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Der Israelit · 1902-02-03 · Heft 10 (3.2.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 10 (3.2.1902)
Date
1902-02-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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239 Es war ein mit Leder überzogenes Kistchen, dessen ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war. Hastig nahm er es an sich, griff nach seinem Hut, zog den Pelzrock über und rannte davon, direkt zum Bahnhofe. — Es war beinahe sechs Uhr; er kam noch gerade zur richtigen Zeit, um den betreffenden Zug benutzen zu können. Gegen Mitternach hatte er den Wohnort seiner Braut erreicht. Es war in den Vormittagsstunden des folgenden Tages, als Jsabella durch den Besuch ihres Verlobten überrascht wurde. „Willkommen Alfred!" rief sie ihm entgegen, „wo kommst denn Du her?" „Direkt von zu Hause — das heißt, gestern gegen Mitternacht bin ich angekommen." „Hast Du Geschäfte hier in der Nähe?" Er schüttelte verneinend den Kopf. „Nur Sehnsucht nach meinem holden Bräutchen." „Wirklich, gar nichts anderes?" „Nun, gar nichts anderes, das will ich denn doch nicht behaupten. Aber das Andere hätte nicht gerade Eile gehabt. — Siehe, hier ist's, das habe ich gestern zufällig im Schreibtisch des seliaen Papa gefunden." Er zog bei diesen Worten das erwähnte Kästchen hervor und stellte es auf den Tisch. „Kennst Du dies?" „Ich glaube, der Onkel hat es mir einmal gezeigt, enthält es nicht den Schmuck meiner Mama?" „Ganz richtig. Zufällig ist es mir gestern in die Augen gefallen. Ich weiß, der Papa wollte es Dir übergeben, sobald Du volljährig geworden. Durch seine dazwischen getretene Krankheit ist daran vergessen worden. Als ich es gestern fand, dachte ich mir, es würde Dich vielleicht freuen es zu haben, darum habe ich es Dir gebracht." „Sehr freundlich von Dir. Besten Dank!" „Die Schmuckgegenstände, die es enthält, scheinen zwar nicht besonders werthvoll, dennoch möchte ich Dich um eine Empfangsbestätigung Litten." „Eine Empfangsbestätigung? Fürchtest Du, ick könnte es zum zweiten Male von Dir verlangen?" fragte sie lächelnd. " „Was fallt Dir ein?! Aber es ist der Ordnung wegen. Ich möchte Dich soaar ersuchen. Deine volle Firma zu unterschreiben: Jsabella von Rauhenstein." „Wie Du willst." Sie griff nach einem Blatt Papier, schrieb die Empfangsbestätigung und Unterzeichnete mit ihrem vollen Namen: Silvio Jsabella von Rauhenfiein. „Wenn schon, denn schon," sagte sie scherzend, „so lautet meine „volle Firma." Er nahm das Blatt an sich und drückte die Hand, die es ihm gereicht, an seine Lippen. „Dank Dir, Geliebte. — Aber tadeln muß ich Dich dennoch. Du bestätigst, etwas empfangen zu haben, ' ohne es auch nur gesehen zu haben. Du hast das Kistchen nicht einmal geöffnet." „Das läßt sich nachholen, übrigens kenne ich ja den Schmuck." Sie hatte das Kistchen aufgeschlossen und legte die verschiedenen Schmuckgegenstände, die es enthielt, auseinander. „Im Innern des Deckels findest Du das Verzeichniß der einzelnen Gegenstände in spanischer Sprache. Ich verstehe es zwar nicht, aber Du —-" „O gewiß, ich verstehe Spanisch, ist es doch in Wirklichkeit meine Muttersprache, während Deutsch meine Vatersprache ist." „Nun. hast Du alles darin gefunden?" „Alles," versicherte sie, „ganz so, wie es der Onkel mir im vorigen Jahre einmal gezeigt hat. Auch das Heft liegt noch zu unterst, das von so seltsamem vergilbten Papier mit den krausen Schriftzeichen. Der Onkel meinte, es wäre Sanskrit. Sieh her, hast Du schon solche sonderbare Zeichen gesehen?" Sie nahm bei diesen Worten ein in Wirklichkeit seltsames Heft aus dem Kistchen, von überaus grobem, dunkelgelben Papier mit schwarzer, krauser Schrift bedeckt. „Hast Du dergleichen schon gesehen? Glaubst Du auch, daß es Sanskrit ist?" Er zuckte die Achseln. „Ich bin kein Gelehrter, meiner Ansicht nach könnte es ebensogut Griechisch sein." — „Jedenfalls soll es wieder an seinen alten Platz, aber gelegentlich muß ich es einmal einem Gelehrten zeigen." Sie legte bei diesen Worten das Heft ivieder in das Kistchen und ordnete die verschiedenen Schmuckgegenstände darüber. „Aber sieh nur, dieses Collier, mit dem muß etwas vorgegangen sein. Ich erinnere mich genau, einmal habe ich es als Halsschmuck bei meiner Mama gesehen, das war ein Glitzern und ein Funkeln — ich weiß es noch wie heute, Papa hat damals gesagt, es wäre von geradezu unschätzbarem Werthe. klnd jetzt die Steine so glanz- und farblos, wie schmutziges Glas, und diese Ringe und jenes Armband auch — was ist da geschehen?" „Das weiß ich nicht, von besonderem Werth scheinen diese Gegenstände nicht zu sein." „Doch. doch, der Papa hat es ausdrücklich gesagt. Darüber muß ich Klarheit haben. Pedro soll mit den Sachen zu einem Juwelier gehen und sich erkundigen, was das ist." Sie schellte und befahl dem gleich darauf eintretenden Diener, mit den betreffenden Schmuckgegenständen zu einem in der Nähe wohnenden Juwelier zu gehen, um sich zu erkundigen, welche Bewandniß es mit den seltsam glanz- und farblosen Steinen habe. Der Bediente kam sehr bald zurück. Der Juwelier habe erklärt, es wären Diamanten von überaus großem Werth; dieselben müßten jedoch mit Schwefel oder etwas Aehnlichem in Berührung gekommen sein und hätten dadurch momentan den Glanz verloren. Aber das gnädige Fräulein könnten unbesorgt sein. Er werde den Schmuck putzen und dann würden die Steine

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