Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1902)
- Date
- 1902-01-23
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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Nun ist es aber wahr, daß wir bei all unserer Tätigkeit, bei allen menschlichen Beschäftigungen, das Maß einer Zeit je nach Belieben bestimmen können, b. heißt, es kann sich eine Thätigkeit in rascherem oder trägerem Tempo vollziehen. Ein gewisser Spielraum ist gegeben, je nach den objektiven oder subjektiven Verhältnissen. „Niemals aber wird man die Grenze der Leistungsfähigkeit überschreiten können, soll von einer Leistung, in auch nur annäherndem Sinne, noch die Rede sein." Das meint schon der Volksmund mit der Behauptung: „schnell und schön kann nicht zusammen geh'n," oder „gut Ding will Weile haben," „eile mit Weile." „Der Vorbeier" — so sagt man — „soll und muß ja schließlich auch eine gewisse Zeit brauchen: er möge nur Maß halten, er soll — nur nicht zu langsam beten." Zu langsam! Ganz richtig.- Das Wort schließt einen Vergleich in sich, wie alle Zusammensetzungen von Adjektiven mit der Partikel zu. Wer einen Meter Stoff kauft, bekommt aber nur neunzig Eentimeter. der hat entschieden „z u wenig" erhalten. Bekommt man anstatt eines Pfundes sechshundert, Gramm, so iss das eben „zu viel." Ein Kleidungsstück kann „zu lang" oder „zu kurz" sein, wenn ich es mit meiner wahren Köpergröße vergleiche, rin Gegenstand „zu billig" oder „zu theuer," wenn ich seinen tatsächlichen Werth vergleiche mit dem Einkaufs- oder Verkaufspreise. Eine Last kann „zu schwer" sein im Vergleich zu meiner Tragkraft. Doch was heißt nun „zu langsam" beten? Es müßte wohl genau zu bestimmen sein, wie langsam man beten darf und wie nicht! Die Redensart vom goldenen Mittelweg ist eine leider viel mißbrauchte Phrase, die bei „Verlegenheiten aushilft." ein „ausgetretenes Geleise." in dem nicht Jeder wandeln möchte. Man möge doch endlich einmal drm Lehrer sagen, wie „viele Minuten und Sekunden er zu seinem. Gebete brauchen darf, daruit er den Vorwurf der Langeweilung sich erspart. Da aber Jeder sich zu solchen! Vorwürfe berechtigt hält, mag er dem religiösen Leben noch so serne stehen, mag er in religiös-wissenschaftlichen Dingen noch so sehr ein Laie sein, so stehen wir vor der Frage: Wer soll die Norm abgeben? Wer soll maßgebend sein? Derjenige etwa, welcher bei Boruch scheomor das Gotteshaus betritt? Oder vielleicht ein anderer, der zu Sch'ma oder gar zur Sch'mono Esre seinen: Gotte die „Ehre schenkt?" Es ist ja allzubekannt. daß Jeder sich selbst für maßgebend hält, ja. daß Jeder von sich selb st die gute Meinung hegt, daß er „W ort für W o r t" gebetet und doch um ein Drittel, oder sogar um zwei Drittel weniger an Zeit gebraucht. als der Herr Lehrer. Nach wem soll nun der arme Mann, welchen man den „Gemeinde-Boten," Scheliach-Zibur, nennt, sich richten? „Um aus dem Dilemma zu kommen, muß er eben diese „gute Meinung." welche Jeder so selbstzufrieden in sich trägt, zu zerstören suchen, in ‘ihi Nichts aufzulösen. Es gilt, zu zeigen, was es heißt. Wort für W o r t zu beten. Es gilt, den Grundsatz zu verfechten, daß ausschlaggebend und als Norm nur ein Beten angesehen werden kann, das den Anforderungen des lautreinen und lautrichtigen, des mechanischen und verständigen Lesens entspricht." Letzteres involvirt zugleich die Andacht beim Gebete. Unter laut richtigem und lautreinem Lesen versteht man die richtige, genaue Bezeichnung des Schrift- oder Lautzeichens durch die Aussprache. Sowohl Konsonanten als Vokale, einzeln wie in der Verbindung oder Nebeneinanderrichtung sollen nach der ihnen zukommenden lautlichen Aussprache zum Ausdruck gelangen. Harte und weiche Laute. Schärfungen und Dehnungen sind zu unterscheiden. Das alles verlangt nicht etwa nur die moderne Lesemeihode; es ist auch deutlich als gesetzliche Forderung in unseren Gebetsvorschriften ausgestellt. Man denke nur an die bekannten Anweisungen für das richtige Lesen des Schema: Der Endlaut eines Wortes, möge mit dem gleichen Anlaut des nächstfolgenden nicht als ein einziger gehört, mit ihm zusammengezogen werden, und Sch'wa mobile und Sch'wa quiscent sollen mit einem gewissen Stolze auf diese alten Leseregeln Hinweisen, welche den Anforderungen der modernen Pädagogik konform sind, ja in manchen Punkten sie an peinlicher Genauigkeit noch übertreffen. Das „mechanische Lesen" bedeutet die Fertigkeit, nach dem Anschaucn des Schriftzeichens, des Wortbildes, sofort den entsprechenden Laut bezw. die entsprechende Lauiverbindung hervorzubringen. Wo diese Fähigkeit nicht vorhanden, da wird als natürliche Folge Stottern und Stammeln sich einstellen, die Unsicherheit zeigt sich in öfterem Ansetzen, im Probiren. den einen oder anderen Laut zu lesen. „Das l a u t e n r e i n e Lesen muß durch fortgesetzte U ebun g zur mechanischen Fertigkeit steigern." Die Ungeläufigkeit ist nicht nur für den Lesenden eine Plage, sie erzeugt. besonders beim lauten Vortrage, oft das peinliche Gefühl einer Verlegenheit, die sich selbst auf den thcilnahmsvollen Zuhörer überträgt. Hierher gehört beispielsweise das schlechte „Kaddischsagen," das bei so Vielen im Trauerjahre, besonders in der ersten Zeit desselben, zu hören ist. Der ganze Vortrag des wichtigen Gebetes, namentlich des Al Jisroel, gleicht dem Holpern und Rumpeln eines schwerbeladenen Bierwagens oder sonstigen Lastfuhrwerkes über ein höchst unebenes Straßenpslaster. Ein solches Kaddisch nöthigt oft unwillkürlich dem Lehrer oder auch anderen ein verstohlenes Lächeln ab,, ganz im Widerspruch mit der Heiligkeit des Ortes und dem Ernst der Sache. Wie gesagt, ist die Ursache des schlechten mechanischen Lesens zu suchen in der Vernachlässigung des lautrichtigen und lautreinen Lesens in erster Linie, sodann aber besonders im schnellen Lesen. Gerade letzteres führt zu dem getadelten Uebelstand. Die Hauptsache ist eben das sichere Lesen, das schnelle „kommt von selbst." Diese goldene Regel wird freilich sogar von manchen Pädagogen außer Acht ge-