseitig dadurch auf." Viele derartige Aussprüche haben offenbar keinen andern Zweck, als selbst die Grenzen des Erlaubten noch enger zu ziehen und das friedliche Nebeneinander zu fördern, jede Ueberhebung des Einen über den Andern im Keime zu ersticken und daß Jeder nur im Andern einen gleichwerthigen Bruder erblickt. Der Ueberfluß des Einen sei nur deßhalb vorhanden, um das Defizit des Andern zu decken. Eine ganz besondere Fürsorge hat dieses Rechtsgesetz gerade dem Armen gewidmet. Ist doch die Armuth nach der Auffassung unserer Weisen das größte aller Uebek, was sie in dem Gedanken zum Ausdruck bringen: „wenn alle Leiden in einer Wagschale lägen, die Armuth in der andern, so würde sie das Uebergewicht haben." Mit beißendem Spott treffen sie den Reichen, der seinen armen Verwandten nicht kennen will und ihm ängstlich auf der Straße auszuweichen sucht, anlehnend an den Satz .itpkät an -nx bo „seinem armen Bruder ist er ein Feind, aber Gott ist ihm ein Freund, denn es heißt: usy "V ion' 7,31 „in ihr (Zion) sind die Armen seines Volkes geborgen." So gestalten sich denn diese Rechts - grundsätze zu einem Stück „Wesen des Judenthums" — der allerneuesten Preisaufgabe. Die Herren, die dabei in Konkurrenz treten wollen, können nichts Besseres als Vorarbeit thun, als gerade diesen Theil recht gründlich zu studiren. Mit dem vain in der Hand können sie^ sich die Sätze, die das „Wesen des Judenthums" bilden, heraussuchen, das p.inx nr6\n ira ist dabei ein vorzüglicher Wegführer, sie finden mit ihm im Talmud, im Sohar, im Baal Akeda die bezüglichen Sähe erläutert und erweitert und, sofern sie in diesen Büchern zu lesen verstehen, zweifeln wir keinen Augenblick, daß Jeder alsdann die Preisarbeit am besten zu lösen vermag. Sollte das wohl auch zum „Wesen des Judenthums" gehören, daß man. den Ideen der Altmeister nachgehend, staunend das Werk betrachtet, das sie erbaut haben, gleich wieder in's Lächerliche verfällt, wenn man an die neueste Preisarbeit denkt, die das Christenthum über „das Wesen des Judenthums" belehren soll. „Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen ist nur ein Schritt," sagte einst Napeleon I. (Du sublim** au riöicule il n'y a qu’un-pas). Nicht durch Preisarbeiten, mögen sie noch so schön an Form und Inhalt sein, wird „das Wesen des Judenthums" erkannt, und wir machen uns nur lächerlich, wenn fortwährend unsere Lehre mit den Lehren des Christenthums in Parallele gezogen wird. Auch dem Judenthum ist damit kein Dienst geleistet. Gleich an, Eingang zu a'ss&an ribrn gibt Raschi einen nicht zu unterschätzenden Wink, indem er erklärt: naprt ib iax 713^711 plan srb rutrx laib "jnjn bv r&tfi ab 7wab 13, cus?D *3 ix '3. „Gott sprach zu Mosche: lasse es dir nicht in den Sinn kommen, ihnen einen Abschnitt oder eine besondere Vorschrift ein- oder zweimal vorzutragen, daß sie dieselben ihrem Gedächtniß einprägen und du wolltest dir nicht die Mühe nehmen, ihnen die Gründe der Vorschriften bekannt zu geben — nein, auf einem gedeckten Tisch, für Jedermann bereitet, zu dem Jedermann geladen ist, sollen all die Rechtsordnungen ihnen klargelegt sein." Nicht aus Preisarbeiten wird das Judenthum und alles, was zu ihm gehört, erkannt, -sondern direkt aus der Qir^lle muß geschöpft werden. Am allerwenigsten sind wir aber dazu berufen, unsere Lehren anderen Religionsgenossenschaften aufzudrängen, wir haben genug mit uns selbst zu thun. Zeitungsnachrichten und Eorrespondenze«. Deutschland. Berlin, im Jan. Rektor Ahlwardt tritt wieder auf den Kampfplatz. Wie nämlich der Berliner „Volkszeiiung" geschrieben wird, erschien dieser Tage Ahlwardt zum Staunen der Anwesenden plötzlich in einer Versammlung des von Böckel, v. Mosch und Paul Förster geleiteten „Deutschen Volksbundes" und erklärte den verblüfften Anwesenden, daß er nach einer längeren, durch persönliche Verhältnisse bedingten Pause wieder mit aller Kraft in den politischen Kampf eintreten werde. Im Reichstag sei er jetzt Einspänner, doch habe er die Absicht, sich dem „Deutsch. Volksbund"