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Der Israelit · 1902-02-03 · Heft 10 (3.2.1902) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 10 (3.2.1902)
Date
1902-02-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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334 und wirtschaftliche Entwickelung aller unserer Glaubensgenossen eingetreten ist, so wenig können wir dieses Ziel Hand in Hand mit.Männern anstreben, die unter sittlicher, geistiger und selbst wirthschaftlicher Entwickelung das vollendete Gegentheil dessen verstehen, was wir darunter begreifen. Wir erblicken in unseren Glaubensgenossen, Genossen unseres Glaubens, unserer Gesinnung und unserer religiösen Ueberzeugung, wie sich dieselbe aus den religiösen Bekenntnißschristen des Judenthums, aus Bibel und Talmud, ergibt. Die 190 Herren, die den Aufruf zur Gründuna eines Hilfsvereins der deutschen Indem unterzeichnet haben, stehen zum größten Theile nicht auf diesem Boden. Je höher wir von der Redlichkeit ihrer Gesinnung und der Lauterkeit ihrer Absichten denken, um so sicherer glauben wir, daß sie keine andere sittliche und geistige Entwickelung verbreiten wollen, als diejenige, welche die ihrige ist. Wenn die Thai ihres Lebens mit den Geboten und Verboten der geschriebenen und mündlich überlieferten Thora in offenem Widerspruch steht, so erblicken dieselben darin keine Verkümmerung ihrer Sittlichkeit und keine Verirrung ihrer geistigen Entwickelung. Sie würden es als schwere Beleidigung empfinden, wenn- Jeinand ihre Auflehnung gegen das jüdische Lebensregime als Ausfluß menschlicher Schwäche und Leidenschaft bezeichnen wollte. Sie erblicken den höchsten Triumpf ihrer Sittlichkeit und den größten Fortschritt des Geistes ja gerade in der Emanzipirung von den Satzungen des historischen Judenthums. In dem treuen Festhalten an diesen Satzungen finden sie weder eine sittliche noch eine geistige Entwickelung, sondern einen überwundenen'Standpunkt, einen Rückschritt zu der beschränkten Einfalt altväterischer Sitten und Anschauungen, und sie rechnen es sich als kein geringes sittliches und geistiges Verdienst an, für ihre Person damit aufgeräumt zu haben. Wir dagegen erblicken in allen diesen Anschauungen und Bestrebungen eine verhängnißvolle und ' beklagenswerthe Verirrung. Wir kennen keine sittliche und geistige Entwickelung für uns Juden, ohne unser in Thora und Talmud niedergelegtes Religionsgeseh.. Für uns liegt die höchste sittliche und geistige Entwickelung in der treuen Erfüllung dieses Gesetzes und in der immer vollendeteren Verwirklichung des- .. selben in unserem erwerbenden und genießenden, also ' auch in unserem wirthschaftlichen Leben. Der Jude, der dieses sein wirtschaftliches Leben auf die Ent- Weihung des Sabbat, auf die'Verletzung der Speisegesetze,' auf die Abrogirung der Zinsgesetze und anderer ' göttlicher Satzungen gründet, und der Jude, der lieber -auf-■ä<SÄrrlcre:’'iiiib'm;Jet»5^;_;TpW^.T^«ftXid^e;;f6nihjiiJelung verzichtet^ als sie mm den ^streis' ber lWreue''gegdn' das ihm' älß Norm seines Lehens geltende Gottesgesetz zu 'erkaufen, dieser und jener Jude, können unter' sittlicher, geistiger und wirthschaftlicher Entwickelung nicht ein und dasselbe verstehen. Der Gegensatz, der sich aus Schritt und Tritt fühlbar macht, dieser Gegensatz, der Gemeinden getrennt und die gesammte Judenheit in zwei Lager getheilt hat, dieser Gegensatz ist zu scharf und unversöhnlich, als daß er durch eine schillernde Phrase verdeckt und ignorirt werden könnte. Das, was wir unter sittlicher und geistiger Entwickelung verstehen, steht uns zu hoch, als daß seine Verkümmerung uns durch die glänzendste wirthschaftliche Entwickelung kompensirt werden könnte; ja, wir glauben nicht einmal an die Möglichkeit einer ersprießlichen wirthschaftlichen Entwickelung, so lange sich die sittliche und geistige Entwickelung in, dem Gottesgesetz abgewandten, gegensätzlichen Bahnen bewegt. Von unseren religiösen Gegnern verlangen, daß sie sich zu unseren Anschauungen verstehen sollen, bedeutete ein Jntellektopfer. das wir. ohne sie zu verletzen. nicht von ihnen verlangen können. Es wird, wie die Dinge liegen, somit nichts anderes übrig bleiben, als daß sie in ihrer und wir in unserer Weise für die sittliche, geistige und wirthschaftliche Entwickelung ihrer und unserer Glaubensgenossen bestrebt sind. Wollen sie aber, ohne daß wir es fordern, im Interesse eines einheitlichen Zusammengehens in dieser Angelegenheit, ein solches Jntellektopfer bringen, so würden wir darin allerdings den Beweis erblicken, daß es ihnen in der That um ein einmüthiges, gemeinsames Zusammenwirken redlich zu thun ist. Sie brauchten in ihrem Fundamcntal-Statut als Norm ihres Wirkens nur die Bestimmung aufzunehmen, daß alle geistige, sittliche und wirthschaftliche Entwickelung sich auf dem Boden des Gottesgesetzes verstehe, wie dasselbe in den biblischen und talmudischen Codices niedergelegt ist. mnd daß ein Gremium von orthodoxen Rabbinern jederzeit über die Jnnehaltung dieser Bestimmung zu wachen habe. Dann wäre der Boden für die Möglichkeit einer Verständigung gegeben. So lange wir noch nicht so weit sind, müssen wir aus diesem unserm Standpunkte verharren, der gemeinnützige Bestrebungen für undenkbar hält, so lange die religiösen Streitfragen noch der Schlichtung harren. So lange ..wittern" wir nicht nur „Verletzung religiöser Ueberzeugung." sondern wir werden nicht müde werden, sie immer wieder und wieder zu könsiatiren, bis sie auch . von unseren Gegnern erkannt, anerkannt und gewürdigt wird. Wir halten diesen Standpunkt für den einzig wahren und wir würden ihn vertreten, selbst wenn wir der Insinuation, das Judenthum allein in Erbpacht genommen zu haben, damit neue Nahrung gaben. Aber wir wissen uns damit in guter und sogar in zahlreicher Gesellschaft. Unsere Bedenken werden von vielen Redlichen, nicht nur unter den Bekennern i>es orthodoxen, sondern auch des neologen Jüdenthüms geihttli^- die einen prinzipiellen Mischmasch ebenso entschieden wie wir verurtheilen.

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