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Der Israelit · 1902-01-30 · Heft 9 (30.1.1902) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 9 (30.1.1902)
Date
1902-01-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I I;! r' £ t t 1 kommt zu mir, um nach Gott zu forschen?" darauf entgegnete dieser: „Wenn nicht dies, was hätte er denn sonst erwiedern sollen. Indem er jedoch antwortete: „Das Volk kommt, um nach Gott zu forschen," — hat er gut geantwortet." Frage .und Antwort machen hier gleichmäßig Schwierigkeiten. Es ist nicht recht ersichtlich, was denn eigentlich Juda ausgefragt, noch was Rabbon Gamliel darauf geantwortet. Der Sachverhalt ergibt sich jedoch erst aus dem Zusammenhang mit den damaligen weltbewegenden Ereignisien! Unser Rabbon Gamliel hatte einen Schüler Namens >,xc* der von ihm abgefallen und später als Apostel des Christenthums sich Paulus nannte. Derselbe kann eigentlich als Vorläufer oller neologen Rabbiner betrachtet werden. Sein Grundsatz war: aus dem Judenthume müsse die nrc rnn äbgeschafst werden. Was ihm alsdann noch zurückblieb, das waren jene hochklingenden Worte von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, der Menschenliebe, der Gnade, dem inwendigen Menschen u. s. f. Man erkennt in ihnen sofort die Grundzüge jener Redensarten, wie sie ihm von seinen heutigen Nachbetern in unserer Mitte so gläubig nachgesprochen werden. Ihn trifft unser Vorwurf weniger. Hat er sich doch zu seinen Grundsätzen, bekannt und damit Schule gemacht. War er doch freimüthig genug, um zu erklären: Das, was den Inhalt der rrn bildet und in den unendlich zahlreichen Fragen des Religionsgcsetzes dargethan ist — das gehört eigentlich gar nicht zur Religion des Indent hums. Seine heutigen jüdischen Nachbeter jedoch vertreten seine Lehre, ohne den Muth zu besitzen, sich öffentlich zu ihr zu bekennen. Nur auf eine Täuschung kann es hinauslaufen, wenn sie behaupten, sie seien Jünger unseres Lehrers Mose. - Diese Frage gerade bildete Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen Juda aus Acco und Robben Gamliel. Ersterem war Folgendes ausgefallen. Im Eingänge wird uns erzählt: oyn r.x Mose setzte sich hin, um dem Volke nach der Lehre der Thora Recht zu sprechen, als ihn Jithro jedoch über sein Thun befragte, antwortete er: c-pSx r,x V'."rh zvr, •I?x xr „das Volk kommt zu mir, um nach Gott zu forschen." Es schien dem Fragesteller, als ob Mose hier eine Verwechselung der Begriffe unterlaufen wäre. Um von einem Forschen nach Gott reden zu dürfen, hätte es sich doch um Ewigkeit, Seligkeit, Unsterblichkeit, Gerechtigkeit u. s. w. handeln müssen; indeß Mose die ganz gewöhnlick-en Vorfälle des Lebens zur Entscheidung vorgelegt wurden? Das eben meinte Rabbon Gamliel mit seiner Entgegnung: Gerade diese Ordnung auch der kleinlichsten Angelegenheiten nach den Gesetzen der Thora heißt für uns im h ö ch st e n S i n n e. d e s Wortes nach Gott forschen. Nunmehr können wir uns auch zur Beantwortung der grundlegenden Frage: Was ist Judenthum, erheben. Es ist eben nichts anderes, als die Auffassung aller Vorkommnisse des menschlichen Lebens als Angelegenheiten des Gewissens und die Verpflichtung, dieselben unter Aufgebot der höchsten menschlichen Einsicht nach den Gesetzen der Thora zur Entscheidung zu'bringen. Zeitungsnachrichten» und Eorrefpondenzen. Deutschland. Berlin, 26. Jan. Zu den „Edelsten der Nation" gehört Herr v. M a s so w , streng kirchlich gesinnt und Mitglied der konservativen Partei. Herr v. M a s s o w hielt in der Samstag-Abend-Sitzung des Deutschen Reichstags eine antisemitische Rede, wie man sie zumeist nur in den Kneipen und Biersälen vom Grafen P ü ck l e r zu hören gewohnt war. Es waren ganz gewöhnliche Witze. Hat man denn von Antisemiten etwas nicht ganz Gewöhnliches zu erwarten? Mit diesen Herren streitet man nicht, und man bemüht sich auch nicht, sie zu widerlegen. Der edle Herr v. Massow bedauerte es nach einem bekannten Gassenhauer sehr, daß das r o the Meer nicht etwas früher „zuget lappt" wäre, bevor die Juden, draußen waren, da wäre, meinte der Herr v. Massow, „Millionen Thränen weniger in der Welt geflossen." Vielleicht meint der edle'Herr v. Massow die Millionen Thränen, welche die Juden bei der christlichen Verfolgung im Mittelalter zu vergießen hatten,^ soweit die Juden nicht vorher verbrannt wurden. Doch das meint Herr von Massow nicht, denn er kennt die Geschichte des jüdischen Stammes nicht. Aber die Geschichte der christlichen Religion kennt er a u ch nicht. Denn sonst würde er es als frommer Christ nicht bedauern, daß das rothe Meer nicht früher ..zugeklappt" wäre. Wo wäre denn das C h r i st e n t h u m , dessen Stifterein Jude war, wo wäre denn die ganze christliche und moderne .Kultur, die auf den Grundsätzen der Sinailehre beruht, wo wäre die von dem getauften Juden Stahl gegründete konservative Partei, zu deren Zierden der Herr v. Massow gehört? Aber der Herr v. Massow hat noch mehr hübsche Dinge gesagt. Er meinte, es wäre nicht recht, wenn die Sozialdemokraten immer „der I u n k e t" Tiefen, denn sonst könnte er, wenn Herr Singer in seinen Gummigaloschen angegondelt käme oder in der Loge sitze, rufen „d e r Jude, der Jude!" Der ehrenwerthe Herr v. Massow hat zweifellos Logik auf einer Universität nicht gehört, falls er überhaupt je eine Universität besuchte, denn sonst wüßte er, daß der Gegensatz von „Junker" nicht „Jude", sondern Junkerfeind oder Sozialdemokrat ist. Wir Juden haben mit Herrn Singer und mit der ganzen Sozialdemokratie nichts zu thun, aber warum genieren Herrn v. M a s s o w die Gummi - g a l o s ch e n des Herrn Singer? Kümmert sich Herr Singer um die O ch s e n st L l l e des Herrn v. Massow?' Man sieht, die Logik ist nicht Sache | der Antisemiten. Und schließlich meinte Herr v. lj-1 mMij um.——wiWMUBiiwwiiim ..■»»■■'" _ „ , 7-«—”

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