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Der Israelit · 1902-01-27 · Heft 8 (27.1.1902) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 8 (27.1.1902)
Date
1902-01-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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188 (Moflftii, 23. Jan. Schmerzlich empfinden wir den Heimgang -unserer braven Männer, deren ganzes Leben eine fortgesetzte in allem Guten und Edlen war. Nichr minder schmerzlich berührt uns der Verlust jener immer seltener werdenden echtjüdischen grauen, der rtr.% Eine solche np~ beklagen wir in der am 23. Tebeth, im Alter von 70 Jahren, dahingeschiedenen Frau Marie F u l d e r geb. Salin aus Thüngen. Ein langwieriges, mit großer Geduld ertragenes Leiden fand plötzlich seinen Abschluß. Eng begrenzt war der Raum ihres Wirkens, er reichte nicht weit. Nur ihrem Hause und ihrer Gemeinde gehörte sie an. Was sie aber dort geschaffen, wiegt sicher vor dem göttlichen Richter mindestens ebenso schwer, als die Großthaten. anderer, von denen die Welt spricht. Sechs Kinder, die in zartester Jugend den Vater verloren, hat diese Mutier so erzogen, daß sie nicht nur gute Menschen, sondern auch echte Juden wurden. Mancher könnte sie mit Recht darum beneiden. Was sie in Dorf und Geureinde leistete, zeugte von ihrem Edelsinn Und wie sie es leistete in ihrer grenzenlosen Bescheidenheit, die Geberin nicht kennend und für den Empfänger nicht beschämend, das dürste recht vereinzelt dastehem Keine Gelegenheit, von welcher Seite sie auch kam, ließ Iran Fulder s. A. vorübergehen/ ohne reichlich ihren Tribut gespendet zu Haben. Eine unausfüllbare Lücke läßt ihr Heimgang in dem Orte zurück, und das große Trauergefolge legte von der Achtung und Wertbschätzung dieser Frau Zeugniß ab. Der Sohn. Herr Lehrer ,B. Fulder aus Diesvek, sprach in schmerzbewegten Worten im Namen der Familie, Herr Lehrer Eschw ege widinete ihr im Namen der Gemeinde Worte der verehrenden Anerkennung: -rs.'n M. Schw.! Posen, im Jan. Die von dem Herrn Gemeinderabbiner Dr. Feilchenfeld und Herrn Rabbiner Dr. V l o ch veranstaltete Sammlung für die Relikten- Kaste Zu Gunsten der Rabbiner Deutschlands hat einen Betrag von 4440 Mk. ergeben. -— Vor und während der Chanukatagr fanden hier mehrere zahlreich besuchte festliche Veranstaltungen zu wohlthätigen Zwecken statt. Zunächst seitens des Vereins „Frauenhülfe," dessen Bestrebungen dahin gehen, alleinstehenden -bedürftigen Frauen und armen Wöchnerinnen hülfreich beizustehcn, alsdann seitens des „Vereins zur Bekleidung dürftiger Kinder." Bei dieser Gelegenheit wurden die -Kinder auch festlich bewirthet und ihnen ein fröhlicher Abend bereitet. Bei beiden Veranstaltungen . wirkten Herren und Damen musikalisch und deklamatorisch als Dilettanten. Bemerkenswertst ist hierbei, daß an den Wohlthätigkeitssinn unserer Gemcindemitglieder, der sich bei solchen Gelegenheiten glänzend bewährt, auch von christlicher Seite jahraus, jahrein nicht geringe Forderungen gestellt werden, wenn es gilt, das Elend de^ ärmeren Volksklastcn zu lindern oder gemeinnützige Zwecke zu fördern. — Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse der letzten Volkszählung veranlassen zu einem Rückblicke ans die Vergangenheit bezüglich des Zustandes der jüdischen Gemeinden der Provinz Posen, die früher das größte .Kontingent zur jüdischen Bevölkerung Preußens stellte. Ta ist es denn ersichtlich, wie bedeutend der Rückgang ver jüdischen Bevölkerung der Städte gegen das Jahr 1857 ist, aus welchem Jahre zufällig dem Einsender statistisches Material vorliegt. Nehmen wir zunächst die Provinzialhauptstadt Posen, so war im Jahre 1857 die Seelenzahl der hiesigen Gemeinde 7677 — freilich einschließlich der umliegenden Dorfschaften. deren jüdische Bevölkerung aber heute verschwindend klein ist — heute beträgt sie 5088. Dieselbe Erscheinung tritt bei vielen anderen größeren Gemeinden hervor. So hatte Lissa 3500 Seelen, heute 1163, Kempen 3282. heute 1059, Jnowrazlaw 2300, heute 1389, Krotoschin 2098, heute 670, Ostrowo 1632, heute 792, Gnesen 1750. heute 1179, Schneidemühl 1039, heute 737, Rogasen 1500, heute 666 u. s. w. Viele kleine Gemeinden sind seitdem gänzlich aufgelöst und in manchen kleineren Städten, in denen früher ein blühendes Gemeinwesen vorhanden war, befindet sich überhaupt kein Jude mehr. Bromberg allein ist von 1200 jüdischen Seelen im Jahre 1857 auf 1519 gestiegen. Hierbei muß in Betracht gezogen werden, daß schon damals <1857) die Seelenzahl der Juden gegen die Zeit von.1848, in welchem Jahre erst den Juden der Provinz Posen die Niederlassung in anderen Provinzen gestattet wurde, bedeutend geringer war, ferner, daß in allen genannten Städten, wie überall, die Bevölkerungszahl seitdem zugenommen hat, so daß der Rückgang der jüdischen Bevölkerung noch ausfälliger wird. So B. batte Posen im Jahre 1846, bei einer Bevölkernngszahl von 48,000 Seelen, nahe an 10,090 Inden und war somit die größte jüdische Gemeinde Preußens; erst nach 1848 wurde es von Berlin und Breslau überflügelt. Noch mehr in die Augen fallend ist der Rückgang bei der Vergleichung der Ergebnisse der Volkszählung von 1885 gegen 1900. In jenem Jahre betrug die Bevölkernngszahl der Provinz Posen 1,392.636. darunter Inden 74,031, 1900 — 1,887.275, darunter Juden 35,327. Damals überstieg der Zuwachs der Juden in Preußen gegen 1852 den der Katholiken um 1.90 pEt.. de-i der Protestanten um 1,58 pCt., wahrend Jjeute gegen 1895 die Zunahme der Juden gegen Katholiken 6,90 vEt.. gegen Protestanten 3,88 pEt. weniger beträgt. Erklärlich wird diese bedauerliche Erscheinung nur durch die Einführung der allgenieinen Freizügigkeit und Zunahme der Auswanderung, sowie für die Provinz Posen insbesondere durch die Erstarkung des Polonismus, der namentlich den Juden erfolgreiche Konkurrenz macht, so daß ein großer Theil derselben alljährlich sich genöthigt sieht, die Provinz zu verlassen. - Uu'-sb 1-21 noch die Mittheilnng, daß, wie die hiesigen Gold- und Silberwaarcnhändler sich geäußert haben, noch nie so viele Chanukaleuchter verkamt worden sind.-wie in diesem Jahre, was ja gewiß sehr erfreulich ist.

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