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Der Israelit · 1902-01-23 · Heft 7 (23.1.1902) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 7 (23.1.1902)
Date
1902-01-23
Page
– (sequence 30)
Language
German
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Haus aufsucht, daß man auch da die Zeit, welche diesem „Besuche" gewidmet wird, auf das Mindestmaß beschränken mochte. Auch da wird man die Lhatfache. daß die alten Chassidim und Ansche-Maaseh eine Stunde schon vor dem eigentlichen Gottesdienste zur Stelle waren, um sich zu sammeln, nur belächeln, höchstens sich zu der spöttischen Erwiderung hcrbeilassen: Die haben offenbar viel Zeit übrig gehabt, sic hatten ja nichts anderes zu thun. Eine ganze Reihe von Erscheinungen kann jeder beobachten, wird jeder aus Erfahrung kennen, die alle mit einem solchen Gottesdienste verbunden, der nach Minuten und Sekunden bemessen wird. Zunächst fehlt ihm die innere Weihe, die Herzensandacht. Man steht ja -„auf Kohlen." Damit ist aber nicht nur der eigentliche Zweck verfehlt, es naht sich auch der unheimliche Geist der Langeweile und treibt in mannigfacher Abwechslung sein Unwesen. Hier wird geplaudert, dort gegähnt; der Eine liest deutsche Bibelübersetzung oder die deutsche Uebertragung von Gebetstücken, die zur Stunde nicht angebracht sind. Doch das wäre noch nicht das Schlimmste; denn hie und da soll es sogar Vorkommen. daß eine Profanlektüre, ja mitunter die Zeitung, halb verstohlen, halb offen das Gespenst der Langeweile verscheuchen hilft. Eine weitere Begleiterscheinung ist das Zuspätekommen, welches so an der Tagesordnung .ist, wie das zu frühe Verlassen des Gotteshauses. Oft 'sind kaum die letzten Saumseligen erschienen, wenn die Ersten schon wieder mit dem Fortgehen beginnen. Die Synagoge gleicht einem Taubenschlage, von einer Ordnung kann schlechthin nicht die Rede sein, und man dürfte sich gerade nicht sehr darüber echauffiren. wenn der Ausdruck ,>Judenschu!" in wenig schmeichelhaftem Sinne von Andersgläubigen gebraucht wird, besonders um den Inbegriff der Unordnung und des Durcheinander an einem lebendigen Beispiele darzuthun. Wie man aber im übrigen Leben nicht in Berlegenheit ist, wenn es gilt, einen Fehler zu entschuldigen, eine Blöße 311 bemänteln, so fehlt es auch in genannter Hinsicht nicht an Versuchen, die Uebelstände — sofern man sie überhaupt erkennt und anerkenni — zu erklären. Man sucht Ursachen dafür anzugeben, die eine Entschuldigung darstcllen sollen, man sucht instinktiv nach Gründen der Verthcidigung der eigenen Handlungsweise, der persönlichen Gewohnheit, und seien diese Gründe noch so fadenscheiniger Natur. Und sind auch diese Scheingriinde im allgemeinen gar leicht zu widerlegen. ist ihre Widerstandskraft gegen die Macht der Wahrheit oft auch erbärmlich gering, so dürfte es sich trotzdem ' der Mühe verlohnen, hier eine zusammenhängende Darstellung zu geben, um alle jene Redensarten, welche in dieser Hinsicht gang und gäbe sind, in ihr Nichts zurückzuführen. „Es soll dies hier aber namentlich mit Rücks icht auf den Lebrer geschehen, auf dessen berufliches Wirken. sich jene Redensarten vereinigen, wie in einem Krystallifationspunlte."- . Der Lehrer betet zu langsam! Das ist die erste und letzte Rechtfertigung all* jener Mißstände, die wir teilweise vorher geschildert. Immer und überall kehrt sie wieder, diese fade Phrase. Wohl steht mancher ein. daß die winterliche Kälte cs nicht sein kann, welche das unschöne Bild des Gottesdienstes schafft^ denn ist es wohl im Sommer, wenn „die Gärten blühend stehen." um ein Haar anders? Selbst die Länge des Gottesdienstes thut nichts zur Sache; zum Beweis: man kommt selbst zum Minchagebet des Sabbats zu spät und verläßt die Betstätte vor Beendigung der Andacht. Trotzdem hält.man zähe an einer Ausrede fest, so fest, wie der Ertrinkende am Strohhalme: „Der Lehrer betet zu langsam! Er ist als Vorbeter der Sündenbock. Er ist schuld, wenn von den „andächtigen" Gemcindemitgliedern so manche gerne, d. h. absichtlich, zu spät erscheinen: er ist schuld, wenn so mancher beim Schließen seines Vetpultes ostentativ geräuschvoll den Schlüsselbund bemerkbar macht, demonstrativ früher das Gotteshaus verläßt, um seine gegentheiligr „bessere" Einsicht der Welt tund zu thun; er ist schuld, wenn das bekannte Fußschleisen zu Ose Scholaum seitens der Gemeinde schon rausch:, wenn er. der Vorbeter, erst bei W'lcunalschinim hält; ja. der Lehrer „mit seinem langsamen Vorbeten" hat es zu verantworten, wrnn die nöthige Zehnzahl von Religionspflichtiyen nicht mehr vorhanden, um beispielsweise das Kaddisch nach Olenu zu sprechen. Das langsame Vorbeten ist der Grund. — so glaubt gar mancher Parnoß und Gemeindegewaltige, die bekanntlich alles besser verstehen — warum das Gotteshaus überhaupt sich einer solch schlechten Frequenz „erfreut." „R a s ch e r e s V 0 r b e t e n wird als das Allheilmittel gegen alle Gebrechen Und Sünden gepriesen und anempfohlen." Mit diesem Allheilmittel verhält es sich indeß genau so. wie mir dem gutgemeinten Rathschlage unserer lieben Antisemiten, welche uns glauben machen möchten, daß aller Judenhaß sich in reine Nächstenliebe verkehren würde, sobald Sems Nachkommen allesammt Handwerker oder Bauern geworden, sobald sie vom kaufmännischen und Gelehrtenberufe zurücktreten, wenn sie ihre religiöse Eigenart aufgebeu oder auch ihr Hab und Gut an die Nichtjuden aufzutheilen beginnen. Doch gehen wir näher auf das „raschere Vorbeten" ein. Alles im Leben braucht eine Zeit. Zeit ist die erste und „ursprünglichste Bedingung." an die jede Thätigkeit. jede Aeußerung unseres Lebens mit eiserner Nothwcndigkeit geknüpft ist. Ja, unser ganzes Sein, unsere ganze Existenz ist von der Z e i t bedingt und begrenzt. „Es ist eine Zeit der Geburt und eine Zeit des Sterbens." meint der weiseste Prediger. „Jedes Ding hat seine bestimmte Zeit." auch wenn sie für unser Bewußtsein, für unsere Empfindung eigentlich nicht in Betracht kommt, wem: sie verschwindet. wie der winzig kleine Punkt für die sinnliche Wahrnehmung durch unser Auge. „Soll gerade züm Beten kerne Zeit nöihig sein? Das wird wohl kein Vernünftiger leichterdings behaupten wollen. -

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