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Der Israelit · 1902-01-30 · Heft 9 (30.1.1902) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 9 (30.1.1902)
Date
1902-01-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Massow. es sei bemerkenswerth, daß die Söhne von Christen als Offiziere früh um 6 Uhr schon ihre Rekruten drillen müssen, während andere Leute, die das Kainszeichen der geschwungenen Rase seit Jahrtausenden nicht los werden können, noch in den N a ch tkaffee's sitzen. Aber Herr v. Massow, es ist doch immer noch besser, wenn man im Nachtkaffee, als wenn man im Zuchthaus sitzt, wie Ihr verflossener hochverehrter Führer. Herr v. Mosti - H a m m e r st e i n, der die antisemitische Mauschelei in das deutsche Parlament eingeführt hat. Und warum kämpfen die Freunde des Herrn v. Massow dagegen, daß jüdische Offiziere früh um 6 Uhr die Rekruten drillen? Das wäre den Juden doch recht, wenn sie früh um 6 Uhr nicht.mehr Kaffee trinken dürften und womöglich Schlagsahne dazu nehmen und die Nase und den Löffel dabei schwingen. Uebrigens ist die Nasenweisheit des Herrn v. Massow unverständlich. Ist denn eine geschwungene Nase so schlimm? Und ist sie gar ein Kainszeichen? Wir denken doch, ein weit schlimmeres Kainszeichen ist es, wenn ein gebildeter oder gebildet sein wollender Mensch sich nicht entblödet, andere Menschen wegen ihren Nasen zu beschimpfen, sich nicht entblödet, es zu bedauern, daß andere Menschen nicht untergegangen sind, ohne daß er aus Scham vor sich sel bst in den Boden sinkt. .Aber unsere „Edlen" schämen sich nicht, zumal wenn sie Rekruten drillen müssen, während alle preußischen, deutschen und europäischen Juden ihre Mokka in den Nachtkaffee's früh'um 6 Uhr schlürfen.. Der Reichstagspräsident that das, was alle anständigen Menschen gegen dieses blöde Gehetze thun, er ignorirte vornehm den Redner und seine Rede. Der Reichstag amüsirte sich. Die neueste Nummer des „Floh" hätte auch nicht lustiger sein können. Herr v. Massow sorgte für die Heiterkeit des Hauses. Deutschland wird sich über seine Antisemiten noch todtlachen, wenn nicht ein neuer Herkules kommt und den Augiasstall antisemitischer Gemeinheiten mit eisernem Besen ausfegt. Berlin, 27. Jan. Der Gleiwitzer Rabbiner Dr. Münz hat einen Brief an den antisemitischen Reichstagsabgeo;dneten Liebermann von Sonnenberg geschrieben und diesen Brief in einem Gleiwitzer Lokalblatte veröffentlicht. ' Bon dort fand der Brief seinen Weg in die antisemitische Presse. Der in sehr pathetischem Tone gehaltene Brief betont die Heiligkeit des jüdischen Eidesund enthält dann die folgenden Sätze: „So hören Sie denn, Herr Abgeordneter! Sie sprachen, vor der großen Oeffentlichkeit des deutschen Reichstages und besaßen das Ohr Europas. (?) Ich spreche jetzt in der stillen Einsamkeit meiner Gelehrtenstube und der glühend heilige Hauch meiner Brust e r st i r b t auf meinen Lippen wie ein leises Flüstern. Aber dieses kaum vernehmbare Wort, das jetzt der „heiligsten Tiefe meines armen, gepreßten, verwundeten Herzens entsteigt," es schwillt zu einem Donner an. cs z e r r e i ß t die dunklen Wolken, welche diese Erde umlagern und dringt bis zum göttlichen Richterthrone empor. Ich erheb e jetzt meine Hand zum Sch w u r l Ich rufe Gott, den allwissenden Richter, in seiner allgegenwärtigen Majestät und unnennbaren Heiligkeit zum Zeugen der Wahrheit an. Mich durchbeben die Schauer der Ewig - keit. Ich will in den Augen Gottes ein unseliger Sünder sein, und will in den Augen meiner Mitbürger als ehrlos und i ms a m g e b r a n d m a r k t sein, wenn ich etwas verschweige,, was ich weiß, oder wenn ich den leisesten Gedanken, die entfernteste Idee, die in dieser Frage nur irgendwie aufdämmert, unter - drücke oder durch eine reservatio mentalis umgehe. Ich erhebe meine Hand zum Himmel und schwöre! Das Judenthum und die Juden kennen keinen Rituatmord. Das Judenthum und die Juden empfinden Grauen und Entsetzen wie vor den schwersten, gräßlichsten Verbrechen, vor den sog. Ritualmorden, die man ihnen unterschieben will. So tief das Meer, so hoch der Himmel, so heilig Gott der H e r r selber ist, so groß, sc gewiß, so über jeden Zweifel erhaben ist die Unschuld Israels in allen Blutanklagen, die man gegen dasselbe erhoben. Jraels Hand ist rein von Blut." Dann heißt es: „Ich habe mein Heiligstes verpfändet, ich habe geschworen. O wie gern wäre ichbereit. für diesen meinen Schwur mein Le ben_ hin zugeben und als Glaubenszeuge und Märtyrer für die Ehre Israels zu sterben, damit (?) die Welt endlich zur Erkenntniß gelange, wie sehr sich diejenigen versündigen. welche durch die bodenlosen Blutanklagen tiefe S ch m a ch (?) auf Israels unschuldiges Haupt häufen, damit es endlich wie die Posaune des Gerichts durch die Weltgeschichte gehe usw. usw." Es ist sehr fraglich, ob es richtig war, einem — Liebermann von Sonnenberg gegenüber einen so feierlichen Schwur zu leisten, wie es Herr Dr. Münz gethan. Die Antisemiten glauben an -inen „Ritualmord" ebensowenig, wie Herr Dr. Münz. Mit unseren modernen Antisemiten kämpft man nickt mit Eiden. Herr Liebermann wird dem Eide des Gleiwitzer Rabbiners ebenso wenig, wie den anderen jüdischen Eiden glauben, weil er das nicht darf. Das ist Parteitendenz und Geschäft, sonst nichts. Man schadet mit dieser Art Polemik mehr, als man nützt. Dazu ist uns. wie ja der Verfasser selbst betont, der Eid ein viel zu heiliges Ding, als daß wir ihn mit so feierlichem Apparat in Szene setzen sollten, um eine antisemitische Berläumdung damit zu entkräften. Berlin, 27. Jan. (Flüchtiger Anti fern i t?) Der Redakteur B ö ck l e r von der Staatsbllrger-Ztg.. welcher vor einiger Zeit wegen Beleidigung des Justizraths Cassel zu einer längeren Gefängnißj strafe verurthkätt wurde^hatte heute in Moabit zwei

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